Windsor - Nord- und Südpol leiden unter dem Klimawandel: Das „Ewige Eis“ schmilzt. In der Antarktis schrumpft es derzeit sechsmal so schnell wie noch in den 1980er-Jahren. Auch im Norden gehen die Eisbestände dramatisch zurück. Vor diesem Hintergrund erhält eine Studie im britischen Fachblatt Royal Society Open Science ihre Bedeutung, wonach die Eisschmelze die Eisbären (Ursus maritimus) zwingt, neben Robben auch andere Nahrungsquellen zu suchen: Die arktischen Räuber fallen über die Gelege von Eiderenten her, und das könnte zu einer Störung des ökologischen Gleichgewichts führen.

Vogeleier wären ein energiereicher Ersatz für Robben

Der Eierraub wird schon seit längerem beobachtet. So beschrieb etwa ein internationales Team um den Freiburger Biologen Benoît Sittler schon 2015, dass die Raubtiere in bestimmten Regionen Grönlands oder auf Spitzbergen zunehmend Brutkolonien von Gänsen und Enten aufsuchen, um dort die Nester zu plündern. Eigentlich verbringen die Tiere den Frühling damit, Robben zu jagen, um sich Speck für den Sommer anzufressen. Das frühe Schmelzen der Packeisflächen, von denen die Eisbären ihre Jagden starten, verkürzt diese Saison merklich, sodass sie sich nach energiereichem Ersatz umsehen müssen.

Foto: Imago/R. de Haas
So sollte es sein: eine Eisbärenfamilie mit erlegter Robbe.

Eine solche Erweiterung der Speiseplans ist für die spezialisierten Räuber allerdings kein leichtes Unterfangen, wie jetzt die Untersuchung eines Teams von Biologen um Patrick Jagielski von der kanadischen University of Windsor zeigt. Mithilfe von Drohnen konnten die Forscher beobachten, wie Eisbären auf Mitivik Island in der Hudson Bay nach Eiern von Eiderenten (Somateria mollissima) suchten. In einer früheren Untersuchung hatte Jagielski bereits die Vermutung angestellt, dass diese Eier eine kosteneffiziente Energieressource für die Bären während des eisfreien und damit robbenlosen Sommers sind.

Der Eisbär „verschwendet“ Zeit und vor allem Energie

In der neuen Studie ging er nun allerdings der Frage nach, ob die Eiersuche auch dem sogenannten Optimalitätsmodell entspricht: Jenes Prinzip der Ökologie beschreibt, wie Entscheidungsfindungen bei der Futtersuche und Nahrungsauswahl zustande kommen, und zwar mit dem Ziel, die Nettoenergieaufnahme zu maximieren. Gemäß dieses quasi-ökonomischen Prinzips müssten Eisbären eigentlich darauf aus sein, mit möglichst wenig Aufwand und vor allem möglichst wenig Bewegung möglichst viele Eier zu fressen: Sollte sich der Ursus maritimus also als ein Ursus oeconomicus erweisen?

Foto: Imago/Sven-Erik Arndt
Auch eine Alternative: Eisbären machen sich bei Spitzbergen über einen gestrandeten Pottwal her.

Tatsächlich zeigten die Drohnenbilder von Jagielskis Team, dass die Tiere mit Fortschreiten der Brutsaison immer weniger Nester aufsuchten und sich zunehmend für Nester entschieden, die bereits leer waren. Die Forscher vermuten, dass Eisbären nicht in der Lage sind, frühzeitig volle von bereits geplünderten Nestern zu unterscheiden, etwa durch deren Geruch oder die Sichtbarkeit von Eiern. Auch nutzten die Eisbären es nicht aus, wenn sich viele Nester in einem Gebiet befanden, das Nahrungsangebot also entsprechend groß war. Kurzum, die Eisbären „verschwendeten“ Zeit und vor allem Energie.

Keine Entwarnung für die Eiderenten

Ein naheliegender Grund dafür könne die Unerfahrenheit der Eisbären mit dieser Art der Nahrungsbeschaffung sein. Und schließlich erhöhte sich die Zahl der erfolgreich geplünderten Gelege, wenn die Bären brütende Eiderenten als visuelle Hinweise nutzten, erheblich – allerdings setzten sie diese Strategie nicht durchgängig oder universell ein. Entsprechend fassen die Studienautoren zusammen: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Eisbären ineffiziente Räuber von Seevogel-Eiern sind, vor allem im Zusammenhang mit der Anpassung des Futtersuchverhaltens zur Ressourcendichte.“

Für die Eiderenten bedeuten die Ergebnisse allerdings keine Entwarnung. Denn bislang sind den Forschern zufolge erst relativ wenige Eisbären mit diesem Fressverhalten beobachtet worden. Sie nehmen an, dass immer mehr Eisbären in immer mehr Brutgebieten Eier suchen und zugleich erfolgreicher bei der Nestplünderung werden könnten, je mehr sie gezwungen seien, Eier in ihren Speiseplan aufzunehmen. Sie mahnen: „Sollte die Zahl der Bären zunehmen, die in Eiderentenkolonien auf Nahrungssuche gehen, könnte dies verheerende Folgen für die Eiderentenpopulationen haben und sie langfristig zunichtemachen.“ (mit dpa)