Berlin - In der baden-württembergischen Universitätsstadt Tübingen ist seit dem 16. März etwas möglich, was woanders gar nicht geht: Kneipen, Restaurants und Cafés dürfen ihre Außengastronomie öffnen, die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen in der Innenstadt shoppen gehen, abends eine Theatervorstellung besuchen, sich einen Film im Kino ansehen oder eben auf der Terrasse einen Kaffee ohne Termin trinken. Die Voraussetzung: Ein negativer Corona-Schnelltest, der als digitales Tagesticket bescheinigt wird.

Das Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“, das in der 90.000-Einwohner-Stadt für zunächst insgesamt drei Wochen laufen soll und von der Universität Tübingen wissenschaftlich begleitet wird, wird nicht nur landes-, sondern bundesweit aufmerksam beobachtet. Im Kern geht es um die Frage: Welche lokalen Lockerungen sind durch einen intensiven Einsatz von Schnelltests möglich – ohne dass Infektionen ansteigen?

Und so läuft es ab: An neun Teststationen in der Tübinger Innenstadt können Menschen kostenlos einen Nasenabstrich entnehmen lassen. Die getestete Person erhält ein Armband mit einem QR-Code. Dieser kann nach etwa 20 Minuten mit dem Smartphone gescannt werden. Auf einer aufgerufenen Webseite liegt dann das Testergebnis vor. Fällt es negativ aus, kann man in die Innenstadt weiterziehen. Wer positiv getestet wird, muss zur Teststation zurück. Die zuvor benutzten Tagestickets auf Papier sollen nur in Ausnahmen ausgehändigt werden.

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Wer sich an einer der neun Stationen im Tübinger Stadtgebiet testen lässt, bekommt ein Armband mit einem QR-Code.

Allein in der ersten Projekt-Woche habe man laut einer Mitteilung der Stadt knapp 30.000 Schnelltests durchgeführt, davon fielen 75 positiv aus. Die Pandemiebeauftragte von Tübingen und Initiatorin des Modellprojekts Lisa Federle sagte, dass unter 1000 getesteten Menschen im Umkehrschluss ein Infizierter entdeckt werde. „Es zeigt sich wieder, dass man mit präventiven Tests die Menschen findet, die andere anstecken, ohne es selbst zu wissen.“ Sprich: Die Ausbreitung von Sars-CoV-2 werde dadurch gebremst, Infektionsketten würden schneller durchbrochen. Und weil nicht ausschließlich Menschen mit Symptomen getestet werden oder solche, die in Kontakt zu einem Infizierten standen, gewährt das Modellprojekt auch einen Einblick in das Infektionsgeschehen der gesamten Tübinger Bevölkerung. Auch wird das Rätsel um die Dunkelziffer ein stückweit gelöst.

So manche erkennen in Tübingen ein „Corona-Wunderland“, eine Strategie für die ganze Republik, um in den Alltag zurückzukehren. Neben bayerischen Großstädten wie München oder Ingolstadt, streben auch sächsische Gemeinden wie Augustusburg und Oberwiesenthal das „Tübinger Modell“ an. Saarland will ebenfalls mitziehen.

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Dank des Tagestickets sind auch Besuche in der Außengastronomie in Tübingen möglich.

Der Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt spricht von einem „vielversprechenden Ansatz“, der in Teilen Schritte zur Rückkehr in die gesellschaftliche Normalität ermögliche. Die Kombination aus Schnelltests und lokalen Lockerungen sei mit einer schnellen Durchimpfung der Bevölkerung – dafür benötige man allerdings dringend mehr Impfstoff und eine effektivere digitale Kontaktverfolgung – eine „echte Alternative zum Hin und Her der vergangenen Monate“. Der Jo-Jo-Dauerlockdown zermürbe die Menschen. „Er darf nicht unsere einzige Antwort auf die dritte Corona-Welle sein“, so Reinhardt weiter. So sagte auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Regierungsrede, dass es keinem Bürgermeister verwehrt sei, das zu tun, was in Tübingen passiert.

