Berlin - Michael Müller schaut nach oben an diesem Vormittag im Wedding. Nicht weil der Regierende Bürgermeister den Fotografen auf dem Campus Virchow der Charité ein Motiv mit Symbolkraft liefern möchte. Er soll zwar gleich hier im begrünten Hof coronakonform eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen, die das Land Berlin, die Charité und das Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB) schließen: Die Uniklinik und die DHZB-Stiftung werden zusammengehen. Es geht bergauf, das könnte der Blick sagen wollen. Stattdessen fragt Müller: „Hier wird demonstriert?“, und schaut hoch zu einem Türmchen. Ein Transparent hängt daran, darauf steht: „Pflege im DHZB. Wir reden #Klartext.“

„Gesundheitsstadt 2030“, das ist ein Werbeslogan. Doch die Gesundheitsstadt Berlin hat zuletzt nicht nur für positive Schlagzeilen gesorgt. Pflegekräfte des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes haben erst in dieser Woche wieder in Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf, Friedrichshain und Mitte für bessere Arbeitsbedingungen geworben. Deshalb war Müllers Frage nicht aus der Luft gegriffen, doch nun erfährt der SPD-Politiker, dass es sich um eine Werbeaktion für neue Pflegekräfte handelt. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des DHZB und Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstands, berichtet über eine Kampagne, mit der sie Interessierten, Auszubildenden, Rückkehrern in den Job vielleicht sogar, die schönen Seiten, aber auch die Herausforderungen des Berufs zeigen wollen.

Sie alle können sich zumindest schon mal auf einen hochmodernen Arbeitsplatz freuen. Denn die Vereinbarung zwischen Land und Charité sieht einen Neubau vor: 2028 soll er fertig sein. 2023 beginnen die Arbeiten. Einige alte Häuser auf dem Campus Virchow müssen dafür weichen. Der Name ist nur an seinem Ende neu: Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC). „Es entspricht höchsten Standards“, sagt Michael Müller, als er im Weißen Saal des Herzzentrums angekommen ist und nun über die künftige Errungenschaft referiert. „Wir werden die Menschen in Berlin, aber auch darüber hinaus, bestmöglich versorgen können.“ Der Regierende Bürgermeister meint: „Wir haben durch die Kooperation wirklich die Chance, etwas voranzutreiben.“ Und er hebt hervor: „In Berlin gibt es einen großen Willen, das zu unterstützen.“

In Zahlen gefasst, liest sich dieser Wille so: Knapp 300 Millionen Euro investiert Berlin in das Gebäude, dessen Einrichtung, die Infrastruktur. 100 Millionen Euro steuert der Bund bei. „Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Müller. Das sei ein erfreuliches Signal: „Es wird wieder hingeguckt, was hier in Berlin passiert.“

Astrid Lurati ist Vorstand Finanzen und Infrastruktur der Charité, und sie fasst, das was dort passiert, in einer Kurzformel zusammen: „Das DHZC als digitale Modellklinik.“ Sie erklärt: „Wir werden nicht nur ein neues, wir werden ein anderes Klinikum schaffen.“ Das umfasst knapp 30.000 Quadratmeter Nutzfläche, beherbergt 320 Patientenbetten. Zusammen mit den Kapazitäten des Campus Benjamin Franklin in Lichterfelde und des Campus Mitte verfügt das Herzzentrum dann über rund 470 Betten. Neun klassische Operationssäle wird es geben, dazu zwei Hybrid-OPs, mit radiologischer Bildgebung, einer sogenannten Angiografie-Anlage. Sieben Herzkatheter-Labore sind vorgesehen, CT, MRT, Röntgen. Eine zentralisierte Notaufnahme kommt in dem Gebäudekomplex unter, an den ein Landeplatz für Hubschrauber angeschlossen ist.

Start-ups sollen ans Herzzentrum andocken

Michael Müller ist davon überzeugt, „dass das sehr viele interessiert, die im weiteren Prozess Partner sein können, Partner sein wollen“. Start-ups sollen an das DHZC andocken, Unternehmen der Medizintechnik. Hans Maier, der dem Stiftungsrat des Herzzentrums vorsteht, stellt „einen Innovationsfond für Start-ups und Spin-outs“ in Aussicht, der Neugründungen und Ausgründungen finanziell auf die Sprünge hilft. „Es wird eine eigene Ausbildungsakademie geben“, sagt Maier. Für patientennahe Forschung und Lehre sind rund 1000 Quadratmeter in dem Gebäude reserviert.

„Wir werden die klassische Klinikstruktur ein Stück weit verlassen“, sagt Volkmar Falk und erklärt den tieferen Sinn der Kooperation seines Herzzentrums mit der Charité aus Sicht des Ärztlichen Direktors. Er spricht von Subspezialisierung, von Spezialisierung innerhalb eines Spezialgebiets, der kardiovaskulären Medizin. „Wir brauchen subspezialisierte Teams, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche eine hohe Qualität bereitstellen können“, so Falk. Die Charité werde ihr Knowhow in das Gemeinschaftsprojekt einbringen, das Herzzentrum ebenfalls seine Expertise. „Wir machen Herz- und Lungentransplantation. Wir haben eine große Kinderherzchirurgie. Das bringen wir alles mit“, sagt der Ärztliche Direktor.

Gemeinsam sind sie stark. So ungefähr formuliert es auch Heyo K. Kroemer, der Vorstandsvorsitzende der Charité, als er das DHZC als „eine der modernsten Kardiologien Europas“ ankündigt und „national sowie international neue Maßstäbe in Versorgung, Forschung und Lehre“ verspricht. Erleichtert zeigt sich Kroemer, dass sie nach mehr als drei Jahren endlich einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Sie haben zwei unterschiedliche Rechtsformen rechtlich synchronisiert, die Körperschaft des öffentlichen Rechts mit der Stiftung.

Doch damit sind längst nicht alle Hürden aus dem Weg geräumt. „Es treffen zwei Kulturen aufeinander“, sagt Volkmar Falk, „wir werden dafür sorgen müssen, dass dieser Prozess möglichst reibungsfrei vonstattengeht.“ Das könnte zu der Kampagne passen, die Michael Müller interessiert hat: „Pflege im DHZB, wir reden #Klartext.“