Einen Run auf Bio-Weihnachtsbäume gibt es bislang nicht. Sie haben lediglich einen Marktanteil von knapp 0,5 Prozent. 
Foto:  Michael Urban/ddp

BerlinKlimakrise, Agrargifte, Artensterben, Berge von Plastikmüll. Wer all diese Probleme im Blick hat, überlegt zurzeit vermutlich, wie umweltfreundlich es ist, sich für ein oder zwei Wochen einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer zu stellen. Tradition hin oder her. Und tatsächlich gibt es Umweltorganisationen wie zum Beispiel den Nabu, die die Festtagstanne für nicht mehr zeitgemäß halten. „Warum überhaupt noch einen Baum?“, heißt es in den Weihnachtstipps der Naturschützer. Sie empfehlen Ersatz aus Brettern oder Metall. Auch selbst kreativ zu werden sei prima, etwa mit alten Gardinenstangen.

„Einen Baum und den Schmuck dafür aus Natur- und Recyclingmaterialien selbst zu basteln, ist gewiss die nachhaltigste Variante“, sagt Corinna Hölzel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sie urteilt in der Baumfrage aber nicht ganz so streng. „Wenn sich zum Beispiel die Kinder schon seit Monaten auf den Weihnachtsbaum freuen, sollte man sich ruhig dafür entscheiden“, findet sie. Und wer bei der Auswahl des Baums ökologische Kriterien in den Vordergrund stellt, könne ein gutes Gewissen dabei haben. Die wichtigsten Baumfragen:

1. Natürlich oder aus Kunststoff?

„Plastikbäume sind keine Alternative“, betont Corinna Hölzel. Denn auch wenn man sie über Jahre wieder aus dem Keller holt, sind sie ein Produkt aus dem fossilen Energieträger Erdöl, ihre Herstellung war energieintensiv und hat Kohlendioxid freigesetzt. Zudem enthalten sie Weichmacher und müssen auf Kosten der Umwelt entsorgt werden – wobei auch wieder Klimagase entstehen. Nach Angaben des  WDR-Wissensmagazin Quarks zeigen Studienergebnisse, dass durch einen natürlichen Baum etwa 3,1 Kilogramm Kohlendioxid entstehen, bei einer Plastiktanne sind es 48,3 Kilogramm. Meist haben Plastikbäume auch lange Transportwege hinter sich.

2. Bio oder konventionell?

Bäume aus biologischem Anbau sind in der absoluten Minderheit. Sie haben einen zwar wachsenden, aber sehr geringen Marktanteil von knapp 0,5 Prozent. Aus ökologischer Sicht lohnt es sich jedoch, sich auf die Suche nach einem solchen Exemplar zu machen. Denn die Wahrheit über Weihnachtsbäume aus konventionellem Anbau ist: „Sie werden in der Regel mit Pestiziden behandelt und mit Mineraldünger gedüngt für einen schnellen, gleichmäßigen Wuchs und sattes Grün“, sagt Corinna Hölzel. Um Unkräuter zwischen den Bäumen zu bekämpfen, werde zum Teil Glyphosat verwendet, gegen Schädlinge wie die Tannentrieblaus, den Braunen Rüsselkäfer und die Nadelholzspinnmilbe würden Insektizide gespritzt. Und weil die Reihen oft sehr dicht stehen, bedarf es Fungiziden, um Pilzbefall zu bekämpfen, der bei mangelnder Durchlüftung droht.

Vor zwei Jahren hat der BUND Weihnachtsbäume aus dem Handel auf Pestizidrückstände untersucht. „Es hat sich gezeigt, dass geringe Rückstände von mehreren Pestiziden auch in den geernteten Bäumen zu finden sind, sie gefährden die Verbraucher allerdings nicht akut“, sagt die Expertin. Für die Natur sei diese Art des Anbaus durchaus eine große Gefahr, denn sie bedrohe die Artenvielfalt und belaste das Grundwasser.

Auf ökologisch bewirtschafteten Plantagen hingegen weiden zwischen den Reihen zum Beispiel oft Schafe, die das Unkraut kurz halten. Und gegen Schädlinge werden Nützlinge, Pheromonfallen oder andere schonende Mittel eingesetzt. „Zu erkennen sind Bio-Weihnachtsbäume an einem FSC-Siegel, dem Bio-Siegel und den Siegeln von Bio-Anbauverbänden wie Naturland, Bioland und Demeter“, sagt Hölzel. Die Umweltorganisation Robin Wood erstellt seit Jahren eine Liste der Bezugsquellen. In Berlin gibt es dieses Jahr 22 Verkaufsstellen, darunter zum Beispiel Bauhaus-Baumärkte und Ikea-Filialen.

3. Forst oder Plantage?

„Der ideale Weihnachtsbaum kommt aus einem FSC-zertifizierten Forst in Wohnortnähe“, sagt Corinna Hölzel vom BUND. Die Abkürzung FSC bedeutet Forest Stewardship Council und steht für verantwortungsvolle Waldwirtschaft und den Verzicht auf Pestizide und Mineraldünger. Für Berliner ist es jedoch nicht so einfach, einen solchen Baum zu finden. Die Wälder der Stadt sind zwar alle FSC zertifiziert, aus ihnen werden aber keine Weihnachtsbäume für den Verkauf entnommen. Und in Brandenburg ist das Zertifikat wenig verbreitet. 

