Junge Ferkel.
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BerlinManchmal kann man Corona dankbar sein. Das Virus entzündet mit dem Brennglas Signalfeuer überall dort, wo wir schon immer wussten: Eigentlich sind die Zustände nicht sauber, nicht fair. Das gilt besonders für den Arbeitsmarkt. Corona hat bereits die zu niedrigen Gehälter und die hohe Infektionsgefahr für systemrelevante Berufsgruppen wie Pflegekräfte, Erzieherinnen und Kassiererinnen ins öffentliche Bewusstsein gezerrt. Jetzt steht die Fleischindustrie im Fokus und die Politik unter Druck wie selten zuvor. Endlich.

Die Zahlen sind deutlich: In vier Bundesländern vermelden Schlachthöfe insgesamt Hunderte Infizierte. Zum allergrößten Teil sind die Betroffenen Arbeitsmigranten sowie deren Familien aus Osteuropa, besonders aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Nordrhein-Westfalen verzeichnet das Maximum von rund 300 infizierten Angestellten in zwei Schlachthöfen, der Kreis Coesfeld kratzt deswegen an der Grenze zum Shutdown.

Arbeitsmarkt-Experten und Branchenkenner verblüffen diese Zahlen nicht. Sie kritisieren seit Jahren massive Rechtsverstöße in der Branche, ein undurchsichtiges Subunternehmersystem und ausbleibende Kontrollen der Behörden. NRW hat sich 2019 gegen den Trend des Wegschauens gestemmt und in einer „Überwachungsaktion“ von Juli bis September 30 Fleischbetriebe und 90 Subunternehmer mit 17.000 Beschäftigten unter die Lupe genommen. Das katastrophale Ergebnis: In ausnahmslos allen Betrieben wurden Arbeitsschutzmängel festgestellt, in 85 Prozent der Betriebe in „gravierendem“ Ausmaß – 16-Stunden-Schichten inklusive.

Das ist Ausbeutung mit System. Wer, wie Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU), da noch über „schwarze Schafe“ lamentiert, die eine Branche in Verruf bringen, der drückt die Augen lobbyhörig zu.

In Corona-Zeiten ein entscheidender Faktor: die Unterbringung der Arbeiter. Die Betriebe pferchen sie auf engstem Raum in billigen Ferienwohnungen und Sammelunterkünften zusammen, für teils absurd hohe Beträge, direkt abgezogen vom Lohn. Zur Schicht geht’s in großen Transportern. Ähnliche Bilder lieferte die Landwirtschaft im April, als die Bundesregierung unter anderem 80.000 Rumänen zur Spargelernte einfliegen ließ. Sie wurden zu Dutzenden in einem Anhänger auf die Felder gebracht. Mindestens ein Erntehelfer starb mit Covid-19. Aber Gott lob’s, sie retteten den Spargel.

Systemrelevant und von der Mehrheitsgesellschaft doch vollkommen ignoriert – das ist das bittere Schicksal osteuropäischer Arbeitsmigranten in Deutschland bisher. Es fiel der Politik leicht, untätig zu bleiben, weil es auch die Deutschen bisher nicht wirklich kümmerte. Weil für Politiker sogar zu befürchten stand: Vor dem Arbeitswohl des Osteuropäers wird der Deutsche auf sein Schnitzel für 1,99 Euro bestehen. Die Grünen haben Erfahrung mit Schnitzel-Diskussionen gemacht, sie steigern sich in irrationalen Wahnsinn.  

Jetzt aber sind die Schlachtarbeiter sichtbar wie nie. Ihre Not wird dokumentiert in Infektionstabellen. Und dank der vom Bund eingerichteten Infektionsgrenze gilt erstmals die Regel: Werden Arbeitsmigranten schlecht behandelt, kann es ganz schnell auch den Deutschen schlecht ergehen. Denn mit einem großen Infektionsherd steigt in Landkreisen die Wahrscheinlichkeit, dass Lockerungen für alle zurückgenommen werden müssen.

Es bleibt zu hoffen, dass unter diesem Druck gelingt, was bisher nicht geschafft wurde: Dass Arbeits- und Menschenrechte über Lobbyinteressen siegen, Fairness und Gerechtigkeit über Geld und Macht. Dass die Politik von den Konzernen mehr als Selbstverpflichtungen fordert, dass sie auf Kontrollen und hohen Bußgeldern besteht. Und dass mehr als einzelne Abgeordnete und Ökoparteien sich jetzt gerade machen und verkünden, was nur logisch ist: Der Schnitzelpreis muss steigen, er ist die Wurzel des Problems.

Es bleibt ein Armutszeugnis für Deutschland, ein Zeichen ausgesprochener Hartherzigkeit, dass das erst jetzt und nur aus Gründen des Infektionsschutzes vielleicht gelingen könnte. Aus Gründen des Egoismus.