„Derzeit nicht verfügbar“: Berliner Apotheken fehlen Fiebersäfte für Kinder

Für Hunderte Medikamente gibt es derzeit Lieferengpässe. Der Berliner Apotheker-Verein bezeichnet die Situation als kritisch. Es gebe aber keinen Notstand.

Pharmazeutische Unternehmen melden Lieferengpässe bei Grundstoffen
Pharmazeutische Unternehmen melden Lieferengpässe bei Grundstoffendpa/Friso Gentsch

Auf die Frage, welche Medikamente gerade besonders schwer zu bekommen seien, muss Christian Zimmermann nicht lange überlegen. „Schmerz- und Fiebersäfte für Kinder, Cholesterinsenker oder Insulin“, zählt der Apotheker auf. Früher sei es ab und zu einmal vorgekommen, dass ein Arzneimittel nicht verfügbar war. „Heute“, so Zimmermann, „erleben wir das täglich.“

Der 38-Jährige ist Inhaber der Bären-Apotheke in der Marzahner Promenade. Zusammen mit seinen zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versucht er, Lieferengpässe abzufedern. Im besten Fall ist das benötigte Medikament von einem anderen Hersteller verfügbar. Bei Fiebersenkern wird geprüft, ob der Saft durch Zäpfchen oder Tabletten ersetzt werden kann. Bislang hätten sie noch immer eine Lösung gefunden, sagt Zimmermann. „Unversorgt ist bei uns noch keiner geblieben.“

Allerdings spitzt sich die Lage derzeit zu. Beim Berliner Apotheker-Verein (BAV) schätzt man, dass bereits jetzt mehrere Hundert Arzneimittel schwer oder gar nicht geliefert werden können. „Mit zunehmender Tendenz“, sagt BAV-Sprecher Stefan Schmidt und weiß, dass die Probleme längst nicht mehr nur Nischenprodukte betreffen. Konkret fehlen unter anderem Antibiotika und Blutdruckmittel, auch Magenmedikamente mit dem Wirkstoff Pantoprazol sind knapp und eben Fiebersäfte für Kinder mit Paracetamol oder Ibuprofen. 

Einige Berliner Apotheken stellen die benötigten Säfte inzwischen selbst her. Laut Schmidt schafften es die Berliner Apotheken bislang, die Versorgung trotz der zunehmenden Lieferengpässe sicherzustellen. „Wir haben noch keinen Notstand, aber die Situation ist kritisch“, sagt er.

Pharmazeutische Unternehmen melden Lieferengpässe bei Grundstoffen

Hierzulande ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als Behörde des Bundesministeriums für Gesundheit unter anderem für die Zulassung und Verbesserung von Arzneimitteln sowie auch für die Überwachung des Grundstoffverkehrs zuständig. Aktuell sind dort mehr als 100.000 Humanarzneimittel gelistet, und dort ist zugleich deren zunehmende Verknappung dokumentiert. Denn während pharmazeutische Unternehmen dem Bundesinstitut im Jahr 2017 noch Lieferengpässe für 108 Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet hatten, waren ein Jahr später bereits 268 Produkte betroffen. 2020 hatte sich die Zahl der Lieferengpassmeldungen nochmals auf 543 verdoppelt.

Die Ursachen sind laut der Bundesbehörde vielfältig. Ein Hauptgrund ist allerdings die enorme Konzentration der Wirkstoff-Herstellung auf wenige Produzenten vor allem in China und Indien. Dort sitzen auch die weltgrößten Hersteller von Ibuprofen und Paracetamol. Kommt es dann zu Störungen oder hängen die medizinischen Grundstoffe wegen Corona-Lockdowns in chinesischen Exporthäfen fest, sind schnell Arzneimittelfertigungen weltweit beeinträchtigt. Zuweilen können auch Lieferungen wegen Verunreinigungen nicht verwendet werden.

Apotheker fordern Rückkehr der Wirkstoffproduktion nach Europa

Der Deutsche Apothekerverband kritisiert dies seit Langem und fordert die Rückkehr der Wirkstoffproduktion nach Europa. Die Politik müsse dringend die Voraussetzungen dafür schaffen, heißt es dort. Allerdings sieht man auch die Realität. Laut Verband brauche es mindestens fünf bis zehn Jahre, bis entsprechende Strukturen aufgebaut seien. Für Fiebersaft gibt es in ganz Europa übrigens nur noch einen Hersteller.