Berlin - Diesen Text schreibe ich mit einem merkwürdigen Stechen im Nacken. Kommt es von der Halswirbelsäule? Es fing vor ein paar Tagen plötzlich an, ließ nach, nun ist es wieder da. Wahrscheinlich hat es nichts zu bedeuten, aber leider habe ich vor Kurzem ein Buch gelesen, in dem ein Wissenschaftsjournalist der New York Times anhand von Studien untersucht hat, wie gesund Yoga wirklich ist.

Ich mache seit der Pandemie oft zu Hause Yoga. Das Buch las sich erst beruhigend, der Autor zählte Studien auf, die belegen, wie gut Yoga für die Psyche ist. Aber dann erwähnte er Berichte aus medizinischen Fachzeitschriften, die von Frauen handelten, die nach dem Yoga einen Schlaganfall bekamen. Weil sie ihren Nacken falsch belastet hatten.

Es waren sehr wenige Fallberichte. Millionen Menschen machen Yoga. Als Journalistin habe ich jahrelang medizinische Studien gelesen und eingeordnet. Das Yoga-Schlaganfall-Risiko erscheint mir nach Datenlage so winzig, dass ich mich fragte, warum der New Yorker Kollege es in sein Buch geschrieben hat. Trotzdem muss ich jetzt manchmal an diese Fälle denken. Und an das „Schönheitssalon-Syndrom“, das im Buch nebenher erwähnt wird: Schlaganfälle nach einer Haarwäsche beim Frisör, bei der man den Nacken zu weit zurückgelegt hat.

Ich habe lange über Wissenschaftsthemen geschrieben, aber dabei nie über mich selbst. In Artikeln über Migränebehandlungen erwähnte ich meine Migräne nicht. Aber das hier ist eine Kolumne, ich kann es zugeben: Ich denke oft über Krankheiten nach. Auch, wenn ich nicht darüber berichte. Sondern, nun ja, einfach so. Ich bin erst Mitte 40, meine Freunde tun noch so, als interessiere sie das alles überhaupt nicht. Diese Alte-Leute-Themen.

Meine Mutter sagt, ich sei schon immer so gewesen. Ein Hypochonder eben. Das Wort wird in meiner Familie übrigens nicht gegendert und ich mache es auch nicht, wenn ich es für mich selbst benutze, ich kann nicht erklären, warum. Als mein Bruder und ich die Windpocken hatten, sei er von oben bis unten von dem Ausschlag übersät gewesen, sagt meine Mutter. Während er kaum klagte, hätte ich meine wenigen Windpocken ständig betrachtet und darüber geredet. Noch schlimmer sei es gewesen, als ich mit acht Jahren einen Knopf verschluckt hatte. Man hätte mir tagelang meine Sorgen nicht ausreden können.

In den Wintermonaten setzte meine Mutter uns in unserer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg vor die Höhensonne, eine Lampe, aus der heilsames Licht strömen sollte. Bloß nicht reingucken, sagte sie. Wir trugen kleine Schutzbrillen, aber ich erinnere mich an meine Angst um meine Augen. Meine Mutter sagt, schon ihr Vater hätte geglaubt, dass nur die Höhensonne seine Kinder gesund über die Winter im Erzgebirge bringen konnte.

Konnte das stimmen? Seit ich erwachsen bin, traue ich Forschungsergebnissen mehr als dem Glauben meiner Mutter.

Ich habe in einer Datenbank für wissenschaftliche Studien nicht nach Höhensonnen, sondern nach dem „Schönheitssalon-Syndrom“ gesucht. Der bedeutendste Treffer schien mir ein Artikel aus dem Jahr 2016. In elf Jahren hatten Schweizer Ärzte unter 2361 Schlaganfallpatienten zehn ausgemacht (im Durchschnitt 76 Jahre alt, davon neun Frauen), bei denen ein Frisörbesuch der Auslöser gewesen sein könnte. Möglicherweise. Es klang sehr vage, man könne keine Tipps zur Vorbeugung geben, hieß es. Mein Nacken ist wahrscheinlich vom Schreiben verspannt.

Die nächste Kolumne von Wiebke Hollersen erscheint in 14 Tagen.