Bremen/Utrecht - Klimaforscher prognostizieren, dass der globale Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten steigen werde. Zugleich aber könnte der Wasserspiegel vieler Seen als Folge der Erderwärmung erheblich fallen – und zwar mit dramatischen Folgen für Umwelt, Wirtschaft und die Gesellschaft allgemein. Das haben deutsche und niederländische Forscher jetzt am Beispiel des Kaspischen Meeres gezeigt. Dessen Wasserspiegel könnte bis zum Ende des Jahrhundert um neun bis 18 Meter abgesunken sein, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin Communications Earth & Environment.

Das Kaspische Meer, auch Kaspisee genannt, ist der größte See der Erde. An ihm liegen fünf Länder: Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Aserbaidschan. Der See ist 371.000 Quadratkilometer groß – und damit etwas größer als Deutschland. Eine Verbindung zum Meer besitzt der Salzsee nicht. Er gehört damit zu den sogenannten endorheischen Gewässern, was aus dem griechischen endon („innen“) und  rhein („fließen“) kommt. Zu ihnen gehören in Asien auch das Tote Meer und der Aralsee, in Afrika der Tschadsee, in Amerika der Große Salzsee und in Europa der Neusiedler See, um nur einige zu nennen.

Fläche des Kaspischen Meeres könnte um bis zu bis 34 Prozent schrumpfen

Der Wasserspiegel des Kaspischen Meeres wird durch Niederschläge, Verdunstung und Zuflüsse bestimmt – der größte ist die Wolga. Darstellungen zufolge sank der Wasserspiegel vor allem in den 1930er- bis 1980er-Jahren, damals vor allem als Folge des Rückgangs von Niederschlägen, der umfangreichen Wasserentnahme aus der Wolga und anderen Flüssen sowie des Baus der großen Wolga-Staustufen. Bis 1994 soll der Wasserspiegel dann wieder anhaltend gestiegen sein, sodass Siedlungen und Industrieanlagen sogar gegen Überflutungen geschützt werden mussten. Wissenschaftler sehen die Schwankungen im Wasserspiegel als Ergebnis eines komplexen Geschehens aus Klimaveränderungen, menschlichen Eingriffen, Schwankungen der Großwetterlage,  Plattenverschiebung in der tektonisch aktiven Region und Klimaveränderungen.

Seit Jahren falle der Wasserspiegel wieder, behaupten die deutschen und niederländischen Forscher. Seit den 1990er-Jahren seien es einige Zentimeter jährlich. Als Grund nennen sie die zunehmende Verdunstung durch die globale Erwärmung, die nicht durch Zuflüsse oder Niederschläge ausgeglichen werde. Bis 2100 werde sich – je nach Entwicklung der Kohlendioxid-Emissionen – das Absinken des Wasserspiegels auf neun bis 18 Meter summiert haben, so ihre Prognose.

Zum Vergleich: „Wenn die Nordsee zwei oder drei Meter abfallen würde, würde der Zugang zu Häfen wie Rotterdam, Hamburg und London behindert“, erklärt Frank Wesselingh, Biodiversitäts-Forscher an der Universität Utrecht. „Fischerboote und Containerriesen würden gleichermaßen Probleme haben“, ja alle Länder an der Nordsee hätten ein großes Problem. Beteiligt an der Studie waren auch Wissenschaftler aus Bremen und Gießen.

„Das Kaspische Meer steht repräsentativ für viele andere Seen auf der Welt. Dass laut unseren Modellen wegen des Klimawandels hier ein Binnengewässer dramatisch schrumpft, ist vielen Menschen gar nicht bewusst“, sagte Matthias Prange, Experte für Geosystemmodellierung an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Auch im Bericht des Weltklimarates (IPCC) blieben die Seen unbeachtet. Das müsse sich ändern. Gebraucht würden mehr Studien und mehr Wissen über die Folgen der globalen Erwärmung für die Binnengewässer und die Regionen, in denen sie liegen.

Mit dem sinkenden Wasserpegel werde die Fläche des Kaspischen Meers um 23 bis 34 Prozent schrumpfen, ergaben die Modellierungen. Das verringere den Lebensraum und verschlechtere die Bedingungen für viele Tier- und Pflanzenarten. Als Beispiel nennen die Forscher die Kaspische Robbe, die von der Weltnaturschutzunion bereits als gefährdet eingestuft wurde. Für sie verkleinere sich beim Sinken des Wasserspiegels die Eisfläche im Winter – ihre „Kinderstube“. Die Tiere verlören außerdem wertvolle Nahrungsgründe. Im See leben etwa 150 Fischarten. Darunter 90 Prozent des Störbestands der Welt, denn das Kaspische Meer ist der Hauptproduktionsort für schwarzen Kaviar.

