Deutschlands Kinder sind während der Corona-Pandemie dicker geworden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage unter 1004 Eltern im Auftrag der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und des Else-Körner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin. Dessen Direktor Hans Hauner sagte am Dienstag: „Wir sehen gewaltige Folgen auf die Bevölkerung zukommen, die wahrscheinlich weit über die der eigentlichen Corona-Infektionen hinausgehen.“ Mit enormen Belastungen für das Gesundheitssystem durch stark Übergewichtige sei in den kommenden Jahren zu rechnen.

Die Erhebung fand vom 28. März bis 11. April statt. Die Eltern sollten 15 Fragen beantworten, acht davon wurden bereits bei einer Analyse 2020 gestellt, ein Vergleich war daher möglich. Die Auswertung ergab: Jedes sechste Kind im Alter von drei bis 17 Jahren ist seit Beginn der Pandemie dicker, als Kinder im vergleichbaren Alter es vorher waren. Zwei Prozent der Kinder sind sogar erheblich dicker.

Betroffen sind vor allem Zehn- bis Zwölfjährige, unabhängig vom Geschlecht, fast jedes dritte Kind in diesem Alter ist jetzt dicker. Auffällig auch, dass vor allem Kinder aus Haushalten mit niedrigem Einkommen an Übergewicht oder sogar Adipositas leiden, also einem krankhaftem Übergewicht.

Heranwachsende aus solchen Familien seien fast doppelt so oft von einer ungesunden Gewichtszunahme betroffen wie Kinder aus einkommensstarken Familien, heißt es im Fazit der Studie. 23 Prozent der Kinder aus Haushalten mit einem Budget von weniger als 3000 Euro monatlich legten an Kilogramm zu, vier Prozent davon deutlich. Bei einem Monatseinkommen von mehr als 4500 Euro waren es lediglich zwölf Prozent. Hauner stellte fest: „Die Krankheitslast ist ungleich verteilt und Corona hat das erheblich verschärft.“

Corona hat auch andere bestehende Trends verstärkt. Kinder, die bereits vor der Pandemie übergewichtig waren, haben währenddessen nochmals zugelegt. Fast jedes zweite Kind nahm etwas oder sogar deutlich zu. Hauner verwies darauf, dass schon jetzt 70 Prozent der Kosten im Gesundheitssektor auf einen ungesunden Lebensstil zurückgingen. Etwa für die Behandlung von Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen.

Bis zu 25 Prozent mehr Süßes und Knabberzeug

Der Professor übte Kritik an der Politik, die bisher nur unzureichend auf die Schieflage bei der Ernährung reagiert habe. Sie habe während der Pandemie sogar die falschen Signale ausgesandt. „Das Bundesgesundheitsministerium hat im Herbst 2020 flotte Videos erstellt, in denen junge Menschen bequem auf dem Sofa lagen, Medien konsumiert haben. Dann hat es geläutet an der Tür und da stand der Pizza-Dienst.“ Immerhin habe der neue Bundesernährungsminister Cem Özdemir angekündigt „ein gesundes Umfeld zu schaffen“.

Hauner beklagte zudem fehlende Transparenz bei Lebensmitteln. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller, über ein sogenanntes Nutri-Score ungesunde Inhaltsstoffe auf Verpackungen kenntlich zu machen, reiche nicht aus. „Die Industrie wird nicht daran denken, ihre Produkte diesbezüglich auszuzeichnen.“ Doch sei offenbar eine einflussreiche Lobby im Hintergrund am Werk, die verbindliche Reglungen verhindere.

Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel regte der Professor an. Eine Zuckersteuer sei eine zusätzliche Option, die bereits weit mehr als 40 Länder eingeführt hätten, vor der Deutschland jedoch zurückschrecke. „Diese Länder haben zum Teil gute Ergebnisse damit erzielt wie zum Beispiel die Briten. Sie haben der Industrie Zeit gelassen, ihr Produktportfolio zu ändern.“ Der  Konsum von Zucker über Getränke sei daraufhin spürbar gesunken.

Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer zu befreien, könne ebenfalls hilfreich sein, um finanziell schlechter gestellten Familien den Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu erleichtern. Hauner bezog sich auf einen Bericht der vormaligen Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), demzufolge 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland kein Obst und Gemüse essen. „An diesen Punkten wäre durch relativ einfache Maßnahmen etwas zu erreichen im Sinne einer gesünderen Kost.“

Susann Weihrauch-Blüher ist Oberärztin an der Universitätskinderklinik Halle/Saale und engagiert sich im Kampf gegen Adipositas; sie analysierte das veränderte Ernährungsverhalten während der Pandemie. Laut Forsa gaben immerhin 16 Prozent der Eltern an, ihr Nachwuchs ernähre sich ungesünder als vorher. Sogar 31 Prozent waren es bei denjenigen, die schon vor Corona Übergewicht hatten. Vor allem Knabberzeug und Süßwaren wurden stärker konsumiert, zwischen 20 bis 25 Prozent lag dabei der Zuwachs.

Dramatisch ist die Entwicklung bei den körperlichen Aktivitäten der Kinder. 44 Prozent bewegen sich laut Umfrage weniger, nur sieben Prozent mehr. Demgegenüber nahm die Mediennutzung bei 70 Prozent zu. „Diese Effekte sind allerdings über alle sozioökonomischen Gruppen verteilt“, sagte Weihrauch-Blüher.