Berlin - Und schon wieder verkauft der Gesundheitsminister eines seiner Machwerke als Erfolg, das keines ist. Kaum war am Mittwoch die Pflegereform durchs Kabinett, erzählte Jens Spahn im TV, die geplanten Maßnahmen seien für die nächsten Jahre „ausfinanziert“. 

Das sehen Arbeitgeber, Krankenkassen und Betroffene anders: Der geplante Bundeszuschuss von einer Milliarde Euro reiche „nie und nimmer“, so Verena Bentele vom Sozialverband VdK, die Kosten für mehr Personal und notwendige Lohnsteigerungen würden nun vor allem an Heimbewohnern hängen bleiben. Für 2022 zeichne sich „schon jetzt ein Defizit von zwei Milliarden Euro ab“, sagte DAK-Gesundheitschef Andreas Storm, es drohten Beitragssteigerungen. Zudem werden nun Kinderlose zur Kasse gebeten. Und das ist die eigentliche Krux.

Drei Viertel der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt

Denn es stimmt einfach nicht, was Spahn im ZDF-Morgenmagazin sagte: „Wer keine Kinder groß zieht, hat finanziell weniger Belastung als jemand, der Kinder groß zieht.“ Dabei wird nämlich ausgeklammert, dass auch Nichtgebärende in aller Regel Eltern haben. Wenn sie diese jahrelang pflegen oder zur Pflege herangezogen werden, kann das für sie nicht nur teurer werden als Kindererziehung – es kann sie sogar davon abhalten, sich Kinder leisten zu können. Sowohl zeitlich als auch finanziell.

Pflege ist in Deutschland durch die permanente Unterfinanzierung – auch durch das hiesige Modell der Pflegeversicherung als Teilkasko – für Familien eine so mordsmäßig teure Angelegenheit, dass man sich im Zweifel beides zusammen nicht leisten kann: die Pflege der Eltern plus die Erziehung von Kindern.

Ich selbst habe meine Mutter nach einem schweren Schlaganfall zehn Jahre lang zu Hause gepflegt, nach grober Schätzung hat mich das mindestens so viel gekostet wie Paare, die sich die Kindererziehung normalerweise teilen – und trotz einer wunderschönen Zeit mit ihr viel Kraft und Nerven sowie Teile meiner Gesundheit. Nun hatte mein Vater einen Schlaganfall und auch ihn werde ich wieder pflegen – mit unabsehbaren Kosten. Kinder habe und will ich nicht.

Das Modell Kinder = Pflege hat längst ausgedient

Ich bin nur ein Beispiel, wie mir geht es vielen – drei Viertel der Pflegebedürftigen werden eben nicht in Heimen gepflegt, sondern zu Hause. Allein schon deshalb geht Spahns Rechnung nicht auf – und es gibt weitere Gründe dafür, dass die einseitig höhere Belastung von Kinderlosen in dieser Frage so ungerecht wie unsinnig ist. Denn längst ist das Modell des Kinderkriegens, um im Alter gut versorgt zu sein, von der Realität abgekoppelt. Umgekehrt werden die wenigsten deutschen Kinder im Erwachsenenalter noch Pfleger:innen, welche die Eltern anderer Kinder versorgen könnten oder wollten. Wir sind darauf angewiesen, aus dem Ausland Fachkräfte anzuwerben, und werden es in den kommenden Jahren noch viel stärker sein.

Zudem werden Kinderlose eh schon, sowohl steuerlich als auch politisch, für die Allgemeinheit verstärkt zur Kasse gebeten, Singles haben fast doppelt so hohe Lebenshaltungskosten wie etwa Paare – und nicht zuletzt sind nicht alle von ihnen gewollt kinderlos. Abgesehen davon, dass Kinderlosigkeit in Zeiten des Klimawandels eher propagiert wird als beworben, bleibt abschließend zu attestieren: 

Spahn hat diese Lücke ohne Not allein den Kinderlosen zugeschustert. Hätte er den Beitragssatz zur Pflegeversicherung für alle um 0,1 Prozent angehoben, wäre die Finanzierung der Pflegereform – sogar einer solchen, die ihren Namen verdiente – kein Problem.