"Das bringt doch nichts mehr", sagen manche, wenn es um eine Psychotherapie bei älteren Menschen geht.
Foto: dpa

BerlinPsy-Care, so nennt sich eine Berliner Psychotherapie-Initiative, die sich  gezielt an pflegebedürftige Senioren richtet. Geleitet wird sie von Eva-Marie Kessler, Professorin für Gerontopsychologie. Im Gespräch mit ihr geht es um die Besonderheiten psychischer Probleme im Alter.

Frau Professor Kessler, wozu braucht es ein Projekt wie Psy-Care?

Allein in Berlin leben aktuell mehr als 120.000 pflegebedürftige Menschen. Die meisten sind älter als 60 Jahre, drei Viertel wohnen in den eigenen vier Wänden. Forscher schätzen, dass fast jeder Dritte bis Vierte von ihnen depressiv erkrankt ist. In unserem Projekt haben wir den Hilfebedarf zumindest deutlich gespürt. Wir konnten in kürzester Zeit 140 Teilnehmer für unser Projekt gewinnen. Denn für pflegebedürftige ältere Menschen – ob in eigenen vier Wänden oder in Pflegeheimen – gibt es aktuell keine Versorgung mit Psychotherapie.

Warum ist das so?

Das hat mehrere Ursachen. Die meisten älteren Menschen sehen zwar regelmäßig ihren Hausarzt. Hier wird in der Regel auch die psychische Problematik erkannt, dann aber werden zumeist Medikamente verschrieben. Gerade bei gebrechlichen älteren Menschen sind jedoch Nebenwirkungen von Psychopharmaka oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ein großes Problem. Bei Demenz etwa sollten nach den Empfehlungen der Fachgesellschaften zunächst alle psychosozialen Therapien ausgeschöpft werden, bevor eine medikamentöse Therapie in Erwägung gezogen wird.

Was sind die anderen Ursachen?

Foto: privat
Zur Person

Eva-Marie Kessler ist Professorin für Gerontopsychologie an der MSB Medical School Berlin und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG). Sie leitet Psy-Care, ein Projekt gemeinsam mit der Charité. Es richtet sich an Menschen über 60 Jahre in Berlin und angrenzenden Regionen Brandenburgs, die einen Pflegegrad haben und unter Depressionen leiden. Die Anmeldung ist noch bis März 2020 möglich. Informationen unter 030/7668 375838 und www.psy-care.de

Wir begegnen auf Seiten von Behandlern, Patienten oder auch Angehörigen häufig der Haltung „Das bringt doch nichts mehr“. Eine psychologische Behandlung wird dann eher nicht angestrebt. Allerdings sind die Betroffenen heute viel aufgeschlossener als noch vor Jahren. Wer sich für eine Psychotherapie interessiert, stößt dann aber auf ein Gesundheitssystem, das es erschwert, entsprechend behandelt zu werden. Denn die Suche nach einem Psychotherapeuten ist bekanntlich aufwendig. Zudem erhalten Psychotherapeuten derzeit keine dem Aufwand angemessene Vergütung dafür, wenn sie Patienten zu Hause oder im Heim aufsuchen und dort behandeln. Krankentransporte sind für manche wiederum schlichtweg zu strapaziös.

Lassen sich denn seelische Erkrankungen im Alter gut mit Psychotherapie behandeln?

Die Forschung hat sich leider lange nicht für das höhere Lebensalter interessiert. Mittlerweile wissen wir aber, dass Psychotherapie auch bei Depression und Angststörungen sehr wirksam ist. Leider gibt es noch sehr wenig Forschung zu sehr alten und gebrechlichen älteren Menschen. Doch bisherige Befunde legen auch hier nahe, dass die Personen von Psychotherapie profitieren können. In unserem Projekt mit hochbetagten Menschen im Pflegeheim vor einigen Jahren hatten 50 Prozent der Patienten im Anschluss an die Sitzungen keine Depressionsdiagnose mehr.

Wie häufig sind denn psychische Erkrankungen im Alter?

Manche treten ähnlich oft wie in jungen Jahren auf, andere häufiger. Traumafolgestörungen zum Beispiel können sich im Alter zum ersten Mal Bahn brechen. Weil die kognitiven Ressourcen nachlassen, ist die psychische Abwehr geschwächt. Dann können frühere Erlebnisse, etwa aus Kriegszeiten, wieder hochkommen und psychisch schwer belasten. Hinzu kommt, dass vor allem im sehr hohen Alter das Risiko für Demenz enorm ansteigt, eine typische, organisch bedingte psychische Erkrankung des Alters. Depressionen wiederum treten bei älteren Menschen genauso häufig auf wie in jüngeren Jahren, aber zugleich mehren sich bei ihnen subklinische Depressionen, also solche Beschwerden, die noch keinen Krankheitswert haben, aber sehr wohl Leid verursachen.

Welche Folgen können psychische Erkrankungen bei Älteren haben?

Unabhängig von dem psychischen Leiden beeinträchtigen Depressionen auch die körperliche Gesundheit, sie begünstigen etwa Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bleibt eine Depression unbehandelt, ist das Risiko, in ein Pflegeheim zu kommen und generell einen höheren Pflegebedarf zu haben, um das Achtfache erhöht. Zudem sterben die Betroffenen im Schnitt früher, aufgrund der körperlichen Probleme oder auch durch Suizid.

Läuft eine Behandlung bei Pflegebedürftigen und Heimbewohnern anders ab als bei körperlich gesunden oder jüngeren Patienten?

Die Teilnehmer in unserer aktuellen Studie haben eine Depression sowie einen Pflegegrad von 1 bis 5. Manche sind sehbehindert, hören schlecht, einige sind bettlägerig. Da müssen wir uns dann anpassen. In neun von zehn Fällen suchen wir die Menschen zum Beispiel daheim auf, statt dass sie in eine Praxis kommen.

Ist das ein Problem?

Wenn es entsprechend vergütet wird nicht. Die Behandlung zu Hause oder im Heim hat sogar durchaus Vorteile für die Behandlung. Denn wir sehen, wie die Menschen leben, lernen mitunter pflegende Angehörige kennen und können dies in die Therapie einbeziehen. Andererseits: Wer es körperlich schafft, in die Praxis zu kommen, den bestärken wir darin.

Was sind Themen in der Behandlung?

Meist bringen ältere Menschen eine Fülle an Problemlagen mit, setzen aber oftmals selbst Prioritäten. Häufige Themen sind Reue, Schuld oder auch verpasste Gelegenheiten im Leben. Manche wollen die Last einer schwerwiegenden Diagnose aufarbeiten, andere die Beziehung zu engen Verwandten oder den Verlust des Partners. Wir nutzen dann Verhaltenstherapie, Elemente des Lebensrückblicks und schauen zugleich bei den Betroffenen nach Ressourcen für die Zukunft. Wichtig ist vor allem, dass die Menschen wieder selbstbestimmter und mit größerer Akzeptanz ihrer Selbst durchs Leben gehen.