Immer noch passiert es Erik Straßel, dass er Hosen zu groß kauft. Neulich zum Beispiel hat er sich eine neue Arbeitshose bestellt, er ist Dachdecker. Die gelieferte Größe 56 tauschte er um in eine 54. Um dann festzustellen, dass die eigentlich immer noch zu weit war. Früher hatte er Größe 60.
Früher, das war in der Zeit vor der Operation. Bevor sich der 43-Jährige den Magen verkleinern ließ – wie kurz danach auch seine Lebensgefährtin. Auch sie kann sich ein Jahr später immer noch darüber freuen, dass sie jetzt wieder in Kleidungsstücke passt, die jahrelang ungenutzt in ihrem Schrank lagen. „Und selbst die sind teilweise zu groß“, sagt Vanessa Rieger, 35.

Ein stetiger Kampf mit dem Gewicht

Ein „kräftiges Kerlchen“ sei er schon immer gewesen, erzählt Erik Straßel. Als er aber Diabetes bekam, nahm er durch das Insulin so viel zu, dass er am Ende 164 Kilo wog. Er konnte kaum mehr Treppen steigen, seinen Job als Dachdecker nicht mehr machen. Auch seine Lebensgefährtin hatte zunehmend mit ihrem Gewicht zu kämpfen, es begann, als ihre erste Tochter geboren wurde. Sie hatte Schmerzen, im Knie, im Fuß, in den Hüften. „Die Ärzte sagten, es liegt an meinem Gewicht. Ich habe mich aber nie so dick gefühlt, deshalb wollte ich das nicht glauben.“ Ihr Lebensgefährte stimmt ihr zu: „Wenn man dick ist, sagt man immer, ich fühl’ mich wohl, so wie ich bin. Man lügt sich und den anderen etwas vor.“

Diäten brachten nicht gewünschten Erfolg

Beide probierten es mit Diäten, aber die abgespeckten Kilos waren bald wieder drauf. Dann erzählte ein Freund Erik Straßel von seinem Magenbypass. Diese Möglichkeit, Gewicht zu verlieren, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, er sprach mit seiner Freundin darüber. Im Frühjahr 2016 saßen sie dann beide in einer auf den Eingriff spezialisierten Praxis. Sie erfuhren, dass der Magen bei der Operation in zwei Teile geteilt wird: In eine 15 bis 40 Milliliter kleine Magentasche namens Pouch und den größeren Restmagen. Der am Restmagen ansetzende Dünndarm wird nach einem halben bis einem Meter Länge durchtrennt – gemeinsam mit dem Restmagen bildet dieses Stück den Bypass.

Magenbypass als Chance, Gewicht zu verlieren

Das andere Dünndarmende wird hochgezogen und mit dem Pouch verbunden. Die Nahrung gelangt fortan von der Speiseröhre in den Pouch und anschließend in den Dünndarm. Dort wird auch der Bypass angeschlossen. Über diesen fließen die Verdauungssäfte wie Galle, Bauchspeichel und Magensaft an die Stelle, an der sich die beiden Dünndarmstränge vereinigen. Die Verdauung findet also nicht mehr im Magen, sondern erst im Dünndarm statt. Ein Trick, der den Stoffwechsel beeinflusst. Etwa 10.000 Menschen in Deutschland lassen sich jedes Jahr den Magen verkleinern.

Krankenkassen übernehmen OP-Kosten unter Bedingungen

Erik Straßel und Vanessa Rieger erfuhren auch, dass die Krankenkassen die OP bezahlen, wenn man einen Body-Mass-Index von über 40 hat. Bei einem Wert zwischen 35 und 40 muss zusätzlich eine sogenannte Begleiterkrankung vorliegen; bei Vanessa Rieger waren das die Probleme mit den Gelenken. Bedingung ist auch, dass man sich mindestens ein halbes Jahr auf die Operation und deren Folgen vorbereitet.

Nur 50 bis 60 Prozent aller Kandidaten halten dies durch. Schließlich muss man, um erfolgreich abzunehmen, seine Lebensgewohnheiten umstellen, die Operation ist sozusagen nur eine Hilfe, um disziplinierter anzuwenden, was für ein gesünderes Leben sowieso wichtig wäre.

Medizinisches Versorgungszentrum für krankhaft Übergewichtige

Die Ärztin, an die Erik Straßel und Vanessa Rieger sich wandten, hat vor zwölf Jahren die Notwendigkeit erkannt, an einem Ort alles dafür Nötige anzubieten: nicht nur ärztliche Versorgung, sondern auch Ernährungs- und psychologische Beratung, Selbsthilfegruppen, sogar Psychotherapie.

In Berlin-Charlottenburg gründete die Chirurgin und Allgemeinmedizinerin Anke Rosenthal ein medizinisches Versorgungszentrum für Menschen mit krankhaftem Übergewicht. Dorthin überweisen Hausärzte, Orthopäden, Kardiologen, Diabetologen und die für die Nieren zuständigen Nephrologen ihre schwerstgewichtigen Patienten.

