Freiburg/WürzburgDepressionen sind die zweithäufigste Volkskrankheit der Welt. Oft helfen den Erkrankten Medikamente, Psychotherapien oder eine Kombination von beidem. Doch gerade bei Menschen mit einer schweren Ausprägung treten immer wieder Fälle auf, bei denen diese Behandlungen nicht anschlagen. Ihnen verspricht ein Verfahren namens Tiefe Hirnstimulation Hoffnung. Dabei verschmelzen quasi Mensch und Technik: Kleine Elektroden im Hirn sollen dafür sorgen, dass die Depression verschwindet.

Gedrückte Stimmung, Interessens- und Freudlosigkeit, Antriebsmangel und Ermüdung, Schuldgefühle, Konzentrations- und Schlafstörungen, Suizidgedanken: Die Symptome einer Depression können vielfältig sein und zudem auch körperliche Beschwerden umfassen. Allmählich wächst das Bewusstsein dafür, dass es sich bei Depression nicht lediglich um eine tiefe Traurigkeit handelt, sondern um eine ernstzunehmende Krankheit, die zudem auch weit verbreitet ist.

So wurde bei rund jedem sechsten bis siebten Deutschen laut der bundesweiten „NAKO Gesundheitsstudie“ schon einmal eine Depression diagnostiziert, laut Statistik der Gesetzlichen Krankenkassen stieg die Rate der Erkrankten hierzulande zwischen 2009 und 2017 von 12,5 auf 15,7 Prozent der Bevölkerung.

Mehrstündige Operation

Richtig diagnostiziert gilt Depression als gut behandelbar: Vielen Betroffenen kann mithilfe von Psychotherapie und/oder Antidepressiva geholfen werden. Insbesondere unter den Erkrankten mit chronischer schwerer Depression sprechen allerdings Schätzungen zufolge zehn bis 30 Prozent nicht auf die zugelassenen Therapien an – für sie könnte das Verfahren der Tiefen Hirnstimulation (THS) eine Option sein.

Die THS, umgangssprachlich auch Hirnschrittmachertherapie genannt, wird bereits seit 20 Jahren erfolgreich zur Behandlung neurologischer Erkrankungen wie Parkinson, aber auch von Bewegungsstörungen wie Tremor und Dystonien eingesetzt. Zur Behandlung von Depressionen ist sie außerhalb der klinischen Forschung allerdings noch nicht zugelassen.

„Für eine Tiefe Hirnstimulation werden in einer mehrstündigen Operation ein oder zwei Elektroden in tiefere Hirnregionen implantiert, die per Kabel mit einem Schrittmachersystem verbunden sind, welches meist im Brustbereich unter der Haut eingesetzt wird“, erklärt Jens Volkmann den Eingriff. Der Direktor der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Würzburg betont, dass die Operation Präzisionsarbeit ist: „Bei der Platzierung der Sonden geht es wirklich um Millimeter und Submillimeter, damit keine ungewollten Hirnregionen stimuliert werden.“

Nach dem Eingriff werden dann Stromhöhe, Stromfrequenz und andere Parameter programmiert und in den Wochen nach der Operation angepasst. Die elektrischen Ströme beeinflussen das Gebiet um die Sonden und damit bestimmte Nervenzellen, die im Hirn in Netzwerke eingebunden sind.

Bei Parkinson komme es beispielsweise zu Störungen in jenen Netzwerken, die Bewegungen steuern, sagt Volkmann. Ursache dafür ist, dass Nervenzellen absterben, die eigentlich den Botenstoff Dopamin herstellen sollen. „Die Impulse der Elektroden überschreiben diese fehlerhaften Impulse“, erklärt der Neurologe. Analog könne die THS eingesetzt werden, um Störungen des emotionalen Funktionsnetzwerks wie bei einer Depression zu behandeln.

Einsatz von THS bei Depressionen

Zum Einsatz von THS bei Depressionen forscht Thomas Schläpfer, Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Freiburg. Er leitete die FORSEE-II-Studie, in deren Rahmen 16 Patienten mit THS behandelt wurden.

