Berlin - Genau ein Jahr ist es her, dass das neuartige Virus, das bis heute eine ganze Gesellschaft in Atem hält, seinen Namen erhielt. Am 11. Februar 2020 schlugen Forscher in einem wissenschaftlichen Artikel vor, es Sars-CoV-2 zu nennen. Ein Überblick über die Regeln für die Benennung neuer Viren – und was bisher über die Herkunft des Virus bekannt ist.

Die ersten Fälle schwerer Lungenentzündung durch einen bislang unbekannten Erreger waren im Dezember 2019 aus dem chinesischen Wuhan an die WHO gemeldet worden. Es wurde als neuartiges Coronavirus identifiziert und erhielt den vorläufigen Namen „2019-nCoV“. Aber auch andere Namen kursierten. Das National Center for Biotechnology Information (NCBI), ein zentrales US-Institut, nahm es zum Beispiel als „Wuhan seafood market pneumonia virus“ in seine Taxonomie-Datenbank auf.

Aber bis heute ist gar nicht klar, ob der eigentliche Ursprung des Virus wirklich in Wuhan und auf dem dortigen Großhandelsmarkt für Fische und Meeresfrüchte liegt, auf dem auch Wildtiere verkauft wurden. Auch obliegt die Aufgabe der Namensgebung für ein neues Virus nicht irgendeinem Institut, sondern dem International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV), einem 1971 gegründeten Gremium, dem etwa 500 Virologen angehören.

Von der Fledermaus über Zwischenwirte bis zum Menschen

Hinzu kommt, dass die WHO im Mai 2015 die Orientierung ausgegeben hatte, Viren nicht weiter mit Trivialnamen zu versehen, die bestimmte Orte oder Personen beinhalten, so wie es bis dahin Praxis war. Einige Beispiele: Das Epstein-Barr-Virus, ein Herpesvirus, wurde nach den beiden Virologen benannt, die es 1964 entdeckten. Das Marburg-Virus erhielt seinen Namen, weil das von ihm ausgelöste hämorrhagische Fieber erstmals 1967 bei Laborangestellten im hessischen Marburg auftrat. Die großen Pandemien erhielten ihre Namen nach den Orten ihres vermuteten Ursprungs oder der ersten Berichte darüber: Spanische Grippe (1918), Asiatische Grippe (1957) und Hongkong-Grippe (1968). Auch der Name des Coronavirus Mers-CoV (2012) bezieht sich auf eine Region: „Middle East Respira­tory Syndrome“.

Die Coronavirus-Studiengruppe des ICTV machte sich an die Aufgabe der Einordnung des neuen Virus in die „universelle Nomenklatur für Viren“ (Taxonomie). Die 17 Autoren wiesen in ihrer Arbeit vom 11. Februar 2020 auf die Größe der Familie der Coronaviren hin, die zur Ordnung Nidovirales gehöre. Sie umfasst 39 Arten in 27 Untergattungen, fünf Gattungen und zwei Unterfamilien. Insgesamt sind mehr als 2500 verschiedene Coronaviren in der Taxonomie erfasst.

Foto: Robert-Koch-Institut
Ein eingefärbtes Isolat von Sars-CoV-2 aus Italien, aufgenommen mit dem Elektronenmikroskop. Die Größe: 100 Millionstel Millimeter.

Das für die derzeitige Epidemie von Atemwegserkrankungen verantwortliche Coronavirus gehöre auf taxonomischer Ebene zu derselben Virusspezies wie der Erreger des Sars-Ausbruchs im Jahr 2002/03, schrieb die Corona-Studiengruppe in ihrer Arbeit, die am 11. Februar 2020 zunächst auf dem Preprint-Server BioRxiv erschien, später im Journal Nature Microbiology. Da dieser Erreger Sars-CoV genannt worden war, bekam das neue Virus den Namen Sars-CoV-2. Das bedeutet in Langform: Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus Type 2. Am selben Tag verkündete die WHO, dass die neue Krankheit Covid-19 genannt werde. Dies stehe für „Corona Virus Disease“, die 19 für das Jahr des erstmaligen Auftretens, 2019.

Die Verwandtschaft von Sars-CoV-2 mit dem Sars-Virus war über Gensequenzen eindeutig festgestellt worden. Bereits am 13. Januar 2020 lag ein vollständiges Isolat des neuen Coronavirus vor – mit kompletter RNA-Genomsequenz. Sie umfasste 29.903 Nukleotide. Bis Mitte Februar 2020 gab es mehr als 40 vollständige Genomanalysen.

