Mein Vater ist 50, bester Gesundheit, als er eines Abends mit großem schauspielerischen Talent in abgehackten Bewegungen, ungelenk wie ein Greis über das Stabparkett des Wohnzimmers schlurft, uns mit aufgerissenen Augen anstarrt und mit einer Stimme, die kraftlos an den Rändern zerfasert, sagt: „Erschreckend, nicht wahr?“ Er will schon mal klarmachen, was auf uns zukommen wird, später. Wenn es so weit ist. Die Ouvertüre für eine dramatische Oper, die noch nicht komponiert, aber in ihren Grundzügen bereits angelegt ist. Damals lachen wir über die gespenstische Szene, die vom eigenartig-skurrilen Humor des Vaters kündet. Wie hätten wir ahnen sollen, wie recht er damit haben würde? 37 Jahre später.

Man schaut in den Himmel und weiß nicht, wie nah man ihm bereits ist. Alles kann anders kommen, jederzeit. Immer bleibt eine kleine Unwägbarkeit, eine Tür, die man geschlossen wähnt, die sich aber unverhofft öffnen kann und einen Sturm hinein lässt, der einem, schon eingerichtet in der relativen Stille des Alters, die Beine wegreißt. Oder das gesamte Leben. Man denkt, mit 87 hat man alles überstanden, was soll einen noch schrecken, wenn man es bis hierhin geschafft hat? Die ganze Holperstrecke: Herz-OPs, nach denen das Herz besser schlug als zuvor, Herausforderungen im Beruf, Bedrohungen der Ehe. Stürze, nach denen man wieder stand, Tränen, die einen nicht stärker gemacht haben, aber doch ein Stück lebensweiser. Manchmal jedenfalls.

Aber dann greift jemand nach einem und reißt den Kern dieses Lebens einfach heraus. Seine Erfahrungen. Das Wissen, dass man vorangegangene Krisen aushielt und überstand, dass das Glück zwar nicht immer dann zurückkehrte, wenn man es brauchte, aber meist irgendwann. Dies alles verschwindet seit einiger Zeit in meinem Vater wie in einem Loch, das man nicht stopfen kann. Er befindet sich in einer Odyssee durch Raum und Zeit. Im Bermuda-Dreieck seiner Gedanken drückt er auf viele Tasten, von denen er hofft, dass sie seinen Erinnerungen eine Richtung geben. Oder wenigstens Anhaltspunkte. Aber oft entsteht beim Zurückspulen nur Bandsalat.

Davon handelt diese Geschichte. Von einem Leben, das aus der Spur geraten ist.

Wenderoth, Horst. Geboren am 1.6.1926 in Dresden. 1,86 groß, nach dem Frühstück fast 90 Kilo schwer. Augenfarbe: braun. Seit 25 Jahren Rentner, Berufsleben: 27 Jahre Redakteur im RIAS, Abteilung Ostpolitik, Kultur. Familienstatus: 55 Jahre verheiratet (mit meiner Mutter); ein Kind (ich). Seit zwei Jahren dement, leichte bis mittelschwere Ausprägung. Gemütslage: Manchmal guter Dinge, meist schlechter. Fühlt sich im eigenen Leben nicht mehr zu Hause. Wohnhaft: In einem Reihenhaus in Berlin-Lichterfelde, von dem er nicht mehr weiß, dass es seines ist.

Wie geht es dir heute?

Also mir geht’s wahnsinnig gut. Ich hab mich ins Bett gelegt, habe dies und jenes Positive überdacht, dann muss ich eingeschlafen sein und habe hier drin wohl auch mal kurz geprüft, wie die Luft ist und so weiter. Ich hatte ja heute einen Termin beim Arzt. Bin ein bisschen wirrwarrig, das ist typisch für chaotische Zustände, dann muss ich was Warmes essen oder irgendwas. Ich weiß zum Beispiel heute nicht, wie ich mit dem Auto zum Arzt gekommen bin, das Auto steht doch dort unten.

Der Arzt ist zu dir gekommen. Du bist nicht Auto gefahren.

Ach, der ist zu mir gekommen. Ja, welcher Arzt denn? Wie dem auch sei, ich hab mich jedenfalls ins Bett geworfen und habe mir gesagt, in deinem Bett ist solches Chaos, du wirst doch in Ruhe nachher mal aufräumen, zunächst mal in deinem Kopf. Das ist das Wichtigste.

