Verena Sam trainiert in einem Fitnessstudio.
Foto: Gulliver Theis

BerlinEs war ein unbeschwerter Tag im Sommer, Verena und ihr Freund lagen im Garten auf der Hängematte. Auf einmal bemerkte Achim einen Knubbel an Verenas Brust. Verena Sam erzählt: „Wir haben uns angeschaut und spürten beide intuitiv: Das ist etwas Schlechtes.“

Pessimisten sehen anders aus als dieses Paar. Verena, damals 36 Jahre alt, hat schon als Jugendliche ihren Schein als Fitnesstrainerin gemacht. Achim, zu diesem Zeitpunkt 37, füllte damals Hallen mit seinen Ernährungsjüngern, denn der Journalist und Autor hatte mehrere Bestseller geschrieben zum Thema Abnehmen und gesunde Ernährung. 

Niemals hätten sie gedacht, dass ausgerechnet sie von heute auf morgen ein Schicksal wie dieses ereilt. Und doch stellte sich heraus: Ihr Empfinden war richtig. Es war etwas Ernstes. Verena, eben noch eine optimistische, fröhliche junge Frau, ist auf einmal Krebspatientin. Und nicht nur das: Der Tumor in der Brust, erzählt ihr der Arzt kurz darauf, habe bereits gestreut, und zwar in die Lunge. Da sei nicht mehr viel zu machen. Sie gelte nun als Palliativpatientin und habe statistisch gesehen noch drei Jahre zu leben.

Bewusste Ernährung, wenig Zucker

Das ist nun zwei Jahre her, und Verena und Achim sind immer noch fröhlich, Verena ist immer noch fit, macht an sechs Tagen die Woche Sport, die beiden haben inzwischen geheiratet und kümmern sich umeinander. Also eigentlich wie vorher. Um sie herum ist allerdings sehr viel passiert.

Krebs, unheilbar, mit 36. Und das ausgerechnet bei einer jungen Frau, deren Lebensstil man als bestmöglich optimiert bezeichnen könnte. Ausgerechnet bei einer, die nach ihrem Empfinden alles richtig gemacht hat: Sport, bewusste Ernährung, wenig Zucker, eine stabile Beziehung. Verena konnte sich nicht erklären, warum ausgerechnet bei ihr nun diese tödliche Krankheit diagnostiziert wurde. Warum sie in drei Jahren tot sein sollte, wo sie sich doch rundum gesund fühlte. Hinzu kam, dass der Arzt ihr keinerlei Hoffnung gelassen hatte. Es war Achim, der in diesem Moment fast umgekippt wäre im Arztzimmer. Er hatte die Diagnose schon bei seinem geliebten Opa durchgemacht.

Es folgte die übliche Odyssee durch das deutsche Gesundheitssystem, wobei Achim wichtig ist zu betonen: „Wenigstens können wir hier zum Arzt gehen, bekommen relativ zügig eine Diagnose und haben keine Zuzahlungen, die uns ins Verderben stürzen, wie in vielen anderen Ländern auf der Welt.“ Trotzdem betonen beide: Ärzte sollten besser ausgebildet werden, wie man mit Patienten in einem solchen Moment umgeht. Für Verena war die Aussichtslosigkeit der Palliativdiagnose und das kühle Gebaren des verkündenden Arztes die schlimmste Erfahrung in dieser Zeit. Sie musste sich selbst erst mühsam daraus befreien, sich als wandelnde Leiche zu sehen. 

Verena Sam mit ihrem Mann Achim.
Foto: Gulliver Theis

Doch das Paar hat auch Positives aus der Medizin zu berichten, denn: Sie haben eine Klinik gefunden, die Hoffnung gemacht hat. Vorsichtige Hoffnung zwar, und doch wagt Verena es, von Krebs  als einer chronischen Krankheit zu sprechen und nicht automatisch von einer tödlichen. Die Klink Heidelberg macht mit ihr derzeit eine Immuntherapie, und ihr Organismus scheint gut darauf anzusprechen. Sie hat kaum Nebenwirkungen und fühlt sich nicht wirklich krank. Auch psychisch geht es ihr bestens. Weil sie die Hoffnung hat, den Glauben, das Krebswachstum so weit hinauszögern zu können, bis die Medizin noch mal weiter ist als heute. Und bis dahin gut mit der Krankheit leben zu können.

Über diese Hoffnung hat sie mit ihrem Mann zusammen ein Buch geschrieben: „Der Krebs-Kompass. Wie wir mit Krebs leben lernen“ (C. Bertelsmann). Nichts weniger als einen Paradigmenwechsel befeuern die beiden in ihrem Buch, das neben Ernährungstipps und Psychotipps auch einen Überblick zum neuesten Stand der Wissenschaft gibt. „Bisher meinen wir, Krebs bedeute entweder das eine oder das andere: Heilung oder Tod. Ihn als eine Krankheit zu sehen, mit der man genau wie Herzkreislaufpatienten oder Diabetespatienten dank zielführender Medikamente noch lange und gut leben kann, das haben die meisten überhaupt nicht auf dem Schirm, auch viele Ärzte nicht“, kritisiert Achim. 

