BerlinAls Covid-19 noch eine mysteriöse Lungenkrankheit aus China war, die sich noch nicht in der Welt ausgebreitet hatte, begannen Wissenschaftler bei Moderna mit der Entwicklung eines Impfstoffs. An vorderster Front: Tal Zaks, Chefmediziner des amerikanischen Pharmakonzerns. Von dem gebürtigen Isreali hat man in den vergangenen Monaten nicht viel gesehen. Nicht viel gehört. Ihm, dem „Virus-Herausforderer“, wie das Liberty Science Center ihn beschreibt, ist es unter anderem zu verdanken, dass Deutschland wohl schon bald mit einem weiteren Vakzin impfen kann. 

Der heute 54-Jährige studierte Medizin an der Ben-Gurion University of the Negev in der Wüstenstadt Beerscheva, 100 Kilometer südlich von Jerusalem. Danach zog es ihn in die USA, wo er sich der Krebsbekämpfung widmete. 1996 kam er als Post-Doktorand an das Forschungsinstitut National Institute of Health (NIH). Bei der französischen Pharmafirma Sanofi leitete er später die globale Entwicklungssparte für Krebsmedikamente, bis er vor etwa fünf Jahren seinen jetzigen Posten als Chief Medical Officer bei Moderna antrat.

Am 11. Januar 2020 publizierten chinesische Forscher erstmals die genetische Sequenz des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2. Und es dauerte nur zwei Tage, bis der Pharmakonzern mit den Arbeiten am Impfstoff beginnen konnte. 63 Tage später war Moderna die weltweit erste Firma, die eine klinische Studie für einen Sars-CoV-2-Impfstoff genehmigt bekam. „Wir empfinden es als besonderes Privileg – aber auch als besondere Verantwortung –, es richtig zu machen“, sagte Zaks im April in einem Interview.

Hohe Wirksamkeit, gut verträglich

Inzwischen hat das Vakzin mit dem Namen „mRNA-1273“ in den USA und in Kanada eine Notfallzulassung erteilt bekommen, die ersten Menschen wurden bereits geimpft. Am Mittwoch hat auch die EU-Behörde EMA grünes Licht gegeben. Die entscheidende Phase-III-Studie mit 30.000 Teilnehmern ist abgeschlossen – mit vielversprechenden Daten: Ähnlich wie beim Biontech/Pfizer-Impfstoff belegt die im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie eine hohe Wirksamkeit von 94,1 Prozent, das Vakzin scheint auch bei älteren Menschen sehr effektiv zu sein. Schwere Krankheitsverläufe konnten verhindert werden, ernste Nebenwirkungen wurden nicht festgestellt. Aus einer Ampulle lassen sich acht bis zehn Dosen entnehmen.

Der Comirnaty-Impfstoff von Biontech/Pfizer und der von Moderna wirken auf die gleiche Weise: Beide enthalten genetische Informationen für das Spike-Protein des Coronavirus, aus denen der Körper ein Viruseiweiß herstellt. Ziel ist es, dass das Immunsystem dieses Eiweiß erkennt und beginnt, Antikörper dagegen zu bilden, sodass die Viren abgefangen werden, noch bevor sie in die Zellen eindringen. Einen klaren Vorteil hat „mRNA-1273“ bei der Logistik: Das Vakzin kann nach Herstellerangaben bis zu zwölf Stunden bei Raumtemperatur, 30 Tage im Kühlschrank (2 bis 8 Grad) und bis zu vier Monate im Gefrierschrank (−20 Grad) gelagert werden.

Chefmediziner Zaks sagte in einem Interview, dass er andere Pharmakonzerne keinesfalls als Konkurrenz wahrnehme: „Unsere einzigen Konkurrenten in dieser Pandemie sind das Virus und die Zeit.“ Um gegen Covid-19 zu gewinnen, brauche die Menschheit mehr als eine Firma, die einen Impfstoff herstellt. Da er das letzte Jahr nur zu Hause rumgesessen und mit seinem Team auf die Zulassung hingearbeitet habe, könne er seine eigene Impfung kaum abwarten: „Meiner 88-jährigen Mutter würde ich den Vortritt lassen, aber danach würde ich mich sofort impfen lassen. (…) Es ist Zeit, endlich wieder aus dem Haus zu kommen.“

Bei Axios on HBO im US-Fernsehen betonte der israelische Forscher, dass er daran glaube, dass der Impfstoff eine Übertragung mit dem Coronavirus verringere. Doch bis tatsächliche Erkenntnisse zu diesem Forschungsschwerpunkt vorlägen, sei es wichtig, dass die Menschen ihr Verhalten nicht nur aufgrund von Impfungen änderten. Die Zulassung des Moderna-Impfstoffs ermöglicht einen weiteren kleinen, zugleich hoffnungsvollen Schritt in Richtung Normalität.