„Hilfe, Hilfe, meine Frau will mich umbringen!“

An einem schneelosen Sonnabend im November 2013 verliert mein Vater sich selbst. Wir sind gegen Mittag verabredet, ich fahre nach Berlin-Lichterfelde und rufe aus der S-Bahn an. Meine Mutter am Telefon, aufgelöst: Der Vater sei aggressiv gegen sie. Er rede wunderlich und wolle die Tabletten nicht von ihr nehmen. Eigenartigerweise wünsche er, dass die Bauarbeiter ihm seine Medizin reichen. Nebenan wird das Haus entkernt und seit Tagen gibt es furchtbaren Lärm. Mein Vater aber, der Zeit seines Lebens eine gewisse Abneigung gegen Handwerker pflegte, da er sie vor allem als Quell der Ruhestörung betrachtete, ist nun aus Gründen, die uns verschlossen bleiben, der festen Ansicht, dass Rettung nur von ihnen kommen könne.

„Hilfe, Hilfe“, ruft er aus dem Hintergrund, meine Mutter reicht den Hörer weiter. „Papa, was ist mit dir?“ „Ich sterbe!“ Und: „Die Mama will mich umbringen!“ Ich versuche, ihn zu beruhigen. „Nein, das will sie nicht, sie möchte dir helfen. Aber du musst dir von ihr helfen lassen.“ Ich setze mich in ein Taxi, 25 Minuten später öffnet meine Mutter die Tür, ich sehe, sie hat nicht geschlafen. Sie deutet mit dem Finger nach oben. Mit angsterfüllten Augen sitzt dort mein Vater in seinem Arbeitszimmer, seltsam zusammengekrümmt auf dem alten beigefarbenen Ohrensessel, weint, als er mich sieht. Ich streichle ihm den Kopf und sage, es ist gut. Er müsse sich nicht mehr sorgen. Obwohl ich natürlich weiß, dass das nicht stimmt. Und auch er wird es ahnen.

Später bugsieren wir ihn irgendwie ins Bett. Als meine Mutter sagt, er müsse seine Position verändern, schaut er sie gereizt an. Er mag es nicht, wenn man an ihm herumzerrt. Am nächsten Morgen versucht er, im Bad das Fenster zu öffnen. Weil es ihm nicht gelingt, nimmt er seinen Spazierstock und will das Glas einschlagen. Meine Mutter versucht, ihm den Stock zu entwenden. Er wehrt sich nach Leibeskräften, schafft es, das Fenster zu öffnen und brüllt auf die Straße: „Hilfe, Hilfe, meine Frau will mich umbringen!“ Passanten bleiben stehen, verfolgen die Szene. Ein Nachbar ruft die Feuerwehr.

Er sah seinen Freund Herbert, wir sahen ihn nicht

So hat es angefangen. Jedenfalls kam es uns damals so vor, weil sich die Krankheit zum ersten Mal mit Nachdruck offenbarte. In Wahrheit hatten wir ihren Beginn versäumt. Weil wir zu wenig wussten. Weil wir die Zeichen nicht gelesen hatten. Natürlich hatte es Hinweise gegeben. Zum Beispiel im Urlaub ein paar Monate zuvor, der unsere letzte gemeinsame Reise werden sollte. Zum ersten Mal hatte mein Vater darauf verzichtet, selber Auto zu fahren. Weil er immer wieder an seine Grenzen kam, wenn es darum ging, ein entferntes Ziel zu erreichen. Entweder verfuhr er sich hoffnungslos, wusste nicht mehr, wie das Navi zu programmieren war, vergaß, das Licht auszustellen. Oder rechtzeitig zu tanken. Meine Mutter hatte sich durchgesetzt: „Horst, wir lassen den Wagen stehen!“

In jenen drei Wochen auf Usedom wollte er nichts tun, aber verlangte oft ängstlich nach unserer Gesellschaft. Ein Strandspaziergang? Ausgeschlossen, er könne nicht gehen. „Ich will nach Hause“, sagte er immer wieder. Aber wo war „nach Hause“? Sehr bald würde er nun auch zu Hause sagen, dass er nach Hause wolle. Zu Hause war für ihn kein Ort mehr, sondern eine Befindlichkeit, die er verloren hatte. Er war in sich selbst nicht mehr zu Hause. Würde sich bald mit Toten, die er im Raum wähnte, unterhalten oder von ihnen gestört fühlen.

