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BerlinIn der Adventszeit geht für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen das große Ringen los. Die einen, etwa jene, die zurzeit in stationärer Behandlung sind, bemühen sich um eine stabile Seelenlage, um an den Feiertagen wieder nach Hause zu können. Andere, Alleinlebende beispielsweise, die bereits depressive Episoden hinter sich haben,  überlegen, wie sie die für alle anderen so glückselige Zeit gestalten, ohne wieder in eine seelischen Krise zu geraten. Vjera Holthoff-Detto, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin-Treptow, kennt diese Probleme aus ihrer langjährigen Tätigkeit. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass  der Zusammenbruch oft erst nach den tapfer durchgestandenen Feiertagen kommt.

Frau Professor Holthoff-Detto, ist die Weihnachtszeit eine besonders schwere Zeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen?

Für viele schon. Depressionen, die häufig im Herbst beginnen,  werden zum Beispiel in dieser Zeit eher begünstigt. Alkoholabhängige Menschen haben es schwerer, weil ihnen überall Glühweingeruch in die Nase steigt und sie aber trotzdem abstinent bleiben möchten. Auch Menschen mit Demenz leiden mitunter mehr – weil sie merken, dass um sie herum reges weihnachtliches Treiben herrscht, sie aber nicht selbstverständlich Teil davon sind.

Was kann man tun, um diesen Menschen zu helfen?

Wer im Freundes- oder Familienkreis Menschen mit psychischen Erkrankungen hat, sollte besonders aufmerksam sein in dieser Zeit. Was vielen vielleicht nicht klar ist: Psychisch Erkrankte haben an den Weihnachtstagen die gleichen Wünsche und Bedürfnisse wie alle anderen auch. Sie möchten mit der Familie oder Freunden zusammensein, Weihnachtslieder singen,   gutes Essen kochen und was immer ihnen noch wichtig ist. Deshalb unterstützen wir bei unseren stationär aufgenommenen Patienten jeden Aufenthalt zu Hause, selbst wenn es nur ein paar Stunden sind. Das ist auch für die Familien ein schönes Erlebnis – etwa wenn die Enkelkinder staunen, dass ihre Großmutter trotz Demenzerkrankung alle Strophen von „Oh du fröhliche“ sicher singen kann.

Kommt das vor?

Durchaus. Bei Menschen mit Demenz sind viele Erinnerungen aus vergangenen Tagen oder solche, die mit Emotionen verbunden sind, noch sehr präsent. Das ist anrührend, so etwas mitzuerleben. Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen leiden besonders unter sozialer Isolation. Es tut allen einfach gut, dabei zu sein, wenn die Kerzen am Adventskranz angezündet werden oder sonstige Rituale gepflegt werden.

Foto: Klaus Heymach/Alexianer
Zur Person

Vjera Holthoff-Detto (58), geboren in Bonn, studierte Medizin in Köln. Seit 2014 ist sie Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Krankenhaus Hedwigshöhe im Ortsteil Bohnsdorf von Berlin-Treptow. 

Wie viele Patienten sind zur Zeit bei Ihnen in der psychiatrischen Klinik im Krankenhaus Hedwigshöhe?

Wir sind komplett belegt: 144 Patienten sind vollstationär da, also Tag und Nacht. 66 werden tagesklinisch betreut. Das bedeutet, dass sie bei uns montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr betreut und behandelt werden. Dazu kommen die Patienten, die unsere Institutsambulanz aufsuchen. Zurzeit sind es 1 600, die jedes Quartal von uns versorgt werden.

Welche Fälle kommen zu Ihnen oder eine andere psychiatrische Klinik?

Oft sind es Patienten mit derart akuten Erkrankungsbildern, dass sie zunächst stationär aufgenommen werden müssen. Etwa nach einem Suizidversuch, in schwerem Erregungszustand nach Drogenkonsum oder bei einer akuten Psychose. Wenn der Zustand nicht ganz so schwerwiegend ist, versuchen wir es nach Möglichkeit mit einer Therapie im Rahmen der Tagesklinik, denn es ist oft sehr wichtig, die Betroffenen so weit wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld zu lassen. In die Institutsambulanz wiederum kommen Patienten, die eine komplexe Behandlung zusätzlich zur ärztlichen brauchen, wie zum Beispiel die intensive Unterstützung von den Sozialarbeitern oder die suchtspezifische psychologische Begleitung während einer Entzugsbehandlung.

Was sind Anzeichen für eine psychiatrische Erkrankung?

Stutzig werden sollte man, wenn das Leben ganz anders wahrgenommen wird, als man es kennt. Wenn zum Beispiel Dinge, die einem immer wirklich wichtig waren, plötzlich an Bedeutung verlieren. Oder wenn der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist. Das kann ein Hinweis auf eine depressive Verfassung sein. Bei älteren Menschen ist es wichtig, nicht alle neu auftretenden psychischen Veränderungen auf das Alter zu schieben. Denn so bleiben eine beginnende Depression oder Veränderungen in der Gedächtnisleistung oft zu lange unentdeckt.

Was ist die erste Anlaufstelle für jemanden, der merkt, dass es ihm seelisch nicht gut geht?

Am besten ist es, zunächst zum vertrauten Arzt zu gehen, sehr häufig ist das der Hausarzt. Eine gute erste Anlaufstelle bei akuten psychischen Krisen ist auch der Berliner Krisendienst (www.berliner-krisendienst.de), der sehr qualifizierte Mitarbeiter hat und rund um die Uhr telefonisch zu erreichen ist.

Ist die Versorgungslage in Berlin gut?

Qualitativ ja. Aber die Kapazitäten reichen nicht aus. Das merkt man an langen Wartezeiten für Psychotherapien im ambulanten Bereich. Und auch in den Kliniken sind die Stationen und Tageskliniken oft überbelegt. Wir möchten und können die Patienten schließlich nicht wegschicken. In Hedwigshöhe könnten wir vor allem mehr Plätze in der Tagesklinik gebrauchen – der Bedarf für 25 zusätzliche Plätze ist da.

Können Ihre stationären Patienten an den Feiertagen nach Hause?

Das unterstützen wir sehr. Wir merken in der Adventszeit auch immer, wie sehr die Patienten bestrebt sind, noch vor Weihnachten ganz entlassen zu werden.

Stürzen viele nicht gerade an den Feiertagen in eine Krise?

Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen Weihnachten noch mit Mühe durchhalten. Sie retten sich vielleicht auch noch über Silvester und Neujahr, dann verlässt sie aber die Kraft und sie benötigen Hilfe. Typisch ist das beispielsweise für Mütter oder Großmütter, die unter wiederkehrenden Depressionen leiden. Sie setzen alles daran, das wichtige Fest noch zu stemmen, danach geht es dann oft nicht mehr.

Wie gut sind die Chancen, dass die Behandlung psychischer Erkrankungen erfolgreich verläuft?

Sie sind sehr gut. Das wird bedauerlicherweise oft nicht mit psychiatrischer Behandlung verbunden. Depressionen etwa lassen sich mithilfe von psychotherapeutischen Gesprächen – und ab einer bestimmten Schwere der Erkrankung zusätzlich mit Antidepressiva – so gut in den Griff bekommen, dass die Patienten ihren Alltag wieder gut meistern und voller Lebensmut sind. Manche können nach der Therapie gar nicht fassen, dass ihnen bestimmte Dinge in der akuten Phase so schwergefallen sind. Und auch Psychosen müssen einen nicht lebenslang begleiten. Viele Menschen erleiden einmal im Leben eine Psychose, etwa in einer akuten Lebenskrise, genesen aber wieder vollständig.