Karl Lauterbach plädiert für harten Lockdown

Es gibt auch Kritik: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zum Beispiel glaubt nicht an einen Erfolg des Projekts. „Auch Tübingen schafft es nicht“, schrieb er auf Twitter und veröffentlichte eine Grafik mit steigenden Corona-Fallzahlen. „Die Tests für Schulen und Betriebe fehlen noch, der Aufbau dauert. Ausgangssperren bei Inzidenz über 100 zumindest ab 20 Uhr wäre wirksam und unbürokratisch. Kommen werden sie später sonst ohnehin. Weil die Welle nicht vom Wetter gestoppt wird.“

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und die Notärztin Lisa Federle wiesen die Kritik laut dpa zurück: „Karl Lauterbach kennt den Unterschied zwischen dem Landkreis Tübingen und der Universitätsstadt Tübingen nicht. Als Rheinländer sei ihm das verziehen, aber seine These beruht auf den falschen Zahlen.“ Der Anstieg der Inzidenz im Landkreis finde bisher in der Universitätsstadt nicht statt. Dieser bewege sich in einem Korridor zwischen 20 und 30. Der von Lauterbach zitierte Anstieg der Inzidenz im Landkreis Tübingen – Stand 25. März lag sie bei 65,3 – gehe auf Ausbrüche an Schulen und Kitas außerhalb des Stadtgebiets zurück.

Der Grünen-Politiker Palmer ergänzte, dass Tübingen die von Lauterbach geforderten Testungen in Schule, Kita und Betrieben längst auf den Weg gebracht habe. Der Gesundheitsexperte plädiert im Allgemeinen für einen harten Lockdown, um das Tempo aus der Verbreitung der britischen Virus-Mutante herauszunehmen. „Das haben alle anderen auch nicht anders geschafft. Es gibt keinen dritten Weg“, sagte er im WDR.

Botschaft ist nach wie vor: zu Hause bleiben und Kontakte beschränken

Doch in der Modellstadt läuft nicht immer alles nach Plan. Zwei Teststationen mussten zwischenzeitlich wegen Personalmangels geschlossen bleiben. Die niedrigen Außentemperaturen wirken sich auf die Zuverlässigkeit der Tests aus – rund 40 positive Schnelltests hätten sich laut der Stadt als falsch erwiesen. Einige Menschen wurden demnach auch fälschlicherweise unter Quarantäne gestellt. Und die langen Schlangen und langen Wartezeiten vor den Teststationen stellen eine potenzielle Ansteckungsgefahr für die Bürgerinnen und Bürger dar.

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Die Menschen stehen für einen Schnelltest an. Kalte Temperaturen können sich auf die Zuverlässigkeit der Tests auswirken.

„Sowohl das Tübinger Modellprojekt als auch der bundesweite Stapel-Lockdown sind sinnvoll“, findet Jochem König, Leiter des Fachbereichs Epidemiologie der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) sowie Mathematiker am Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Deutschland befinde sich aktuell in einer Phase, wo sich die britische Virus-Variante durchschlägt, wo die Macht der exponentiellen Ausbreitung so groß ist, dass es eigentlich in diesen Tagen ein gefährliches Unterfangen sei, Modellprojekte auszuprobieren.

„Das Tübinger Modell stellt also keine Alternative zu einem rabiaten Lockdown dar. Denn die Botschaft – auch wenn die Ruhetage über Ostern gestoppt worden sind – ist nach wie vor: zu Hause bleiben und Kontakte einschränken.“ In Tübingen zumindest wird überlegt, das Modellprojekt über die Osterfeiertage auszusetzen. Sollte die Inzidenz dort im Laufe des Projekts steigen, dürfe der Anstieg nicht einfach nur mit dem vielen Testen begründet werden, so König. „Das wäre dann eine windige Argumentation. Im Moment geht man allgemein davon aus, dass ein Sechstel bis ein Drittel des Anstiegs der Inzidenzwerte auf das Testen zurückführbar sein könnten und der Rest an der Verbreitung der neuen Corona-Variante liegt. Die Entwicklung der Meldezahlen in Tübingen muss daher sehr sorgfältig und umsichtig in Zusammenschau mit den dortigen Schnelltestzahlen bewertet werden.“

Wertigkeit von Schnelltests untersuchen

Gleichzeitig könne es nach Ansicht des Mathematikers förderlich sein, das Projekt wissenschaftlich genau zu beobachten. Forschende der Tübinger Universität prüfen im Labor die Ergebnisse der Schnelltests mit PCR-Tests nach – „das hilft zum Beispiel, um die Wertigkeit der Tests zu untersuchen“, erklärt König.  Auch werden die Tests auf Virus-Mutante geprüft.

Ob der Versuch in Tübingen auf größere Regionen in Deutschland übertragen werden kann, bleibt offen. „Die wenigsten Städte und Gemeinden haben genügend Schnelltests. Es wäre also sehr kritisch, in so einem Rahmen restriktive Corona-Maßnahmen durchs Probieren zu ersetzen.“