Es machte ihm Angst, wenn er seinen Freund Herbert im Zimmer stehen sah. Wir sahen Herbert nicht. Und sagten, weil wir schnell merkten, dass es in erster Linie um seine Beruhigung ging, Herbert habe sich sicher nur nach ihm erkundigen wollen. Vielleicht aber war Herbert der Vorbote eines Reiches, das bereits nach ihm gerufen hatte. Auf der Erde war der Vater nicht mehr hinreichend verwurzelt, aber noch hatte er zu viel Kraft, sie zu verlassen. Er bewegte sich in einer Zwischenwelt, voller Ängste und Irritationen.

Kleine, stumme Infarkt im Gehirn

Er sagt, er müsse auf die Toilette. Ich stütze ihn. Bis zu diesem Tag habe ich nicht gewusst, wie schwer mein Vater ist. Ich hake ihn unter, öffne die Tür, und er lässt mit großer Selbstverständlichkeit seine Hosen herunter. Als ich ihn wieder ins Zimmer hole, erzählt er mir sehr ausführlich und in ähnlichen Sätzen etwa 34 Mal, dass die Unterzuckerung gefährlicher zu bewerten sei als eine Überzuckerung. Zwischendurch fragt er öfters: „Verstehst du das?“ „Ja, Papa, du hast es mir jetzt ziemlich oft erklärt.“ Er sagt: „Ich will bloß sicherstellen, dass du mir folgen kannst …“

Vaskuläre Demenz ist nach Alzheimer die zweithäufigste Form der Demenz und oft die Folge kleiner, stummer Infarkte im Gehirn – zum Beispiel aufgrund von Thrombosen, Embolien oder Blutungen. Nach kleinen Verbesserungen folgen in der Regel Zustände der Verschlechterung, die die vorübergehende Hoffnung, es könnte sich doch zum Besseren wenden, wieder zerschlagen. Anders als bei Alzheimer ist sich der Kranke oft viel länger seines Zustands bewusst. Sein Verstand leistet mehr als sein Gedächtnis. Er weiß zumindest vage, was er eigentlich hätte wissen müssen. Das ist das Problem meines Vaters.

Der Stationsarzt sagt, es seien dem Krankheitsbild entsprechende Erscheinungen. Nichts sei außergewöhnlich am Fall meines Vaters. Ich frage, ob ich ihm sagen darf, woran er leidet. Das, sagt er, liege sehr am Charakter des Patienten, den ich wahrscheinlich nicht schlechter einschätzen könne als er. Vielleicht, rät er, müsse man mit dem Wort „Demenz“ zurückhaltend sein. Es ist abzuraten von allem, was die Panik des Patienten verstärkt. Als mein Vater mich wenig später fragt: „Was fehlt mir denn? Bin ich verrückt?“, antworte ich: „Nein, dein Kopf spielt dir nur ein paar Streiche.“ „Du meinst, ich bin ein Halbidiot?“, fragt er und schaut mich ernst dabei an.

„Ich bin von Blöden umgeben“

Mein Vater leidet an sich und an der Krankenhaus-Umwelt, in die er hineingeworfen ist. Er war nie ein materieller Mensch, auf Luxus konnte er gut verzichten. Nicht aber auf seine geistige Freiheit. Und auch wenn ihm die Einordnung der Dinge nun zunehmend schwer fällt, spürt er, dass seine Krankheit und ihre Umstände ihm diese Freiheit zu nehmen drohen. Die Demenz ist die Antithese der Freigeistigkeit.

Dagegen rebelliert er. Mit der ihm verbliebenen Kraft beschwert er sich im Krankenhaus über alles, worüber man sich beschweren kann. Zunächst einmal über die anderen Patienten. Die wie in einer Endlosschleife die immer gleichen Dinge wiederholen. Eine Frau ruft etwa 2700 Mal am Tag laut: „Onkel Willy, Onkel Willy.“ Mein Vater schaut, als hätte er in einen wurmstichigen Apfel gebissen und klagt: „Ich bin von Blöden umgeben.“

Er erkennt nicht, dass er, wenn auch in einem anderen Stadium, an derselben Krankheit leidet wie sie. In seinem Zimmer liegt ein netter älterer Herr, der auffallend elegant gekleidet ist und vorgibt, gerade jemanden anrufen zu wollen. Er redet freundlich zu meinem Vater, und ich halte ihn für einen guten Einfluss. Ich sage also: „Der wirkt sehr nett.“ „Glaubst du das wirklich?“, kontert mein Vater: „Reiner Zynismus!“ Und dass sein Mitpatient „leider zum Erbrechen langweilig“ sei. Er wird hart im Urteil über andere. Die Krankheit scheint die Altersmilde der vergangenen Jahre zurückzudrängen.

