Symbolfoto: Coronavirus Diagnose.
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Berlin - Am Dienstag fangen die Halsschmerzen an. Ich hatte mich mit dem Coronavirus beschäftigt, ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, mich angesteckt zu haben, gering war. Ich war nicht Italien oder in China. Zu dem jungen Mann aus Mitte, der zwei Wochen hustend und niesend im Großraum gesessen hatte, bevor bei ihm Covid-19 identifiziert wurde, hatte ich auch keinen direkten Kontakt. Ich bleibe zu Hause und huste in die Armbeuge.

Ich habe zwei kleine Kinder, sie schleppen dauernd Viren an. In den drei Wintern zuvor haben wir alles mitgenommen, Scharlach, Hand-Mund-Fuß, Lungenentzündung, Noro. Meine Tochter ist chronisch krank, deshalb bin ich extra vorsichtig. Neulich wurde eine Erzieherin einer Kita vom Amt zur Arbeit geschickt, obwohl ihr Kind an der ansteckenden Hepatitis A erkrankt war. Die Mutter wurde krank, die Kita, in der sie arbeitete, musste zum Teil geschlossen werden. Eltern blieben mit ihren Kindern zu Hause, erlitten zum Teil Verdienstausfälle. Mit einer Quarantäne hätte das vermieden werden können. Bei Covid-19 entscheiden die Mitarbeiter der Gesundheitsämter offenbar nach Gefühl: In Pankow wurde ein Verdachtsfall, eine Kollegin eines Erkrankten, nach einer Woche aus der Quarantäne entlassen, ohne Test.

Am Mittwoch bekomme ich Fieber und huste viel. Ich sage eine Veranstaltung ab, ich will nicht schniefend und hustend vor dem Publikum sitzen. Die Organisatorin schreibt zurück: „Wegen Ihnen habe ich jetzt großen Stress.“ Vorsicht im Umgang mit Infektionskrankheiten, die nicht für alle nur harmlos sind, scheint etwas zu sein, was vielen übertrieben oder lachhaft vorkommt.

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Der Arztbesuch 

Ich rufe bei meiner Hausärztin an. Ich beschreibe der Arzthelferin die Symptome, ich erkläre auch, dass ich keinen direkten Kontakt zu Infizierten hatte. „Kommense her und lassen sich abhören“, sagt sie. Kein Wort zu Corona. Das Wartezimmer ist voll, es gibt keinen Sitzplatz mehr, ich bin ziemlich müde, kann kaum stehen. Eine der Ärztinnen bringt mir einen Stuhl. Ich huste in die Armbeuge, so wie ich das jetzt gelernt habe. Die anderen Patienten mustern mich.

Im Sprechzimmer schimpft meine Ärztin über das, was sie für Panikmache hält. „Im Straßenverkehr sterben jedes Jahr mehr Menschen, trotzdem gibt es kein flächendeckendes Tempo 30“, sagte sie. Das ist der eine der zwei Pole, zwischen denen die Reaktionen auf den Virus schwanken: Wegdrücken oder Hysterie. Beides erscheint seltsam kalt. Meine Ärztin sagt, dass die Tödlichkeit des Virus sehr gering sei. Ich sage, dass weltweit geschätzt 3.000 Menschen daran gestorben sind.

Die Ärztin hat insofern recht, dass der Mensch schlecht darin ist, Gefahren einzuschätzen. Wir haben keine Angst, vor den Dingen, die am gefährlichsten sind: Autos, Alkohol. Wir haben Angst vor Viren, Strahlen, Zusatzstoffen. Was als Risiko wahrgenommen wird, hängt von gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Prägungen ab. „Wenn wir Studien finden, die unseren Glaubenssätzen widersprechen, bezweifeln wir eher die Informationen als unsere Überzeugungen“, sagt der US-Psychologe Paul Slovic. Es ginge weniger drum, ob die Menschen Fakten kennen oder ob sie Angst haben.

Zu meinen Symptomen sagt die Ärztin: „Wahrscheinlich ein grippaler Infekt.“ Einen Coronatest erwähnt sie gar nicht. Wann getestet wird, scheint mir unklar. Ich bleibe zu Hause, die Speisekammer ist voll. Ich bin immer auf eine Katastrophe eingestellt.