Köln - Vor der Einkaufswagenreihe im Supermarkt steht ein Spender mit antibakteriellen Wischtüchern, Benutzer öffentliche Toiletten finden immer öfter Desinfektionsspray in der Kabine vor und gefühlt jeder Zweite hat ein kleines antibakterielles Gel am Rucksack oder dem Kinderwagen hängen – zur schnellen Handdesinfektion.

Gerade in der Erkältungszeit benutzen einige Menschen Desinfektionsmittel, weil sie Angst haben, sich mit Krankheitserregern anzustecken. Laut Experten ist es im Alltag aber gar nicht nötig, die Hände zu desinfizieren. 

„Für gesunde Menschen weitestgehend überflüssig“

„Für die häuslichen Umgebung und den üblichen Hygienebedarf“, sagt der ärztliche Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg, Ernst Tabori. Dem Arzt zufolge können sich Verbraucher das Geld dafür sparen, da sie durch den unnötigen Verbrauch eines Desinfektionsmittels gewiss nicht gesünder werden.

Tatsächlich sind Desinfektionsprodukte auf den Liter gerechnet hochpreisig. In einem Drogeriegeschäft kosten Spray und Gel in handlicher Probiergröße (je 50 Milliliter) rund 1,99 Euro, an Hotspots wie Bahnhöfen sogar mehr. Die Preise für Tücher beginnen ab 0,89 Euro für 15 Stück. Im Vergleich: Die hauseigene Flüssigseife (500 Milliliter) kostet nur 55 Cent, das sind nicht einmal drei Prozent der Kosten für ein Desinfektionsmittel. 

Wasser und Seife reichen für den Alltagsgebrauch aus

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht keine Notwendigkeit für die teuren Produkte. Nur in Ausnahmefällen seien sie „im Privathaushalt sinnvoll und notwendig, um eine Übertragung von Krankheitserregern zu vermeiden“, heißt es auf der Webseite. „Nicht das Mittel ist entscheidend, sondern es zählt einzig und allein die konsequente und korrekte Durchführung einer adäquaten Händehygiene“, sagt auch Ernst Tabori. Im Klartext bedeute das, gründliches Händewaschen mit Seife und Wasser reichen für den Alltagsgebrauch aus.

Tabori geht sogar einen Schritt weiter und sieht Desinfektionsmittel in bestimmten Fällen als mögliche Belastung für die Haut und die Raumluft. „Vor allem für empfindliche Menschen,  vor allem Kinder mit einer Neigung zu Allergien ist die unbegründete Anwendung von Desinfektionsmitteln nicht ratsam. Vielmehr gilt es den Kontakt zu allen potentiell hautreizenden Substanzen zu vermeiden.“ 

Darum sollten Sie auf Desinfektionsmittel im Alltag verzichten: 

Die Inhaltsstoffe können Allergien oder Ekzeme auslösen.

Desinfektionsmittel können die Haut stark reizen oder Allergien auslösen. Allergiker oder Menschen mit einer Neurodermitis vertragen die herkömmlichen Handdesinfektionsmittel oft nicht. Durch das Desinfizieren wird die Haut unnötig angegriffen. Das kann zu Rötungen, Ekzemen und Rissen in der Haut führen.

Mikroorganismen können Toleranzen gegen Wirkstoffe bilden

Wenn sie den Wirkstoffen nicht in tödlichen Konzentrationen ausgesetzt werden, können Mikroorganismen Toleranzen gegenüber bestimmten Wirkstoffen bilden. „Der Resistenzmechanismus bietet ihnen dann einen Überlebensvorteil gegenüber nicht-toleranten Mikroorganismen“, so eine Sprecherin des BfR. Auch die Widerstandsfähigkeit gegen Antibiotika könnte auf diesem Wege gefördert werden. 

Das Abwasser wird belastet

Durch Abwässer gelangen Desinfektionsmittel in die Kläranlagen. Dort zerstören sie das Zusammenspiel einer Vielzahl von Bakterienstämmen und mindern oder vernichten sogar deren Reinigungswirkung. Das teilt die Verbraucherzentrale Hamburg mit. 

Bestimmte Pilz- und Bakterienstämme gehören zum menschlichen Organismus dazu

Bestimmte Pilz- und Bakterienstämme gehören ins natürliche, biologische Umfeld von Menschen und auch in den menschlichen Organismus. Diese Bakterien sind also natürlicher Bestandteil eines empfindlichen Gleichgewichts. Desinfektionsmittel zerstören dieses Gleichgewicht. (sar mit Material der dpa)