Verzweifeltes Bemühen die Krankheit zu kaschieren

Er fragt: „Aber ich komme doch wieder zurück, oder?“ Ich sage, dass ich offen mit ihm sprechen möchte. Dass die Mutter es mit ihm im Haus nicht schafft. „Wir müssen nach einer guten Lösung suchen.“ Er schaut mich durchdringend an und sagt: „Jetzt redest du auch schon so wie die Ärzte!“ Er hat bemerkt, dass in meinem Ton Unsicherheit und auch eine Spur Falsches liegen, denn wenn ich von „wir“ rede, ist er schon längst nicht mehr eingeschlossen. Die Entscheidungen treffen nun meine Mutter und ich. Für ihn. Und nicht unbedingt in seinem Sinne. In seinem Sinne: Das wäre – wieder zu Hause. Aber bald wird er sein Haus unter Umständen nicht mehr erkennen. Die Krankheit nimmt ihm die Heimat, und natürlich auch uns. Denn das Haus ist nun auf eine Art ja zur Hälfte unbewohnt.

Darf ich dein Bett ein bisschen höher stellen?

Wenn es eine Nuance ist … Ich warne hier vor gefährlichen Sachen, nicht, es darf kein gefährlicher Murks gemacht werden. Das ist von mir noch nicht erkundet, du siehst ja, das liegt noch alles rum.

Ich glaube, es würde dir ganz gut tun, wenn ich deine Lehne etwas aufrichte.

Das ist wahrscheinlich wahr, und deswegen werde ich mich jetzt eine halbe Stunde anziehen.

Als Rundfunkredakteur konnte mein Vater gut reden. Er verstand es, Gesellschaften zu unterhalten und zog die Zuhörer mit einer feinen Mischung aus Charme und Selbstironie in den Bann. Nun brechen ihm die Anekdoten weg, er verliert seine Haftung, seine Basis. Aber immer noch versteht er es, sich relativ gut auszudrücken. Mehr noch: Er versucht die Tatsache, dass er nicht mehr so viel zu sagen hat, hinter gesteigerter sprachlicher Eleganz zu verstecken. Bemüht sich, seine Ausfälle wortreich zu kaschieren, Nichtigkeiten in endlosen Wiederholungen Nachdruck zu verleihen, sie zu ummanteln mit den Taschenspielertricks des Redners, der er einmal war. Aber neben der Verschleierung seiner Vergesslichkeit zeugen seine Worte natürlich auch von dem Kampf um ureigenes Terrain: Seine Sprache. Seine Fantasie. Den fantasievollen Umgang mit der Sprache.

Vordergründig sagt er nun oft lustige Dinge, weil ihn der Wegfall von Wörtern in eine eigenartige Kreativität zwingt. Fällt ihm ein Begriff nicht ein, muss er anders ausdrücken, was er sagen will. Das macht er nicht selten auf unkonventionelle Art. Er schätzt meine Freundin, auch wenn sie ihm zu schnell redet und einen Beruf hat, den er nicht ganz versteht. „Gute Rockwahl“, sagt er also.

Gute Rockwahl? Man stutzt. Und auch er scheint aufrichtig überrascht. Niemals hätte er früher so etwas gesagt. Aber es ist freundlich gemeint, von Herzen, ein Zeichen der Anerkennung, in das sich vielleicht eine Spur alter Machismo gemengt hat. Einmal, als er glaubt, dass er sie möglichweise nur schlecht unterhalten hat, bittet er mich nachdrücklich, ihr etwas auszurichten. Er sagt einen Satz, der mich in seiner klarsichtigen Poesie erschüttert: „Entschuldige mich bitte für meine Inhaltslosigkeit, aber ich bin nur noch ein halber Held.“

Es ist ein langer Abschied

Die Krankheit ist ein Abbauprozess, der in Stufen nach unten führt. Ein langer Abschied, eine Reihenschaltung von Verlusten. Jeder davon auf schmerzliche Weise neu. Dem Verlust der Erinnerung folgt der des Bewusstseins. Der der Persönlichkeit.

