Berlin - Mit dem Einsetzen von Herdenimmunität endet die Pandemie – so oder ähnlich dürfte die große Hoffnung vieler Menschen aussehen. Zunehmend machen Expertinnen und Experten aber deutlich: Ganz so einfach ist es nicht. Manche bezweifeln, dass eine Herdenimmunität beim Coronavirus überhaupt erreichbar ist, auch weil ansteckendere Virusvarianten wie die indische Delta-Mutante höhere Impfquoten erforderlich machen.

Derweil ist die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz am dritten Tag in Folge angestiegen, von Donnerstag 5,2 auf 5,5. Die Gesundheitsämter haben dem Robert-Koch-Institut (RKI) 949 neue Corona-Neuinfektionen gemeldet. Vor einer Woche waren es 649 Ansteckungen. Die Sterbezahlen sind weiter rückläufig. Das RKI verzeichnet 49 Todesfälle, 20 weniger als vor einer Woche.

Herdenimmunität – was ist das überhaupt?

Der Begriff hat mehrere Bedeutungen. In der Corona-Debatte in Deutschland ist in der Regel gemeint, dass ausreichend viele Menschen nach Impfung oder durchgemachter Infektion immun geworden sind, um die Ausbreitung des Erregers stark abzubremsen. Die Vorstellung ist, dass das Virus dann weniger zu den noch anfälligen Menschen gelangt. Von einem solchen Schutz durch Gemeinschaft würden beispielsweise Menschen profitieren, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, weil für sie noch kein Impfstoff zugelassen ist, wie zum Beispiel Schwangere oder Kinder unter zwölf Jahren.

Wie viele Menschen in Deutschland wollen sich impfen lassen?

Die Impfbereitschaft unter der ungeimpften Bevölkerung liegt laut einer Erhebung von Ende Juni bei 41 Prozent. Die Ungeimpften haben nach Angaben der Autorinnen und Autoren der Erfurter Cosmo-Studie ein höheres Bedürfnis nach Nutzen-Risiko-Abwägung – wer also mehr abwägt, will sich weniger impfen lassen. Auch das Vertrauen in die Impfung sei unter den Ungeimpften niedriger – wer weniger Vertrauen hat, lässt sich weniger impfen. Die Wahrnehmung ist verbreitet, dass man sich nicht impfen lassen muss, wenn es viele andere tun – das senke die Impfbereitschaft, so die Forschenden.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa vom Mai wollen sich fast drei Viertel der zwischen 16- und 26-Jährigen gegen das Coronavirus immunisieren lassen. Der Anteil der Unentschlossenen lag bei elf Prozent, 15 Prozent lehnten die Immunisierung ab.

Wie viele immune Menschen braucht es für Herdenimmunität bei Corona?

Angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante sollten nach neuen Berechnungen des RKI mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren vollständig geimpft sein. „Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte vierte Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich“, heißt es in der RKI-Analyse vom Montag. Bislang sind mehr als 34 Millionen Menschen in Deutschland vollständig geimpft, das sind 41,5 Prozent. In Berlin liegt die Impfquote der vollständig Geimpften bei 40,2 Prozent (Stand 8. Juli).

Der Immunologe Carsten Watzl geht in Hinblick auf Herdenimmunität von einer Impfquote von rund 85 Prozent aus – schwer erreichbar, solange es für Kinder unter 12 Jahren keinen zugelassenen Impfstoff und für Minderjährige keine allgemeine Impfempfehlung gebe, sagt er. „Es kann sein, dass Herdenimmunität nur für einzelne Einrichtungen wie Pflegeheime erreicht werden kann, aber nicht für das Gros der Bevölkerung.“

Menschen könnten Sars-CoV-2 übertragen, obwohl sie selbst nicht erkrankt seien, obwohl sie geimpft und vollkommen symptomfrei seien, so der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Reinhold Förster, gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Mit der Delta-Variante habe sich die Situation verschärft. „Sie ist deutlich ansteckender. Sie betrifft sehr stark Jugendliche und Kinder“, sagte Förster. „Solange diese Gruppe gar nicht oder wenig geimpft ist, werden wir keine Herdenimmunität bekommen.“

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat vorerst keine generelle Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen nur für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adipositas. Unabhängig davon sind Impfungen aber als individuelle Entscheidung von Eltern mit ihren Kindern und den Ärztinnen und Ärzten möglich.