Diabetes, Bluthochdruck, hohe Harnsäurewerte und erhöhte Krebsraten

„Diese Menschen haben schon zigmal gehört, was sie anders machen sollen“, sagt Anke Rosenthal. „Sie haben schon alles probiert und schaffen es nicht. Häufig sind sie depressiv, haben nur wenige soziale Kontakte, hängen vor dem Computer, können sich schlecht bewegen und haben alle möglichen Begleiterkrankungen.“ Denn wer stark übergewichtig ist, bekommt eher Diabetes und Bluthochdruck, er hat zu hohe Harnsäurewerte, die Gelenke können verschleißen, der Fettstoffwechsel leidet, sogar die Krebsrate ist erhöht.

Umfassende Patientenbetreuung bei Magenbypass notwendig

Ihre Patienten betreut Anke Rosenthal gemeinsam mit Ärzten, Ernährungswissenschaftlern und einem Psychotherapeuten. Bei den meisten geht es darum, den Gesundheitszustand nach dem Eingriff zu überwachen, jährlich kommen außerdem 800 bis 1000 Menschen erstmals in die Praxis, weil sie vorhaben, sich den Magen verkleinern zu lassen. Die Vorbereitung ist intensiv, mehrmals im Monat kamen Erik Straßel und Vanessa Rieger in die Praxis. Sie wurden körperlich untersucht und in kleinen Gruppen geschult: Eine Ärztin sprach mit ihnen darüber, dass Adipositas eine Krankheit ist, die vererbt wird. Die Gründe für diese Krankheit sind vielfältig und längst nicht vollständig erforscht: Manche Menschen haben aufgrund eines Gendefekts kein Sättigungsgefühl, andere haben gelernt, bei Stress zu essen, um ruhiger zu werden.

Die Fettzellen von Adipösen stehen im Verdacht, unempfindlich gegenüber Leptin zu sein, einem Hormon, das den Hunger hemmt. Auch hat man in der Magenkuppe von krankhaft Übergewichtigen vermehrt das appetitanregende Hormon Ghrelin nachgewiesen. Durch die Operation wird dieser Teil des Magens ausgeschaltet, das Hungerempfinden schwindet.

Nachteile und Risiken bei Magenbypass nicht zu unterschätzen

Eine Gewichtsabnahme lässt adipöse Menschen gesünder werden, ihre Lebenserwartung erhöht sich deutlich. Allerdings hat die Operation auch Nachteile: Da der Zwölffingerdarm nun nicht mehr an der Verdauung teilnimmt, brauchen die Betroffenen täglich Kalziumzitrat, ebenso Vitamin D3, manche auch Eisen. Und weil die Verdauung auch nicht mehr im Magen stattfindet, wo sich das Vitamin B12 mit einem Eiweißbaustein verbindet, um aktiv vom Körper aufgenommen zu werden, muss es alle paar Monate gespritzt werden. Deshalb ist nach der Operation eine engmaschige ärztliche Kontrolle erforderlich, zu der auch eine regelmäßige Blutuntersuchung gehört.

Über die Gründe des krankhaften Übergewichts

Zu den organischen Gründen für Adipositas gesellen sich meist ungünstige Essgewohnheiten. Erik Straßel und Vanessa Rieger analysierten diese während ihrer Schulungsphase gemeinsam mit einem Psychologen: Was bin ich für ein Esstyp? In welchen Situationen esse ich? Wann habe ich besonders viel Hunger? Warum esse ich? Weil mir langweilig ist? Wie kann man sich ohne Essen ablenken und belohnen? Wer kann einen unterstützen? Wie reagiert die Familie auf den Entschluss, sich den Magen verkleinern zu lassen? Der Psychologe erstellte ein Gutachten, in dem er einschätzte, ob die beiden stabil genug sind, ihre Lebensgewohnheiten erfolgreich zu ändern.

Ein Ernährungsberater informierte das Paar zudem über die Bausteine, aus denen unser Essen besteht, vor allem über die wichtige Funktion von Eiweiß. Er besprach, wie man Nahrung schonend und fettarm zubereitet und wie sich die beiden nach der Magenverkleinerung ernähren sollten.
Dann stand der OP-Termin fest, für Erik Straßel jedenfalls, seine Lebensgefährtin musste ihr Vorhaben noch einige Monate verschieben: Sie erwartete ihr zweites Kind. Im Frühjahr 2017 wurde Erik Straßel operiert, nach drei Tagen konnte er nach Hause gehen und musste sich – nach der ersten Zeit mit Brühen und Breien – daran gewöhnen, kleineren Mengen zu essen als vorher. „Leider ist es nicht so, dass mit der Operation die Gewohnheiten sind weg“, sagt Erik Straßel. „In den ersten Wochen hatte ich ordentlich Kohldampf.“