Der Tod steht erst ganz am Ende einer lange Kette in die Unkenntlichkeit. Weil das, was den Kranken als Gesunden ausgemacht hat, nicht mehr in seiner Erinnerung verankert ist, verliert er den Halt. Und lebt in einem scheinbar endlosen quälenden Traum, aus dem er sich aus eigener Kraft nicht befreien kann. „Ist es nicht kläglich, was aus einem Menschen werden kann?“, sagt mein Vater.

Mein Vater hatte gehofft, dass er ganz diskret aus dieser Welt gezogen werde. Ohne viel Aufhebens. In einer guten Laune vielleicht. In jedem Fall gnädig. Aber nun muss er seinem eigenen stückweisen Sterben zuschauen. Merkt, wie jeden Tag etwas Neues in ihm verloren geht. Diebesbanden wüten in ihm und räumen ihn langsam aus. Seine Fähigkeiten, seine Vorlieben, seine Gedanken, seine Identität.

Eigentlich hatte ihm ein sauber geordneter Zeitenwechsel vorgeschwebt. Er steht fest in der Gegenwart, kann sich, wenn es die Lage erfordert, jederzeit auf die Vergangenheit berufen und dennoch das zarte Morgenrot einer Zukunft sehen, so wenig Aussicht auf große Perspektiven diese auch bieten mag. Aber nun hat jemand diese Zeiten in einen Würfelbecher geworfen und kräftig geschüttelt. Er weiß nie genau, wo er gerade herauskommen wird.

Nach einem Monat im Krankenhaus wird mein Vater in ein Pflegeheim verlegt. Es liegt direkt gegenüber dem Haus meiner Eltern. Wir empfinden es als großes Glück, dass dort ein Platz zu bekommen war. Meine Mutter muss nur ein paar Schritte über die Straße gehen. Und denkt, dass es, wenn sich die Lage erst etwas entspannt hat, vielleicht möglich sein wird, ihn hin und wieder nach Hause zu holen. Wenigstens stundenweise.

Sie richtet ihm das Zimmer ein. Ein Teewagen, auf dem Fotos meiner Eltern stehen, ein paar auch von mir. Lächelnde Menschen, die Zuversicht ausstrahlen, und ein paar Tierbilder, weil meine Mutter der Meinung ist, dass diese einen beruhigenden Einfluss haben.

Das Zimmer ist zur Straße gelegen. Was gut ist für meinen Vater, denn völlige Ruhe, die er immer geschätzt hat, stürzt ihn jetzt zuverlässig in seine verwirrende Innenwelt. Er isst, als wir ihn gegen Abend besuchen. Vor seinem Bett steht ein Rollator, den er uns folgendermaßen erklärt: „Es gibt hier so kleine Geräte, die rollen weg und dann sind sie wieder da.“ Die Teetasse steht in bedrohlicher Schräglage neben der Ausbuchtung im Tablett.

Die Familie ein letzter Schutzraum

Meine Mutter, die die Situation mit scharfem Blick erfasst, versucht zu begradigen, aber auf wundersame Weise steht nun der Teller schief. Mein Vater kommentiert ihr Bemühen, Ordnung zu schaffen, mit analytischem Blick: „Man muss sagen, man könnte Verrückungen vornehmen, tieferer, aber auch flacherer Art. Eben hast du eine Verrückung eher flacherer und gefährlicher Art vorgenommen. Du hast die Sache nicht richtig gravierend gemacht.“ Was wir, damit sich niemand bedroht fühlt, schnell ändern. Beim Nachtisch sagt mein Vater, er müsse nun etwas Wichtiges mit uns besprechen. Fasst uns beide an der Hand, strahlt uns an und sagt: „Der Familienverbund ist doch das Schönste!“

Wollen wir mal auf die Terrasse?

Lass mich das erst überprüfen, wenn ich mich hierhin gesetzt habe.

Willst du den Anorak haben?

Wir werden das sehen, ohne getrieben zu werden.

Willst du deine Mütze?

Ohne Kopfbedeckung, das ist nun ganz schleierhaft!

Brauchst du noch einen zusätzlichen Stock?

Wenn ich auf der Terrasse liege, werden wir’s sehen …

Das machst du gut.

Na, gut ist falsch übertrieben … Wie lang muss ich denn noch rumlaufen? Ich will jetzt wieder rein. Ist es erlaubt?

Ein halber Held. Mein Vater und das Vergessen

Buchpremiere (Lesung und Gespräch) am 25. April, 20 Uhr,im Maschinenhaus der Kulturbrauerei, Knaackstr. 97. Eintritt 10 Euro.