Innerhalb von zwei Jahrzehnten sei zum dritten Mal ein tierisches Coronavirus auf den Menschen übergesprungen, schrieben die Autoren der Studiengruppe. „Dies unterstützt die Vermutung, dass bestimmte Varianten dieser Spezies in besonderer Weise befähigt sind, aus ihren natürlichen Wirten in verschiedenen Fledermausarten – möglicherweise unter Beteiligung bisher unbekannter Zwischenwirte – auf den Menschen überzuspringen und sich anschließend von Mensch zu Mensch auszubreiten“, erklärte die Universität Gießen in einer Mitteilung. Am dortigen Institut für Medizinische Virologie arbeitet John Ziebuhr. Der Professor leitet seit 2014 die Coronavirus-Studiengruppe des ICTV. Er fand es damals „extrem wichtig“ zu betonen, dass die enge genetische Verwandtschaft mit dem Sars-Virus noch „nichts über die tatsächliche Gefährdung durch das Virus“ aussage. Die Übertragbarkeit und der klinische Verlauf der Krankheit könnten sich erheblich voneinander unterscheiden. Einen Monat später, am 11. März, stufte die WHO die Verbreitung des Virus als Pandemie ein.

Die Rolle des Großmarktes in Wuhan ist noch nicht geklärt

Leider hat es ein Jahr gedauert, bis ein 13-köpfiges internationales Wissenschaftlerteam unter Leitung der WHO nach China reisen durfte. Es kam am 14. Januar 2021 in Wuhan an. Zur Delegation gehören Virologen, Epidemiologen, Tiermediziner und Experten für Lebensmittelsicherheit aus verschiedenen Ländern. Ihr Ziel ist es, genauere Antworten auf die Frage zu finden: Woher kam das Virus? Wie sprang es auf den Menschen über? Eine heikle Aufgabe.

Die Forscher sind vorsichtig mit Vermutungen. „Wir wissen leider noch sehr, sehr wenig“, sagte Fabian Leendertz, Epidemiologe am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), dem Deutschlandfunk. Er ist Mitglied des WHO-Forschungsteams, musste aber aus familiären Gründen zunächst zu Hause bleiben. Die einzigen Hinweise, die es gebe, seien verwandte Viren des Sars-CoV-2 in einer Fledermausart, die auch im südlichen China vorkomme, so Leendertz. Auch gebe es Hinweise aus anderen Tierarten.

Foto: dpa
Das Virus Sars-CoV-2 soll ursprünglich aus Fledermäusen stammen.

Für Leendertz ist die Rolle des Großmarktes in Wuhan „nicht wirklich geklärt“. Eine im Februar 2020 in der Zeitschrift The Lancet erschienene Studie hatte ergeben, dass von 41 untersuchten Covid-19-Kranken des ersten Ausbruchs 66 Prozent Kontakt zu diesem Großmarkt hatten. Die Frage ist aber: Sprang dort das Virus wirklich zum ersten Mal auf den Menschen über? Dies ist offenbar sehr schwierig zu rekonstruieren. „Wir alle wissen, dass es wahrscheinlich nicht da angefangen hat“, sagte Leendertz auf dem Portal spektrum.de. Das WHO-Forschungsteam wolle sich in der Zeit zurückarbeiten. „Und dann gucken wir, wo uns die Spur hinführt. Ob es in China bleibt oder ob es nach außerhalb Chinas führt.“ Das sei ein ganz offener Ansatz.

Aber es gibt natürlich bereits Thesen. Und auch Studien. So stimmt zum Beispiel das Genom des Coronavirus RaTG13, das in Fledermäusen (Java-Hufeisennasen) in der südchinesischen Provinz Yunnan gefunden wurde, zu 96,2 Prozent mit Sars-CoV-2 überein. Laut der Studie eines Forscherteams um Maciej Boni von der Pennsylvania State University hätten beide gemeinsame Vorfahren und spalteten sich schon vor 40 bis 70 Jahren in zwei Linien auf. Seitdem kursierte Sars-CoV-2 unter den Fledermäusen, bis das Virus 2019 auf den Menschen übergesprungen sei. 

Eine Theorie ist dabei, dass sich das von den Fledermäusen stammende Virus Sars-CoV-2 in anderen Tieren zum „Menschenvirus“ entwickelt habe. „Die letzten genetischen Kniffe, durch die es das Virus geschafft hat, Menschen effizient zu infizieren und von Mensch und zu Mensch weitergegeben zu werden, entstanden vermutlich in einem Zwischenwirt“, sagte jüngst Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Gießen, in der Berliner Zeitung. Infrage kommen dafür etwa Schuppentiere (Pangoline), die trotz Verbots in China gehandelt werden. Eine andere Möglichkeit sind Marderhunde, die wegen ihres Fells in China gezüchtet werden.

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Schuppentiere sind mögliche Zwischenwirte für Sars-CoV-2.

Die Historie der Pandemie scheint komplizierter zu sein als ursprünglich angenommen. Zwar gab es den ersten großen Covid-19-Ausbruch im Dezember 2019 in Wuhan. Aber Publikationen berichteten bald auch von möglichen früheren Fällen, etwa dem eines 55-jährigen Mannes aus der Provinz Hubei, der sich bereits Mitte November 2019 infiziert haben soll. Sogar in Italien soll bereits am 10. November 2019 eine Frau mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen sein. Man habe das Virus im Nachhinein in einer Hautprobe der 25-Jährigen gefunden, berichtete ein Forscherteam im British Journal of Dermatology. Andere Funde deuteten darauf hin, dass das Virus vielleicht sogar noch früher unterwegs war.