In Brandenburg ist eher das PEFC-Siegel üblich, das allerdings nicht für Ökoanbau steht und auch den Einsatz von Pestiziden und Mineraldünger erlaubt, vor allem wenn die Bäume auf Sonderflächen angebaut werden – etwa unter Hochspannungsleitungen oder auf Trassen für Gas-Pipelines. „Trotzdem ist eine Tanne oder Kiefer aus einem nahegelegenen Forst immer noch eine gute Wahl. Die meisten Förster machen auch kaum Gebrauch von der Möglichkeit des Pestizideinsatzes“, sagt Rudolf Fenner von Robin Wood. Der Landesbetrieb Forst Brandenburg hat eine Liste des diesjährigen Weihnachtsbaumangebots erstellt.  Die Angebote des Landesbetriebs finden sich dort bei den aufgelisteten Landeswaldoberförstereien, Revierförstereien und Oberförstereien.

4. Mit Ballen oder ohne?

Eine Tanne oder Fichte im Topf zu kaufen ist nur dann sinnvoll, wenn sie darin auch die ganze Zeit über gewachsen ist. Oft erkennt man das beim Kauf jedoch nicht. „In den meisten Fällen werden die Bäume auf den Plantagen ausgestochen und in einen Topf umgesetzt. Das bedeutet den Tod der Pflanzen, denn dabei werden die feinen Haarwurzeln zerstört und der Baum geht nach dem Weihnachtsfest in der Regel schon bald ein“, erläutert Hölzel.

5. Nordmanntanne oder Kiefer?

Für 80 Prozent der Deutschen ist das keine Frage. Sie wählen die Nordmanntanne. Dabei sollte man allerdings wissen, dass es sich nicht um eine einheimische Baumart handelt. Sie stammt aus den Wäldern des Kaukasus, das Saatgut dafür wird aus Georgien importiert. Bei der Ernte in schwindelerregender Höhe riskieren die Zapfenpflücker ihr Leben. Vielleicht ist 2019 ein gutes Jahr, mal eine heimische Kiefer oder Tanne als Weihnachtsbaum zu erwählen.

6. Kerzen oder Lichterketten?

Der Nabu empfiehlt Kerzen, insbesondere solche aus Bienenwachs in Bioqualität. Außerdem rät er auf das RAL-Gütezeichen zu achten, das gesundheits- und umweltorientierte Grenzwerte für die Inhaltsstoffe, Dochte und Lacke vorsieht. Auch BUND-Expertin Hölzel ist für Kerzen. „Wir haben gerade erst Lichterketten getestet und darin zum Teil hohe Gehalte an illegalen Schadstoffen gefunden, etwa Phtalate und Chlorparaffine“, berichtet sie. Allerdings sollte man Kerzen am Baum wegen der Brandgefahr stets im Blick behalten. Die Berliner Feuerwehr zeigt sich in ihren Tipps für die Weihnachtszeit nicht gerade angetan von Wachskerzen am Baum. Sie mahnt, brennende Kerzen immer zu beaufsichtigen und vor Zugluft zu schützen. Zudem sollte der Baum standsicher sein, regelmäßig mit Wasser versorgt werden und ausreichend Abstand zu brennbaren Gegenständen wie Vorhängen haben. Empfehlenswerter finden die Brandschützer elektrische Kerzen. Wer sich dafür entscheidet, sollte LED wählen und auf Ketten achten, die keine oder zumindest aufladbare Batterien benötigen. Sichere Ketten sind an den Prüfsiegeln GS, VDE und vom TÜV zu erkennen.

7. Stroh oder Lametta?

Beim Weihnachtsbaumschmuck ist aus ökologischer Sicht alles gut, was man aus Naturmaterialien selbst basteln kann: Sterne aus Stroh oder Papier, dekorative Objekte aus Wachs, Holz oder Salzteig, außerdem Zapfen, Nüsse, Äpfel. „Ich habe im vergangenen Jahr Sterne gehäkelt, das sah auch gut aus“, berichtet Corinna Hölzel. Lametta dagegen ist ökologisch nicht mehr angesagt. Das traditionelle besteht aus Stanniol, in dem Zinn enthalten ist, früher auch Blei – und ist ohnehin kaum noch zu haben. Und auf den kitschig-glitzernden Ersatz aus Kunststoff sollte man getrost verzichten. Ebenso auf Schnee- und Glitzersprays, denn sie bestehen häufig aus dem Kunststoff PET und bleiben als Mikroplastik lange in der Umwelt. Und auch bei den Christbaumkugeln lohnt es sich, auf das Material zu schauen: „Solche aus Glas, womöglich sogar Recyclingglas, sind eine gute Wahl. Den Absatz von Kunststoffkugeln in immer neuen Modefarben sollte man nicht anheizen“, findet Corinna Hölzel. Falls es dieses Jahr trotzdem eine andere Farbe sein soll, regt der Nabu an: mit den Nachbarn tauschen.