Spurensuche in der Karsthöhle Bacho Kiro in Zentralbulgarien: Grabungsleiterin Tsenka Tsanova nimmt Sedimentproben für DNA-Analysen.
Foto:  Nikolay Zahariev, MPI-EVA Leipzig

LeipzigDer moderne Mensch hat Europa deutlich früher erreicht als bisher bekannt: In Bulgarien haben Forscher Fossilien des Homo sapiens entdeckt, die mindestens 45.000 Jahre alt sind. Die Funde - neben den menschlichen Überresten auch Tierknochen, Werkzeuge und Schmuck - belegen, dass Menschen und Neandertaler in Europa mehrere Jahrtausende lang zusammenlebten.

Darüber hinaus deuten sie darauf hin, dass die Neuankömmlinge die Kultur der Neandertaler stark beeinflussten. Das berichten Forscher um Jean-Jacques Hublin und Helen Fewlass vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in den Zeitschriften Nature und Nature Ecology & Evolution.

Die bislang ältesten direkten Belege für die Anwesenheit des Menschen in Europa stammten aus den rumänischen Karsthöhlen Peștera cu Oase und sind etwa 41.000 Jahre alt. Da die Neandertaler in Europa nach derzeitigem Kenntnisstand vor knapp 40.000 Jahren verschwanden, leiteten Forscher daraus ab, dass sie relativ kurz nach der Ankunft des Homo sapiens ausstarben. Die neuen Funde legen nun nahe, dass beide Arten viel länger auf dem Kontinent koexistierten.

Sie stammen aus der Karsthöhle Bacho Kiro nahe der Stadt Drjanowo in Zentralbulgarien. Dort entdeckte das Team um Hublin weit mehr als 10.000 Zahn- und Knochenfragmente - darunter ein menschlicher Backenzahn - sowie diverse Stein- und Knochenwerkzeuge und auch Schmuck. Analysen per Protein-Massenspektrometrie zeigten, dass der Zahn und sechs Knochenfragmente eindeutig vom Homo sapiens stammen.

Funde aus der Zeit vor mehr als 45.000 Jahren: Ganz rechts ist die längste Klinge zu sehen, die in der Höhle gefunden wurde. Oben rechts eine zerbrochene Perle aus Sandstein.
Foto:  Tsenka Tsanova, MPI-EVA Leipzig

Die Datierungen der Fossilien und auch der Fundschicht ergaben, dass die Überbleibsel mindestens 45.000, möglicherweise sogar bis zu 47.000 Jahre alt sind. Aufschlussreich ist auch die Analyse der Werkzeuge: So stammt etwa Feuerstein aus einer bis zu 180 Kilometer entfernten Region. Das Gestein wurde zu spitzen Klingen verarbeitet, die wohl zur Jagd und zum Zerlegen erlegter Tiere verwendet wurden.

Neben menschlichen Relikten bargen die Forscher auch mehr als 12.000 Fragmente von tierischen Knochen - darunter Wisente, Rotwild und Höhlenbären. Manche Zähne von Bären und Paarhufern waren perforiert und zu Anhängern verarbeitet worden. Einige ähneln stark späteren Neandertaler-Ornamenten, etwa aus der Grotte du Renne in Mittelfrankreich. Die Forscher vermuten daher, dass der ankommende Homo sapiens die Kultur von Neandertalern in Europa beeinflusste.

Die neuen Funde belegten „eine ausgedehnte Kontaktphase von Neandertalern und H. sapiens in Osteuropa“, schreiben die Forscher in Nature. Diese Kontakte mit den einwandernden Menschen hätten zu Neuerungen im Verhalten der schwindenden europäischen Neandertaler-Populationen geführt.

Dass Menschen und Neandertaler in Europa und auch Asien Kontakt zueinander hatten und etwa gemeinsame Nachkommen zeugten, ist schon länger bekannt. So ergab etwa die Analyse eines menschlichen Fossils aus der rumänischen Höhle Peștera cu Oase, dass einer der Ahnen vor vier bis sechs Generationen ein Neandertaler war. Neandertaler-Erbgut ist bis heute bei Menschen europäischen und asiatischen Ursprungs nachweisbar.

„Die Bacho-Kiro-Höhle liefert Belege für die erste Ausbreitung von H. sapiens in den mittleren Breitengraden Eurasiens“, sagt Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut. „Erste Pioniere brachten neue Verhaltensweisen nach Europa und interagierten mit lokalen Neandertalern.“ (dpa/fwt)