Eine Assistenzärztin untersucht in einem Behandlungszimmer der Gewaltambulanz Heidelberg eine Frau.
Foto: dpa/Christoph Schmidt

HeidelbergEs ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Mögliche Nachweise für eine Gewalttat wie K.o.-Tropfen oder Sperma verschwinden innerhalb weniger Stunden. Die Opfer sind auf Spezialisten in ihrer Nähe angewiesen, die ihre Verletzungen erkennen, Spuren sichern und dokumentieren. 

Doch in Deutschland gibt es nur eine Hand voll professioneller Gewaltambulanzen, darunter die in Heidelberg. Unter der Leitung der Rechtsmedizinerin Kathrin Yen stehen zehn Ärzte an sieben Tagen rund um die Uhr bereit, um Gewaltopfern im wahrsten Wortsinne zu ihrem Recht zu verhelfen. „In Gerichtsprozessen sorgen unsere Untersuchungsergebnisse für Klarheit“, erläutert Yen.

Rein rechnerisch hat ihr Team täglich mehr als eine Person zu untersuchen. Vergewaltigte Frauen, missbrauchte Kinder, Männer mit Stichverletzungen kommen in die Ambulanz oder werden in Kliniken, Arztpraxen oder bei der Polizei unter die Lupe genommen. Den Fachleuten entgeht nichts - nicht der kleinste Partikel auf Kleidung und Haut oder unter den Fingernägeln; sie fotografieren blaue Flecken und Würgemale, entdecken toxische Stoffe in Blut und Urin oder registrieren Sperma.

Sturz vom Wickeltisch oder elterliche Gewalt

Und die medizinischen Detektive stellen fest, ob Knochenbrüche eines Kindes - wie von den Eltern behauptet - wirklich auf einen Sturz vom Wickeltisch zurückzuführen sind. „Wir sind fast jeden Tag mit der dunklen Seite des Menschen konfrontiert“, resümiert Yen.

Im ablaufenden Jahr wird es gen 500 Fälle geben - 130 mehr als 2018. Professorin Yen findet die steigende Zahl nicht besorgniserregend: „Ich bin froh, wenn die Menschen zu uns finden – die Dunkelziffer ist ohnehin noch sehr hoch.“ Auch bei den Kindern beobachtet die Expertin wachsende Zahlen. „Das ist ein Zeichen, dass die Ärzte in Kliniken oder Praxen unsere Einrichtung wahrnehmen.“ Sie sieht es als ihre Aufgabe, herauszufinden, was dem Kind passiert ist. Dann kann es gegebenenfalls aus einem schädlichen Umfeld herausgenommen werden.

Schmerzlich ist für Yen, wenn dieselben malträtierten Kinder mehrfach bei ihr landen. Denn die zuständigen Jugendämter scheuten zuweilen vor Anzeigen zurück, weil sie Familie zusammenhalten wollten. Die aus Bregenz in Österreich stammende Yen ist hingegen überzeugt: „Es gibt Familien, in denen ein Kind nicht gedeihlich aufwachsen kann.“ Die Ärzte dürfen in Baden-Württemberg - anders als in Hessen, Hamburg und Niedersachsen - selbst keine Anzeige erstatten.

Bundesweit rund 185 000 Gewaltdelikte weist die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik für 2018 aus, fast 2 Prozent weniger als 2017. Davon gehörten 9200 Fälle zur Kategorie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff in besonders schwerem Fall einschließlich mit Todesfolge. Das waren gut 18 Prozent weniger als im Vorjahr.

Die Förderung reicht vorn und hinten nicht

Yen hat die Gewaltambulanz 2011 aufgebaut nach dem Vorbild des rechtsmedizinischen Instituts in Bern, wo sie ihre Ausbildung als Rechtsmedizinerin absolviert hat. Das Land fördert das Institut mit jährlich 150 000 Euro. Mit dem Geld käme es bei Gesamtkosten von 400 000 Euro hinten und vorne nicht aus, würde nicht das Uniklinikum den Löwenanteil tragen, wie Yen sagt. Zwar signalisieren das Sozial- und das Wissenschaftsministerium nach ihren Worten Interesse an einem Ausbau des Angebots, doch Mittel sind bislang nicht in Sicht.

Im Landeschef des Weißen Rings, Erwin Hetger, hat Yen einen Mitstreiter gefunden. Eine einzige Anlaufstelle sei für ein Flächenland wie Baden-Württemberg zu wenig und nicht akzeptabel, wettert er. „Man kann doch keiner Frau, die in Konstanz vergewaltigt wurde, zumuten, nach Heidelberg zu fahren.“ Er fordert den Ausbau des Angebotes wenigstens an Uniklinik-Standorten. Gesundheitsminister Manne Lucha spricht hingegen von 30 Kliniken, die die vertrauliche Beweissicherung anbieten. Deren Vernetzung will er vorantreiben.

Yen und ihre Kollegen können nicht über die oft herzzerreißenden Erlebnisse während ihrer Arbeit mit Außenstehenden sprechen. Das gebietet die ärztliche Schweigepflicht. Nur wenn einer der Fälle in die Öffentlichkeit rückt, so wie der eines schwer verletzten Säuglings aus Ludwigshafen, darf sich die 51-Jährige mit Mann oder Geschwistern darüber austauschen. Ausgleich findet die Frau mit kurzem braunen Haar und Brille in der Natur mit Hund und Hühnern in ihrem Haus am Rande Mannheims. Ein robuster Charakter hilft ihr, den täglichen Umgang mit seelischem und körperlichem Leid zu ertragen. „In einem solchen Job darf man keinen Hang zu Depressionen haben.“