Ein Wildschwein steht auf einem Plateau im Wald. 
Foto: dpa/Lino Mirgeler

GreifswaldDie Afrikanische Schweinepest setzt ihren tödlichen Zug um die Welt fort. Deutschland blieb von der Seuche bisher verschont - doch Fälle in Polen nahe der Grenze zu Brandenburg verstärken die Sorge vor einer Einschleppung. Es sei mit weiteren Infektionen und einer Ausdehnung des betroffenen Gebietes zu rechnen, teilte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei Greifswald mit. Die Seuche sei bis auf etwa 35 Kilometer an die deutsche Grenze herangerückt. „Bei dieser Entfernung kann ein direkter Eintrag durch Wildschweine nach Deutschland nicht mehr ausgeschlossen werden“, warnt FLI-Präsident Thomas Mettenleiter. Wichtig sei es, dies möglichst frühzeitig zu erkennen und die weitere Verbreitung einzudämmen.

Brandenburg rüstet sich für den Ernstfall mit intensiven Suchen, verstärkter Bejagung und umfassenden Tests an toten Wildschweinen. Mobile Wildschutzzäune auf den Oderdeichen sollen infizierte Wildschweine daran hindern, von Polen nach Brandenburg zu gelangen. Anfang Dezember wurden in Polen innerhalb einer Woche etwa 100 infizierte Wildschweine entdeckt, insgesamt in diesem Jahr schon mehr als 2270. Dänemark hatte Anfang Dezember einen knapp 70 Kilometer langen Zaun von der Ost- bis zur Nordsee fertiggestellt, damit kein Schwarzwild aus Deutschland einwandert.

„Australien und Amerika sind noch frei“

Einmal im Land, lässt sich das Virus nur schwer wieder tilgen. Binnen eines Jahres breitete sich der für Haus- und Wildschweine tödliche Erreger in großen Teilen Chinas und Vietnams aus. Auch Osteuropa, Russland, die Mongolei, weitere asiatische und viele afrikanische Staaten sind betroffen. „Nur die Kontinente Australien und Amerika sind noch frei“, sagt Mettenleiter. Die Erforschung der für Menschen ungefährlichen Afrikanischen Schweinepest (ASP) sei in den vergangenen Jahren zu einem Schwerpunkt der Arbeit des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems geworden.

Während in Afrika blutsaugende Lederzecken für die Verbreitung des Erregers sorgen, sind es in Europa und anderswo Blut und Körperflüssigkeiten infizierter Tiere. Das Virus greift die Gefäße und Immunzellen an, es kommt zu Blutungen. Manchmal schon nach 48 Stunden, oft nach etwa einer Woche sind die Schweine tot.

Wirtschaftlichen Auswirkungen für Deutschland wären riesig

„Belastbare Zahlen erhalten wir nur aus der EU“, sagt Mettenleiter. Demnach zeigt sich in Osteuropa eine Zweiteilung: In den baltischen Staaten, Polen und Ungarn seien überwiegend Wildschweine erkrankt, in Rumänien und Bulgarien überwiegend Hausschweine. Der FLI-Präsident führt die hohe Zahl an Ausbrüchen auf die vielen Klein- und Kleinsthaltungen mit geringerem Seuchenschutz zurück. Eine deutliche Zunahme der Fälle in Europa registrierte das Institut seit 2018 nicht.

Dass die Afrikanische Schweinepest Deutschland noch verschont ließ, ist nach Ansicht Mettenleiters „reines Glück“. Schon der Ausbruch 2018 in Belgien bei Wildschweinen hätte demnach auch hierzulande passieren können. Der Fall weit weg von anderen Seuchengebieten gilt als ein weiterer Beleg dafür, dass der Erreger vor allem durch den Menschen weitergetragen wird - etwa über den Schmutz in Schuhprofilen oder weggeworfene Wurstbrote aus dem Fleisch infizierter Tiere. Wildschweingebunden - also direkt von Tier zu Tier - würde sich die Seuche lediglich 15 bis 20 Kilometer pro Jahr ausbreiten, sagt der Wissenschaftler.

Für Deutschland wären die wirtschaftlichen Auswirkungen im Seuchenfall riesig. Schweinefleischexporte in Länder außerhalb der EU würden gestoppt, auch nach China. Innerhalb der Europäischen Union könnte der Handel weitergehen.

300 bis 350 Millionen Tiere in China betroffen

In China, dem weltweit größten Produzenten und Konsumenten von Schweinefleisch, ist nach Schätzungen inzwischen rund die Hälfte des Schweinebestandes durch das Virus dahingerafft worden. Ende vergangenen Jahres war er noch auf 300 bis 350 Millionen Tiere geschätzt worden. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Mai dieses Jahres knapp 26 Millionen Schweine gehalten, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilte.

Der Preis für Schweinefleisch hat sich in China in der Folge verdoppelt und ist ein starker Inflationstreiber geworden. Immense Mengen werden aus anderen Ländern importiert - die starke Nachfrage lässt die Fleischpreise steigen. Auch deutsche Verbraucher müssen für Schnitzel, Wurst und Braten etwas tiefer in die Tasche greifen.

Eine Schutzimpfung gegen die Afrikanische Schweinepest ist laut FLI-Präsident Mettenleiter weiter nicht in Sicht, auch wenn Wissenschaftler weltweit daran arbeiteten. „Wir haben nichts, was einen vielversprechenden Hinweis gibt.“ Das ASP-Virus unterscheidet sich demnach komplett vom Erreger der klassischen Schweinepest. Es sei der bisher einzige bekannte Vertreter einer ganzen Virusfamilie.

50 Kilometer Elektrozaun

Dass keine verwandten Viren bekannt sind, bereitet Mettenleiter zufolge Schwierigkeiten: Die Wissenschaftler müssen mit dem hochpathogenen Erreger arbeiten, anstatt einen ähnlichen, schwächeren einzusetzen. Das Virus ist zudem sehr stabil, es hat sich seit den ersten größeren Seuchenfällen 2007 nicht verändert. Daher ließen sich Übertragungswege schlechter nachvollziehen, erklärt Mettenleiter. Zudem sei der Erreger äußerst widerstandsfähig. Selbst eingefroren könne er jahrelang infektiös bleiben.

Als einzigem der in Europa vom aktuellen Seuchenzug betroffenen Länder gelang es bisher Tschechien, Infektionsherde hermetisch abzuriegeln und das ASP-Virus wieder loszuwerden. Mecklenburg-Vorpommern hat 50 Kilometer Elektrozaun angeschafft, um im Ernstfall wie in Tschechien den Seuchenherd abzuschirmen und alle Wildschweine in dem Gebiet zu erlegen. Im Saarland wurden Hunde speziell für die Kadaversuche geschult, um an Schweinepest verendete Wildschweine im Gelände schnell finden zu können.

Auch die Ausdünnung der in einigen Bundesländern sehr großen Schwarzwildbestände gilt als ein Mittel zur Seuchenprävention. Dem Deutschen Jagdverband liegen nach Angaben seines Sprechers Torsten Reinwald die Streckenergebnisse vom Jagdjahr 2018/19 zwar noch nicht komplett vor, es sei aber mit mehr als 600 000 erlegten Wildschweinen zu rechnen. Das wäre der zweithöchste Wert nach 840 000 Schwarzkitteln im Jagdjahr 2017/18. Allerdings streift in diesem Herbst nach einem mageren Vorjahr auch besonders viel Nachwuchs umher.