Politische und wirtschaftliche Folgen sind zu erwarten

Ein Rückgang des Wasserspiegels um neun bis 18 Meter bedeute, „dass der riesige nördliche kaspische Schelf, der turkmenische Schelf im Südosten und alle Küstengebiete im mittleren und südlichen Kaspischen Meer unter der Meeresoberfläche hervorkommen“, schreiben die Forscher. Außerdem werde die flache Lagune Kara-Bogas-Gol am Ostufer in Turkmenistan vollständig ausgetrocknet sein.

Die wirtschaftlichen und politischen Folgen insgesamt könnten gravierend sein. Fischereigebiete würden kleiner, Probleme durch den Wassermangel verschärft, Erholung und Tourismus beeinträchtigt, schreiben die Forscher. Auch politische Spannungen in einer ohnehin instabilen Region seien zu erwarten. Erst 2018 haben die fünf Anrainerstaaten einen Vertrag über den rechtlichen Status des Kaspischen Meeres unterzeichnet. Er soll die wichtigsten rechtlichen Fragen rund um die Nutzung des größten Binnensees der Erde regeln. Dabei geht es um Grenzziehung, wirtschaftliche Erschließung sowie militärische Aktivitäten.

Was für das Kaspische Meer eher als Prognose gestellt wird, ist in anderen Teilen der Welt bereits im Gange. So sank etwa der Wasserspiegel des Aralsees seit den 1960er Jahren bis 1997 um 18 Meter. Die Fläche des Sees ging um 44,3 Prozent auf 29.630 Quadratkilometer zurück. Einer der Hauptgründe dafür war die Entnahme großer Wassermengen für riesige Baumwollplantagen in Kasachstan und Usbekistan. Durch den geringeren Zufluss sank der Wasserspiegel des Sees kontinuierlich. Es entstand eine Wüste, Aralkum genannt. Das oberflächennahe Wasser der restlichen See-Teile heizt sich übermäßig auf. Jährlich verdunstet zusätzlich eine große Menge an Wasser. Und durch den Klimawandel wird der Zufluss von neuem Wasser unberechenbarer.

Foto: Nasa
Satellitenbilder zeigen das Schrumpfen des Aralsees. Links: 1989, rechts: 2008.

Ein anderes Beispiel ist der Tschadsee am Südrand der Sahara. Die einst 22.000 Quadratkilometer große Fläche des Sees schrumpfte seit 1963 um mehr als 90 Prozent. Allerdings verweisen Forscher darauf, dass der See seit Jahrhunderten ein veränderliches Wasservolumen und veränderliche Uferlinien habe. Dennoch zeigen Satellitenbilder ein so starkes Schrumpfen, dass ihn Wissenschaftler angeblich schon in Trockener Kleiner Tschadsee umbenennen wollten.

Der nur sieben Meter tiefe Süßwassersee trocknet bei anhaltender Dürre schnell aus, wird aber in der Regenzeit wieder aufgefüllt. Dies passiere seit Jahrzehnten ungenügend, sagen Forscher. Zugleich stieg der Wasserverbrauch. Forscher beobachten zwar eine Stabilisierung des Sees und hoffen auch darauf, dass ein Grundwasserreservoir unter dem See das weitere Austrocknen verhindert. Dennoch zeigten sich in den vergangenen Jahren bereits die Folgen des Wassermangels in einer Region, deren Bevölkerung von Landwirtschaft, Fischfang und Viehzucht lebt. Politische Spannungen verschärfen sich. Es drohen Kämpfe um das dringend benötigte Wasser für 30 Millionen Menschen.

Zum Sinken des Wasserspiegels der großen Seen hat also der Mensch mit Landwirtschaft und Industrie entscheidend beigetragen. Der Klimawandel mit zunehmender Dürre und den geringeren Niederschlägen verstärke das Problem, sagen Forscher. „Dieser Aspekt des Klimawandels – sinkende Wasserspiegel der Seen – könnte ebenso verheerend sein wie der Anstieg des globalen Meeresspiegels“, schreiben die Autoren der Studie zum Kaspischen Meer. Sie schlagen die Einrichtung einer globalen Taskforce vor. Diese soll Anpassungsstrategien für das Kaspische Meer und andere große Seen und Regionen entwickeln, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. (mit dpa/fwt)