Unter Wasser in der Antarktis.
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Durchschnittlich könnte der mittlere globale Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um mehr als einen Meter steigen. Bis 2300 könnten es sogar mehr als fünf Meter sein, wenn die Menschheit weiter so viele Treibhausgase ausstößt wie bislang. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 106 führenden internationalen Meeresspiegel-Experten, wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) am Freitag mitgeteilt hat. Laut PIK basiere diese neue Risikoabschätzung auf dem zunehmenden Wissen über die beteiligten Systeme - also Ozeane, Eismassen und Wasserkreisläufe. Die Studie unter Leitung von Wissenschaftlern der Nanyang Technological University (NTU) in Singapur erscheint im Fachjournal Climate and Atmospheric Science.

Die Wissenschaftler zeigten die verbleibenden Unsicherheiten auf, erklärten aber auch, dass frühere Schätzungen des Meeresspiegelanstiegs zu niedrig gewesen seien, heißt es in der Mitteilung des PIK. Die Schätzungen der befragten Experten lägen alles in allem höher als die bislang vom Weltklimarat IPCC veröffentlichten. Weil die Daten und das Verständnis der Prozesse  immer besser würden, habe der IPCC zuletzt seine Projektionen zum Meeresspiegel bereits um knapp zwei Drittel angehoben. Nun sehe es aber so aus, „als sei die Herausforderung noch größer als bislang befürchtet, und Gegenmaßnahmen daher noch dringlicher“, erklärt das PIK.

Die befragten Experten schätzten den Anstieg des globalen Meeresspiegels anhand mehrerer Szenarien. Falls es gelinge, die Erderwärmung gemäß dem Pariser Klima-Abkommen auf zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, stiegen die Ozeane im globalen Mittel bis zum Jahr 2100 um etwa 0,5 Meter, so die Fachleute. Bis 2300 seien es 0,5 bis zwei Meter. Bei einem Szenario unverminderten Ausstoßes von Treibhausgasen mit einer Erwärmung um weltweit durchschnittlich 4,5 Grad Celsius sähe es anders aus. Hier stiegen die Meeresspiegel bis 2100 mit 0,6 bis 1,3 Meter, bis 2300 wären es 1,7 bis 5,6 Meter.

Der globale mittlere Meeresspiegelanstieg ist ein Durchschnittswert. Eigentlich müsste man von den Meeresspiegeln sprechen, denn es existieren erhebliche regionale Unterschiede. Die Meeresspiegel steigen nicht gleichzeitig wie das Wasser in einer Badewanne. Das  Tempo, mit dem das Eis von Grönland abschmelze, habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht und die Schmelzrate der Antarktis sich verdoppelt, teilten das Deutsche Klima-Konsortium (DKK) und das Konsortium Deutsche Meeresforschung (KDM) Ende 2019 in einem Bericht zur „Zukunft der Meeresspiegel“ mit.

Die Auswirkungen des künftigen Meeresspiegelanstiegs seien regional unterschiedlich. Besonders bedroht seien niedrig liegende Küstengebiete, kleine Inselstaaten, aber auch küstennahe Megastädte. Die Hälfte aller Menschen lebe in Städten, die weniger als 100 Kilometer von der Küste entfernt sind, so der Bericht. Die Großstädte am Meer wüchsen, der Küstenraum werde  intensiv genutzt – deshalb sei der Meeresspiegelanstieg für die Weltgemeinschaft eine so bedrohliche Folge des Klimawandels. In Wechselwirkung mit dem Meeresspiegelanstieg würden auch Sturmfluten stärker.

Auch deutsche Küsten seien bedroht, so der Bericht „Zukunft der Meeresspiegel.“ Der Anstieg der Meeresspiegel von Nord- und Ostsee entspreche in etwa dem globalen Mittelwert und erfordere  Anpassungen des Küstenschutzes. Zusätzlich sei das Wattenmeer gefährdet.

Für die jetzt veröffentlichte neue internationale Umfrage seien 106 Experten „objektiv ausgewählt“ worden, so das PIK. Aus einer führenden Publikationsdatenbank sei ein Pool der aktivsten Autoren von wissenschaftlichen Studien zum Meeresspiegel ermittelt worden. Diese hätten seit 2014 jeweils mindestens sechs Arbeiten zum Thema in wissenschaftlich begutachteten Journalen veröffentlicht. Die nun vorliegende internationale Studie sei Ergebnis einer Zusammenarbeit von Forschern der NTU Singapur, der Universität Hongkong, der Maynooth University in Irland, der Durham University in Großbritannien, der Rowan University und der Tufts University in den USA sowie des PIK in Deutschland.

„Was wir heute innerhalb weniger Jahrzehnte tun, bestimmt den Meeresspiegelanstieg für viele Jahrhunderte, das zeigt die neue Analyse deutlicher als je zuvor“, sagte Stefan Rahmstorf vom PIK, Ko-Autor der Studie. „Das ist aber auch eine gute Nachricht: Wir haben es beim Ausstoß von Treibhausgasen selbst in der Hand, wie stark wir die Risiken für Millionen von Menschen an den Küsten der Welt ansteigen lassen, von Hamburg bis Schanghai und von Mumbai bis New York.“

Die größten Unsicherheiten schlummerten in den Eisschilden Grönlands und der Antarktis, urteilten die Experten laut PIK. Satellitengestützte Messungen zeigten, dass die Eisschilde unter globaler Erwärmung immer schneller Masse verlieren, die dann ins Meer gelangt und dieses ansteigen lässt.

„Die Komplexität der Projektionen zum Anstieg des Meeresspiegels und die schiere Menge relevanter wissenschaftlicher Veröffentlichungen macht es für Entscheider in der Politik schwierig, einen Überblick über den Forschungsstand zu gewinnen“, erklärt Benjamin Horton von der Asian School of the Environment der NTU, der die neue Studie leitete. Für einen solchen Überblick ist es deshalb nützlich, führende Experten zu befragen, welchen Anstieg des Meeresspiegels sie erwarten.“ Dies biete ein breiteres Bild der Zukunftsszenarien und gebe der Politik die Informationen, auf deren Grundlage sie über die nötigen Maßnahmen entscheiden könne.