Verschiedene frühe Infektionswege über die Welt

Wie es angefangen haben könnte, versuchten bereits im April 2020 Forscherteam von Genetikern und Archäologen aus Kiel, Münster und Cambridge in einer Studie herauszufinden, die in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde. Sie rekonstruierten den möglichen Weg von Sars-CoV-2 auf der Grundlage der ersten 160 vollständigen Genome des Virus, die bis März 2020 von den weltweiten Forschungslaboren gesammelt worden waren. Sie verglichen deren genetische Verwandtschaftsverhältnisse mit Methoden der sogenannten phylogenetischen Netzwerkanalyse.

Damals fanden sie drei zentrale Varianten des Virus, die sie als A, B und C bezeichneten, alle ursprünglich in China zu finden. Typ A ähnelte dem eng verwandten Fledermaus-Coronavirus am meisten. Er sei wahrscheinlich der Urahn aller menschlichen Sars-CoV-2-Viren, vermuteten die Forscher. Und er sei vor allem vermehrt in der südchinesischen Provinz Guangdong nachgewiesen worden. Im nördlicheren Wuhan dagegen habe Typ B dominiert, der sich vor allem in Ostasien verbreitete. Dafür seien Typ A und Typ C (unter anderem früh in Singapur nachgewiesen) in der ersten Phase des Ausbruchs vor allem in Europa, Australien und Amerika zu finden gewesen. 

Nach Italien kam das Virus den Forschern zufolge „über mindestens zwei unabhängige frühe Infektionswege“, wie es in einem Bericht der Universität Köln über die Studie hieß. „Der frühestmögliche Zeitpunkt einer Ausbreitung der menschlichen Coronavirus-Variante lässt sich anhand unserer Daten-Analyse auf Mitte September 2019 zurückdatieren“, sagte der Münsteraner Erbgutforscher Peter Forster, einer der Autoren der Studie, in der Zeitschrift Focus. 

Auch wenn die Studie auf Kritik bei manchen Forscherkollegen stieß, lässt sich vielleicht eine These  formulieren: Das Virus könnte bereits einige Zeit vor dem großen Wuhaner Ausbruch vom Tierreich auf den Menschen übergesprungen sein und sich vereinzelt verbreitet haben, möglicherweise auch über die Grenzen hinaus. Die entscheidende Frage ist jedoch, wann es eine solche Infektiosität erreichte, dass es sich rasant auszubreiten begann. Wuhan sei zwar nicht der Ursprung, aber der Katalysator gewesen, und der Großmarkt in Wuhan der Ort des ersten Superspreading-Events. So lautet eine These.

Neue Varianten treiben die Pandemie weiter voran

Der plötzliche Flächenbrand in Italien und ganz Europa ab Februar 2020 lässt sich Studien zufolge auf Mutationen zurückführen, bei denen die Variante D614G entstand, eine Mutante des Wuhan-Virus. Sie sorgte dafür, dass Infizierte eine noch höhere Viruslast in den Atemwegen hatten, also noch mehr Menschen anstecken konnten. Sie setzte sich weltweit durch. Seitdem bildeten sich viele weitere, zum Teil noch infektiösere Varianten.

Nun haben die Wissenschaftler des erwähnten WHO-Teams am 9. Februar die ersten Ergebnisse ihrer Untersuchungen in Wuhan vorgestellt. Der Teamchef Peter Ben Embarek bestätigte, dass der wahrscheinlichste Weg der Übertragung auf den Menschen von Fledermäusen über ein anderes Tier als Zwischenwirt geführt habe. „Wie das Virus auf den Markt gekommen ist und sich verbreitet hat, ist weiterhin unklar.“ Es gebe in Wuhan auch Ansteckungen, die nicht mit dem Großmarkt, sondern mit anderen Märkten oder auch gar nicht mit Märkten in Verbindung gebracht wurden, so die Experten. Diese sagten zugleich, dass sich keine Beweise für einen größeren Ausbruch „in Wuhan oder anderswo“ vor Dezember 2019 hätten finden können.

Die niederländische Virologin Marion Koopmanns widersprach der chinesischen Darstellung, dass man auch in anderen Ländern nach der Herkunft des Virus suchen müsse. Es gebe keine Beweise für Berichte, die nachträglich auf vermutete Ausbrüche in anderen Ländern vor Dezember 2019 hindeuteten, sagte sie. Solche Informationen seien „unbestätigt“. Die Forscher sehen auch keine Belege dafür, dass das Virus über tiefgefrorene Lebensmittel aus einem anderen Land nach China eingeschleppt worden sein könnte. Es bleibt also dabei: mehr Fragen als Antworten.