BerlinDas Impfwesen, es entwickelt sich. Sehr gut. Aber auch beunruhigend. Letzteres aber nicht wegen der Präparate, mit denen Bill Gates mich unter seine Kontrolle bringen will. Es sind allein die Bilder. Denn Fernsehsendungen, wo medizinisches Fachpersonal Hohlnadeln in Zivilistenfleisch versenkt, verletzen meine Gefühle. Nirgendwo gibt es im Augenblick Penetrationsszenen, die mich stärker erregen als die bei ARD und ZDF. Nein, nicht mal auf Pornhub. Denn leider sucht Deutschland justament den Superstecher: Hier wird ein Impfzentrum eröffnet, dort muss die Vakzinforschung illustriert werden. Und immer mit Nahaufnahmen. Ich habe davon die Kanüle gestrichen voll. Als sich Joe Biden immunisieren ließ, brachten sie das live auf CNN. Grauenhaft. Warum tut ihr mir das an?

Dabei reagiere ich ansonsten eher stumpf auf das Eindringen metallischer Objekte in menschliche Körper. Wenn in niveauvollen Spielfilmen Bürger einander so gründlich die Leiber öffnen, dass ihre dampfenden Kaldaunen das Licht der Welt erblicken, dann rufe ich „Guten Appetit!“ und nehme noch ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Es ist für mich auch halb so wild, selbst Impfling zu sein. Ich gehöre nicht zu den vier Prozent Trypanophobikern, die vor Spritzenpanik schon mal in Ohnmacht fallen. Ich mag da einfach nur nicht hinsehen. Als ich mal im Krankenhaus aus der Narkose erwachte, ließ mich keineswegs die Tatsache erschauern, dass sie mir soeben den Bauch aufgeschlitzt hatten, sondern einzig, dass da jetzt eine Tropfnadel sehr offensichtlich in meinem Unterarm stak.

In besseren Zeiten drohte Ungemach nur bei Krimis und Berichten aus dem Junkiemilieu. Vorhin brachten sie in den Nachrichten drei Injektionsszenen. Horror. Ich schloss die Augen und fragte meine Frau nach ein paar Sekunden, ob es vorbei sei. – „Ja, kannst wieder gucken. Halt, warte, da kommt noch eine Ladung.“ Sie behauptet, ich hätte einen Impfschaden.

Besser nicht. Reservekanzler Markus Söder sagte neulich, er staune, wie viele Gruppen sich zu Seuchengeschädigten stilisierten. Dabei seien doch nur die Toten echte Opfer. Mit anderen Worten: Wer noch reden kann, sollte die Klappe halten. Für alle anderen redet er, der Volkserziehungsberechtigte. Ich ahne, wie sein Blut-Schweiß-und-Tränen-Gehabe bei einsamen und vor Furcht gelähmten Menschen ankommt. Oder bei denen, deren Erwerbsperspektiven sich gerade stärker verengen als das Rheintal bei Bingen.

Verglichen damit bin ich Inhaber einer lachhaften Exklusivneurose und versage mir deshalb jede Beschwerde. Hören Sie bitte, Zuchtmeister Markus, ich will hier nicht klagen. Ich tagträume nur vor mich hin: von einer Welt, in der die Sender das Impfgeschehen gemütsschonend bebildern, notfalls mit Archivaufnahmen von alten Polio-Kampagnen. Damals gab es – Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam – nur einen Klecks auf Würfelzucker. So schön. In meinem Paradies dürften sie aber auch Medikamentenschachteln zeigen, Arzthelferinnen oder Koalabären. Ich träume, dass wenigstens vorher eine Triggerwarnung käme. Aber selbst, wenn – womit ich rechne – alles bleibt wie es ist, werde ich weder jammern noch herumopfern. Vielmehr ziehe ich mich dann still in mein Televisionsexil auf der Insel Eurosport zurück. Dort ist man vor Injektionsszenen sicher – es sei denn, sie fangen an, die Wettkampfvorbereitung von Athleten live zu übertragen.