Was passiert, wenn die nötige Schwelle tatsächlich erreicht wird?

„Auch dann wird es noch Infektionen geben, auch dann wird es Ausbrüche geben, aber es ist davon auszugehen, dass bei einer Immunität von weit über 80 Prozent schwere Verläufe und Todesfälle zum großen Teil verhindert werden“, so eine RKI-Sprecherin.

Mit dem großen Schrecken und schwer zu kontrollierender Ausbreitung im Sinne von Wellen und Lockdown-Maßnahmen dürfte es bei einer hohen Impfquote laut Expertinnen und Experten künftig aber vorbei sein. Die Übergänge sind allerdings fließend: Wie aus einem WHO-Papier hervorgeht, wird bereits ab einer Impfquote von 50 Prozent damit gerechnet, dass bis zu 40 Prozent der Ansteckungen sowie 60 bis 70 Prozent der Krankenhaus- und Todesfälle reduziert werden können.

Als kontrollierbar gilt die Situation auch, wenn die Reproduktionszahl (R) unter 1 liegt. Der für die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus entscheidende Wert stieg zuletzt deutlich an und lag nach jüngsten Daten des RKI über der Schwelle von 1. So gab das RKI den sogenannten 7-Tage-R-Wert am Donnerstag mit 1,09 an (Vortag: 1,01). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 109 weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor acht bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen. Der R-Wert lag über viele Wochen deutlich unter 1. Der aktuelle Anstieg könnte an der Verbreitung der Delta-Variante und an Lockerungen der Corona-Beschränkungen liegen.

Warum gibt es Fragezeichen hinter dem Schwellen-Konzept bei Corona?

Die Schwellen-Berechnungen sind eher theoretischer Natur und dienen der groben Orientierung. Der Begriff kommt aus der Tiermedizin, dahinter stehen Überlegungen zum Schutz von Tierbeständen. Menschen leben jedoch nicht in abgeschlossenen Gruppen – ganz im Gegenteil, sie begegnen sich, sind international mobil.

Immune Menschen sind auch nicht völlig gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt. Das heißt, das Virus kann in verbliebenen ungeschützten Bereichen durchaus weiter für Ausbrüche sorgen.

Hinzu kommt: Immunität bei Sars-CoV-2 ist nichts Lebenslanges. Der Schutz lässt mit der Zeit nach, sowohl bei Genesenen als auch bei Geimpften. Über die Dauer lässt sich wegen der Neuheit des Virus und der Impfstoffe noch nichts Sicheres sagen. Und es gibt Bedenken vieler Expertinnen und Experten, dass über den Sommer Impfmüdigkeit bei Menschen einsetzt, die eigentlich immunisiert werden könnten. Wie die Impfbereitschaft gesteigert werden kann, darüber berät auch der Berliner Senat.

Wie gut schützen die Impfstoffe vor der Delta-Variante?

In einer aktuellen Preprint-Studie kommen britische Forschende zu dem Ergebnis, dass Biontech und Astrazeneca nach der ersten Impfdosis zu etwa 33 Prozent vor einer Infektion mit Delta schützen. Erst durch die zweite Impfdosis stieg der Schutz an – bei Astrazeneca auf 60 Prozent, bei Biontech auf rund 80 Prozent. Knapp 14.000 symptomatische Fälle mit Delta wurden in der Analyse ausgewertet. Einer israelischen Studie zufolge soll Biontech zu 64 Prozent vor einer Infektion mit Delta schützen.

Sowohl der Vektor- als auch der mRNA-Impfstoff scheinen vor schweren Verläufen effektiv zu schützen. Zwei Dosen des Biontech-Mittels verhindern laut der britischen Preprint-Studie in 96 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung. Für das Vakzin von Astrazeneca liegt die Quote bei 92 Prozent. Auch das israelische Gesundheitsministerium berichtet, dass Biontech vor einem schweren Verlauf zu 93 Prozent schütze. Forschende gehen davon aus, dass der mRNA-Impfstoff von Moderna eine ähnliche Wirksamkeit erziele. Auch der Impfstoff von Johnson & Johnson, der nur einmal geimpft werden muss, soll eigenen Angaben zufolge schwere Verläufe zu 85 Prozent verhindern.