Ihnen wurden dünne Elektroden ins Gehirn implantiert. Dort stimulieren sie einen Teil des Belohnungszentrums – mit Erfolg: Bereits in den ersten Wochen nach der Operation minderten sich die Depressionssymptome bei einigen der Patienten deutlich, im weiteren Verlauf reagierten alle Probanden auf die Stimulation. Zum Ende der Studie war die Hälfte der Teilnehmer nicht mehr depressiv - wobei die Elektroden durchgehend aktiv waren.

Für Schläpfer sprechen diese Resultate für sich. „Die Tiefe Hirnstimulation hat nicht nur ein Quäntchen Erleichterung gebracht, sondern eine massive Verbesserung und das über einen stabilen Zeitraum“, sagt er. „Wir hatten in der Studie Erkrankte, die zuvor teilweise mehr als 60 gescheiterte Therapieversuche erlebt hatten.“

Aufbauend auf FORSEE-II arbeitet Schläpfers Team derzeit an einer weiteren Studie, in deren Rahmen 50 schwerst depressive Patienten mit THS behandelt werden sollen. Schläpfers Hoffnung ist, dass das Verfahren bei einem ähnlich erfolgreichen Ausgang dann in Europa zugelassen wird.

Dabei hatte die Erforschung von THS zur Behandlung psychischer Erkrankungen vor einigen Jahren einen Rückschlag erlitten. Zwei Studien aus den USA galten als gescheitert, in der Folge wurden entsprechende Forschungsgelder stark gekürzt. „Es handelte sich dabei um Studien von Unternehmen, die ein Produkt auf den Markt bringen wurden“, erinnert sich Schläpfer. Deren Untersuchungen seien nicht optimal gewesen, deshalb habe der gesamte Forschungsbereich darunter gelitten: „Seit vier Jahren ist das Gebiet marketingtechnisch tot.“ Umso wichtiger seien sorgfältig, langfristig angelegte und kontrollierte Untersuchungen, die das Potenzial des Verfahrens ausloteten.

Einsatz der Hirnschrittmachertherapie umstritten

Doch nach wie vor gibt es Vorbehalte gegen die Tiefe Hirnstimulation – auch bei Medizinern. „Es gibt Kollegen, die operative Eingriffe am Gehirn von psychiatrischen Patienten problematisch finden“, sagt Schläpfer. Dabei würden Studien aus der Parkinson-Forschung nahelegen, dass sich gerade ein frühzeitiger Eingriff auch bei Depressionen positiv auswirken könnte. Die Risiken des Eingriffs seien nicht größer als bei anderen Operationen: „Die Gefahr von Blutungen oder Infektionen ist überschaubar klein.“ Dass die THS zu einer Persönlichkeitsänderung führe, hätten er und sein Team nicht beobachten können. „Die Persönlichkeitsänderung fand nur in dem Sinne statt, dass die Depression zurückging und sich die emotionale Lage der Patienten verbesserte.“

In einer Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina wird zur Vorsicht beim Einsatz der THS zur Behandlung psychischer Erkrankungen gemahnt: „Im Spannungsfeld zwischen dem ethischen Gebot des Nicht-Schadens und dem Gebot, dem Patienten Hilfe zu leisten, stellt sich mit Blick auf den hohen Leidensdruck der Patienten und den Mangel an therapeutischen Optionen nicht die Frage, ob, sondern in welchem Rahmen die THS bei psychiatrischen Indikationen angewendet werden kann.“

Für Schläpfer ist die THS ein potenziell wichtiger Baustein der Therapie, der dafür sorgen kann, Patienten aufnahmefähig für andere Behandlungsmöglichkeiten zu machen. Dabei handele es sich allerdings nicht um eine „Knopfdruck-Methode“: „Viele Patienten profitieren davon, allerdings nicht alle, und wir wissen noch nicht, warum die THS bei wenigen gar nicht wirkt.“ Umso wichtiger sei es, weitere Studien durchzuführen. Insgesamt ist Schläpfer allerdings sicher: „Die Tiefe Hirnstimulation ist eines der derzeit hoffnungsvollsten Verfahren, da wir mit ihr Patienten helfen können, denen sonst gar nichts mehr geholfen hat.“ (dpa/fwt)