Berlin - Kompliment, sie haben lange durchgehalten, die Experten der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert Koch-Institut. Sie haben dem Druck widerstanden, den die Politik seit Wochen auf sie ausübt. Sie haben erst jetzt eine generelle Empfehlung ausgesprochen, Heranwachsende von 12 bis 17 Jahren gegen das Coronavirus zu impfen. Bisher galt diese Empfehlung nur für Ausnahmefälle, für Kinder mit Vorerkrankungen zum Beispiel. Gleichwohl konnten Eltern, wenn sie das persönlich wollten, ihren Kindern eine Schutzimpfung gegen das Virus verabreichen lassen.

Was nach den Debatten absehbar und wie eine Randnotiz erscheint, ist ein skandalöser Vorgang. Welche Motive auch immer politische Akteure damit verfolgt haben mögen, ausgerechnet diese Altersgruppe in den Fokus einer öffentlichen Kampagne zu stellen, welche Gründe auch immer die Stiko jetzt zum Einlenken bewogen haben – die Koalition von Entscheidungsträgern mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat ihre Kompetenzen eindeutig überschritten. Aufgabe einer unabhängigen Expertenkommission ist eben genau das: Unabhängig zu sein, frei von Lobbyismus, Wahlkampf, Machtkampf; sie hat Risiken und Wirkungen kritisch abzuwägen und dabei nur einem verpflichtet zu sein: der Bevölkerung und ihrer Gesundheit.

Es wäre viel gewonnen, wenn sich die Politik auf ihr Kerngeschäft und dort auf eine Minimierung von Fehlern konzentrieren würde. Die noch junge Geschichte der Pandemie ist nicht gerade arm an solchen Versäumnissen und Verfehlungen. Vermeintliche Fehler anderer zu korrigieren, in einem sensiblen Bereich wie der Medizin zumal, von dem mit einzelnen Ausnahmen nur die wenigsten Vertreter des Politprofitums Kenntnis haben, gehört nicht zu diesem Kerngeschäft.

Eine Expertenkommission, die ihre Expertise an den Vorstellungen von Regierungen ausrichten soll, wäre überflüssig, im schlimmsten Fall gefährlich. Deswegen gebührt der Stiko Respekt dafür, so lange widerstanden zu haben.