Wie auch das RKI betont, bleibt also bei vollständig Geimpften ein Restrisiko, dass sie sich mit Delta infizieren und andere anstecken können. Hinzu kommen Patientengruppen, zum Beispiel ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, die ohnehin eine verschlechterte Immunantwort haben, wodurch die Wirksamkeit von Impfstoffen bei ihnen beeinträchtigt ist. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt deshalb für solche vulnerablen Bevölkerungsgruppen das Infektionsrisiko mit der Delta-Variante höher ein als für andere.

Das Impfen bleibt aber nach wie vor wichtig: Je höher die Impfquote ist und je weniger Infektionen es gibt, desto langsamer zirkuliert das Virus – und desto unwahrscheinlicher werden auch neue Mutationen. Außerdem müssen laut Expertinnen und Experten die Corona-Maßnahmen weiterhin strikt eingehalten werden. Eine Durchseuchung der Bevölkerung mit Delta, wie sie in Großbritannien „erprobt“ wird, könnte auch dazu führen, dass junge Menschen nach einer erneuten Ansteckung vermehrt auch Langzeitschäden (Long Covid) wie Fatigue und andere körperliche Beeinträchtigungen davontragen. Das nimmt das britische Gesundheitsministerium mit dem Ende aller Corona-Regeln aktuell in Kauf.

Die Stiko hat Anfang des Monats für eine schnellere Durchimpfung der Bevölkerung in Deutschland die Impfabstände angepasst und empfiehlt unter anderem auch allen Menschen, die Astrazeneca als Erstimpfung bekommen haben, eine zweite Impfung mit einem mRNA-Mittel, und zwar unabhängig vom Alter.

Aktuelle Impfabstände nach Empfehlung der Stiko

  • Comirnaty (Biontech/Pfizer): 3–6 Wochen
  • Spikevax (Moderna): 4–6 Wochen
  • Vaxzevria (Astrazeneca): 9–12 Wochen
  • Heterologes Impfschema (Vaxzevria/mRNA-Impfstoff): ab 4 Wochen

Wird eine Auffrischimpfung nötig sein?

Die Impfstoffhersteller Pfizer und Biontech gehen von einem Rückgang der Schutzwirkung ihres gemeinsamen Coronavirus-Vakzins nach einem halben Jahr aus. Auf Basis der bisher vorliegenden Daten sei es wahrscheinlich, „dass eine dritte Dosis innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der vollständigen Impfung erforderlich sein wird“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung.

Bei einer laufenden Studie zu einer dritten Impfung seien „ermutigende Daten“ zu beobachten. Details sollten bald in einer Fachzeitschrift publiziert werden. Außerdem sei geplant, die Daten in den kommenden Wochen bei der US-Arzneimittelbehörde FDA, dem europäischen Pendant EMA und bei anderen Zulassungsbehörden einzureichen. Pfizer und Biontech gingen davon aus, dass eine dritte Dosis das höchste Schutzniveau gegenüber allen bisher getesteten Coronavirus-Varianten erhalte, hieß es weiter. Das gelte auch für die sich ausbreitende Delta-Variante. Man entwickle zugleich aber auch eine angepasste Version des gemeinsamen mRNA-Impfstoffs.

Könnten neue Mutanten den Impffortschritt in Deutschland zunichtemachen?

Bisher sind keine Varianten bekannt, die die vorhandenen Impfstoffe nutzlos machen. Ein Katz- und Maus-Spiel mit immer neuen, stark veränderten Varianten wird derzeit nicht erwartet. „Also eine Mutante, die auf einmal wieder eine schwere Krankheit macht bei der Mehrheit der Geimpften, das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte zum Beispiel Virologe Christian Drosten im Republik-Interview

Könnte die Pandemie ein Dauerzustand bleiben?

Nein, danach sieht es bisher nicht aus. Dass das Virus aber je ausgerottet werden kann, gilt inzwischen als äußerst unwahrscheinlich. Forschende – wie bereits im Februar in einer Studie im Fachmagazin Science beschrieben – glauben, dass Sars-CoV-2 früher oder später endemisch wird. Auch Drosten ist der Ansicht, dass das Virus sich auf lange Sicht wohl wie die altbekannten Erkältungs-Coronaviren verhalten werde. In den kommenden zwei bis vier Jahren seien aber noch Übergangszustände zu erwarten – das Virus werde Impflücken nutzen.