Berlin - Bei der „Stunde der Gartenvögel“ genannten Zählaktion des Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat sich ein langjähriger Trend bestätigt: Es werden immer weniger insektenfressende Vogelarten gemeldet. Zu den größten Verlierern gehören in diesem Jahr mit Mauersegler, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Grauschnäpper auffallend viele Fluginsektenjäger, teilte der Nabu jetzt zur Endbilanz der Aktion mit, an der sich mehr als 140.000 Menschen in Gärten und Parks beteiligt haben. Insgesamt wurden demnach mehr als 3,1 Millionen Vögel knapp 230 verschiedener Arten gemeldet.

Der farbenfrohe Stieglitz ist der größte Gewinner!

Mit Erleichterung blicken die Naturschützer auf die Zahl der gemeldeten Blaumeisen. Im vergangenen Jahr hatte noch ein Bakterium in vielen Teilen Deutschlands zu einem Massensterben der Tiere geführt. In diesem Jahr habe man nun einen bisherigen Zuwachs von immerhin 22 Prozent im Vergleich zu 2020 feststellen können – insgesamt seien demnach über 150.000 Blaumeisen gemeldet worden. „Auch wenn sie ihren normalen Durchschnittswert nicht ganz erreicht. Offenbar konnten erfolgreiche Bruten die Verluste weitgehend ausgleichen“, erläuterte Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.

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Zeitweilig ein Vegetarier: Ein Stieglitz, auch Distelfink genannt, sitzt hier in einer Magnolie.

Eine weitere gute Nachricht: Auch die Bestände des Stieglitz erlebten eine positive Entwicklung, so der Nabu. Mit einem Plus von 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sind die farbenfrohen Tiere während der jüngsten Zählaktion bisher über 33.000 Mal gemeldet worden. Der Wert habe sich damit seit Beginn der Zählaktionen vor 16 Jahren verdoppelt. Die Besonderheit dieser Art ist, dass er als einer von ganz wenigen Singvögeln seine Jungen nicht mit Insekten, sondern vegetarisch ernährt. Apropos: Langfristig deutliche Zunahmen zeigen auch andere Vegetarier, darunter Ringeltauben, Gimpel sowie der Kernbeißer.

Nabu: Gärten und Parks sollten insektenfreundlicher werden

Offenbar gibt es zu wenig Insekten. Von den eingangs genannten Verlierern abgesehen sind davon übrigens auch Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Zilpzalp, Kuckuck, Nachtigall und Klappergrasmücke betroffen. Nabu-Geschäftsführer Miller rät: „Wer unseren gefiederten Sorgenkindern helfen will, muss seinen Garten so gestalten, dass Insekten sich dort wohlfühlen: Heimische Laubgehölze pflanzen, Ecken mit Wildpflanzen anlegen und selbstverständlich auf Umweltgifte verzichten.“ Das zentrale Fazit des Nabu lautet allerdings: Der Vogelbestand in Deutschlands Dörfern und Städten ist insgesamt weitgehend stabil.

In der Rangliste der häufigsten Gartenvögel erreichte das Rotkehlchen seine bislang beste Platzierung: Der vor einigen Monaten zu Deutschlands „Vogel des Jahres“ gewählte Singvogel kam auf Rang neun – „womöglich kraft Amtsbonus“, wie der Nabu mutmaßt. An die Spitze sei wie jedes Jahr der Haussperling geflogen. Es folgten Amsel, Kohlmeise, Star, Blaumeise, Feldsperling, Elster und Ringeltaube. Die Amsel verdankt ihre gute Platzierung wohl dem regnerischen Wetter während der Zählung zwischen dem 13. und 16. Mai: Sie kommt bei feuchtem Wetter viel besser an ihre Leibspeise – Regenwürmer.

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Seltener Gast in Deutschland: die Kappenammer (Emberiza melanocephala), hier ein Männchen.

Der Nabu hob zudem eine besondere Entdeckung hervor. In der Nähe von München sei eine extrem seltene Kappenammer gesichtet worden. Diese Art lebe sonst auf dem Balkan und habe bisher in Deutschland nur ein einziges Mal gebrütet. Miller: „Selbst für erfahrene Ornithologen hält die Stunde der Gartenvögel immer wieder Überraschungen bereit.“