Ein Professor sei deshalb froh um dieses mutige, optimistische Paar gewesen und habe die beiden gebeten, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen. Auch damit sich mehr Patienten für die Immuntherapie zur Verfügung stellen, die noch weiter erforscht werden muss. Viele Patienten haben aus Unsicherheit und Unwissen Angst davor und wählen lieber die Chemotherapie. Dabei zerstört diese eben nicht nur die unerwünschten Krebszellen, sondern greift insgesamt den Organismus stark an. Viele Patienten sterben nicht am Krebs, sondern an Folgen der Therapie. Die Immuntherapie hingegen versuche, zielgerichtet die Krebszellen zu erfassen und maßgeschneiderte Killerzellen für sie zu kreieren. Zusätzlich soll eine Art Blutwäsche helfen, die gefährlichen Zellen aus dem Körper zu schleusen. Ziel sei, die bestmögliche Therapie für Patienten zu finden, und das sei immer eine individuelle Frage. 

Verena ist jedenfalls voller Hoffnung. Als der Krebs zuletzt schon in den Hüftknochen gestreut hatte, konnte der Heidelberger Arzt sie beruhigen: Ihr Körper kämpfe weiter gegen diese Zellen und nach einer Bestrahlung seien diese üblicherweise verschwunden. Das Ergebnis steht noch aus, doch weil Verena sich so gut fühlt, hat sie an der Diagnose keinen Zweifel. Eine Chemotherapie hat sie bis heute nicht gemacht. 

Viel schlimmer als die medizinischen Probleme und die körperlichen Reaktionen waren für sie deshalb die Reaktionen aus dem Umfeld. Einer von Achims besten Freunden ward nach einem Besuch am Krankenbett nie mehr gesehen, und ausgerechnet Verenas jüngerer Bruder kündigte ihr den Job. Die Geschwister hatten gemeinsam eine Art Fitnessstudio gegründet, Verena war immer die treibende Kraft gewesen. Doch nach der Krebsdiagnose sei dem Bruder eingefallen, dass sie ja nun nicht mehr voll arbeiten könne.

Wie kann es sein, dass ausgerechnet das enge Umfeld, von dem man nach solch schweren Schicksalsschlägen Hilfe erwartet, Betroffene derart hängen lässt? Das Paar, das nahe Hamburg lebt, ist nicht das einzige, das solche schlechten Erfahrungen mit dem eigenen Umfeld macht.  Auch darauf haben die Autoren Antworten gefunden: „Wir haben gemerkt, wie sich die Spreu vom Weizen trennt“, erzählt Achim. „Die Krankheit ist wie ein Destillator.“ Freunde blieben zunehmend weg, auch Achims Job wurde reduziert. Warum? „Viele Menschen können nicht damit umgehen“, hat Verena gelernt. Sie sei inzwischen sogar froh darüber, dass sich Freunde verabschiedet haben, die vorher nur davon profitiert hätten, was sie alles zu geben hat. „Wenn jemand immer fröhlich ist und gute Laune hat und dann aber selbst mal Hilfe braucht, dann stößt man bei manchen Leuten an Grenzen und sieht, dass sie selbst gar nichts zu geben haben.“ Ihr Mann ergänzt: „Diese Krankheit ist wie ein Assessment-Center. Verena hat sich seitdem persönlich enorm entwickelt und blickt nun wie von einem Berg auf das Tal der Unzureichenden, die sich noch nie in ihrem Leben mit dem Tod beschäftigt haben.“ Doch auch manche Freunde und Familienangehörigen seien an dieser Aufgabe gewachsen. Die begleiten einen dann.

Das Phänomen Resilienz

„Der Krebs kann auch Kräfte wecken“, schreiben die Autoren in ihrem Buch. „Das kann sogar in richtigem Glücksempfinden gipfeln, wenn die Krankheit besser verläuft als erwartet oder sich neue Behandlungsmöglichkeiten auftun.“ Nach dem ersten Schock der Diagnose zeige sich das Phänomen der Resilienz: die Fähigkeit, das Glück im Unglück zu erkennen und Krisen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen. 

Um das besser zu schaffen, geben die Autoren ihren Lesern einen Erste-Hilfe-Koffer mit auf den Weg. Wo gibt es Hilfe, wer lotst einen durch den Medizin-Dschungel, wer bietet welche Therapien an und welche Kliniken sind worauf spezialisiert? Prominente Mediziner geben dazu im Buch Auskunft, was Verena sehr wichtig war: „Wir haben genau das Buch geschrieben, das wir gebraucht hätten, als ich die Diagnose bekam.“

Ihrem Mann wiederum war es wichtig, dass auch die Angehörigen ihren Platz in diesem Buch finden, weil sie erstens der wichtigste Ansprechpartner sind für den Patienten und zweitens oft selber Hilfe brauchen. „Ich fand es super, dass Achim schnell selbst Hilfe bei einem Psychologen gesucht hat, denn sonst wäre er mir nicht so eine Riesenhilfe gewesen. Und die habe ich gebraucht.“