Das Verfallen in alte Muster

Schon bald verfiel er wieder in alte Muster. Er holte sich etwa einen Burger, aß ihn schnell, so wie er das gewohnt war, und musste sich übergeben: zu viel und zu fettige Nahrung für den verkleinerten Magen. „Diese Erfahrung gehört dazu“, findet Straßel. „Je schlechter es einem geht, umso schneller passiert was im Kopf. Sonst hätte ich vielleicht die Grenzen ausgereizt, hätte hier mal einen Bissen und dort mal eine Gabel mehr gegessen. Der Magen ist ja ein Muskel, der kann sich wieder weiten.“

Spaß an gesundem Essen

All dies ist Vergangenheit. Seine Lebensgefährtin hat sich mittlerweile auch operieren lassen. Jetzt erleben sie gemeinsam, wie sich ihr Leben und ihr Essensgeschmack verändern. Brötchen mit Fleischkäse, Currywurst – das liebten sie früher. Jetzt schmeckt es ihnen nicht mehr, genau wie Fast-Food-Burger. Vanessa Rieger staunt noch immer darüber, dass sie heute am liebsten frisches Obst und Gemüse isst: „Es macht wirklich Spaß, das gesunde Essen!“

Über 60 Kilogramm hat Erik Straßel verloren, wie die meisten Patienten ist er immer noch übergewichtig, nur viel weniger als zuvor. Er wiegt jetzt 100 Kilo und ist zufrieden damit. Es macht ihm heute nichts mehr aus, Treppen zu laufen: „Die jogge ich rauf und habe dabei noch meine kleine Tochter im Arm.“ Auch Vanessa Rieger fühlt sich viel besser. Vor ihrer Gewichtsabnahme empfand sie viele Tätigkeiten als anstrengend, ob es das Schuhebinden war oder das Staubsaugen: „Ich habe gedacht: Jetzt muss ich hoch, dann tut mir alles weh. Da bleibe ich lieber liegen.“ 

Gegenseitige Motivation

Mit ihrer neu gewonnen Energie motivieren sich beide gegenseitig. Nur noch selten sitzen sie auf der Couch. Sie bestellen sich auch nichts mehr zum Essen, sondern kaufen ein und kochen selbst, oft zwei oder drei Gerichte, um ihren Kindern die größtmögliche Freiheit beim Essen zu bieten. „Ich möchte nicht, dass Essen für sie so wichtig ist“, sagt Vanessa Rieger. „Ich finde es auch falsch, ihnen zu erzählen, was gut und richtig ist. Meiner Großen habe ich es ohnehin jahrelang falsch vorgelebt. Für sie ist es aber kein Problem, wenn sie mal einige Stunden nichts zu essen bekommt, sie denkt gar nicht daran. Für uns war das früher ganz schlimm.“

Hoher Gewichtsverlust bringt hängende Haut mit sich

Die gemeinsame Erfahrung der Magenverkleinerung habe sie als Paar gestärkt, sagen beide. Liebevoll erinnern sie sich gegenseitig: „Schatz, denk an dein Kalzium! Hast du deine Vitamintablette genommen?“ Sie haben auch Verständnis dafür, dass dort, wo Fett einst die Haut polsterte, diese nun zunehmend der Schwerkraft folgt. Je nach Bindegewebe hängen Bauch und Busen, die Oberschenkel werden weich, die Unterschenkel dünn, beim Winken schlackert die Haut an den Armen. Nüchtern sagt Vanessa Rieger: „Einen Po haben wir beide nicht mehr, das ist ein bisschen schade.“ Eine operative Hautstraffung ziehen sie nicht in Betracht.

Gestärkt aus der Zeit der Veränderung herausgehen 

Nicht alle Paare überstehen die Zeit der Veränderung nach einem Magenbypass so gut. Meist lässt sich nur einer der Partner operieren, und wenn aus dem frustrierten Stubenhocker ein aktiver, lebensfroher Mensch wird, harmoniert er oder sie möglicherweise nicht mehr so gut mit dem Partner. Einige Männer würden auch versuchen, ihre Frauen auszubremsen, sagt Erik Straßel: „Sie haben Angst, dass sie ihnen wegläuft. Sie denken, so lange sie dick und rund ist, gehört sie mir. Wenn sie abnimmt und attraktiver wird, könnte mich ein anderer Mann ersetzen.“

In ihrer Familie war nur Vanessa Riegers Vater skeptisch. Es sei doch verlorene Lebensqualität, nicht mehr so viel essen zu können, wie man wolle, sagte er. Und grillen könnten sie nun auch nicht mehr zusammen. Man könne auch Zucchini brutzeln, entgegnete Vanessa Rieger.

Die Tiefkühltruhe, in der ihr Vater früher das Grillfleisch aufbewahrte, hat er inzwischen verkauft. Außer ihm esse ja keiner mehr „normale Portionen“. Aber stolz ist er dennoch auf seine Tochter und seinen Schwiegersohn.