Aneinandergekuschelt kommt man besser durch den Winter: Fledermäuse der Art Großes Mausohr in ihrem Quartier in der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen in Polen. 
Foto: Krzysztof Gajda

Frankfurt/OderDiese Räume machen Seltsames mit der Stimme. Dumpf springt der Schall von den Wänden zurück, vervielfacht sich in den hohen Gewölben, echot und flüstert. In den Kellern der 1950 stillgelegten Ostquellbrauerei in Frankfurt an der Oder herrscht eine etwas unwirkliche Atmosphäre. Als sei man mitten in der Stadt in eine große Höhle hinabgestiegen. 

Kühl und feucht ist es hier, Wassertropfen fallen von der Decke, am Boden wechseln sich Pfützen und Schutthaufen ab. Nur die Stirnlampen ziehen ein paar helle Schneisen in die Finsternis und zeigen die Stolperfallen. Viel spannender ist allerdings der Blick nach oben. Denn da hängen Dutzende Fledermäuse kopfüber an der Decke, zusammengekuschelt zu einem flauschigen Teppich aus dunklen Rücken und hellen Bäuchen.

Nach einem kurzen Blick lässt Norbert Bartel vom Landesamt für Umwelt Brandenburg das Licht weitergleiten, um die ruhenden Tiere nicht zu stören. „Diese Räume haben sich zu einem der bundesweit größten Winterquartiere für Große Mausohren entwickelt“, sagt der Fledermaus-Experte. Und nicht nur für die. Von den 24 in Deutschland überwinternden Flattertier-Arten finden hier 13 einen Unterschlupf für die kalte Jahreszeit. Ein EU-Projekt namens Natura Viadrina+ soll ihnen den Aufenthalt künftig noch angenehmer machen.

Gemeinsam arbeiten der Landschaftspflegeverband Mittlere Oder, die Naturschutzstiftung Euronatur, die polnische Naturschutzorganisation Liga Ochrony Przrody und die Vereinigung der Landschaftsparks der Provinz Lubuskie daran, wichtige Fledermausquartiere dies- und jenseits der deutsch-polnischen Grenze zu sichern und zu verbessern. Auch das Landesamt für Umwelt, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) liefern Unterstützung für das ehrgeizige Vorhaben.

Krzysztof Gajda
Die größte heimische Art

Das Große Mausohr Myotis myotis ist mit einer Spannweite von gut 40 Zentimetern und einem Gewicht bis zu 40 Gramm die größte in Deutschland heimische Fledermaus. Ursprünglich war diese wärmeliebende Art eine Höhlenbewohnerin, die sich inzwischen aber auch in der Nachbarschaft des Menschen eingerichtet hat. Die Männchen leben im Sommer meist einzeln, zum Beispiel in Spalten auf Dachböden. Die Weibchen bilden Kolonien auf Dachböden und Kirchtürmen oder in Höhlen. Gute Winterquartiere sind zum Beispiel große Gewölbekeller, etwa von Brauereien und Schlössern.

Die Ausgangslage in der alten Brauerei, die seit 2003 der Stiftung Euronatur gehört und seit 2006 unter Naturschutz steht, ist dabei schon recht gut. Die Kellerräume sind frostfrei, feucht und gut durchlüftet – aus Fledermaussicht das perfekte Refugium. Zumal ein Zaun rings um die Ruine auch menschlicge Störenfriede fernhält.

Da müssen sich die geflügelten Bewohner im November nur noch ans Mauerwerk klammern und sich kopfüber nach unten fallen lassen. Die speziell konstruierten Sehnen in ihren Beinen rasten dann ähnlich ein wie ein Karabinerhaken, so dass sich die Tiere ohne Kraftanstrengung festhalten können. Dann wird der Stoffwechsel auf Sparflamme heruntergefahren und dem Frühjahr entgegengedämmert. Bis es draußen - wie es zurzeit zunehmend der Fall ist - wieder genügend nahrhafte Insekten für die flinken Nachtjäger gibt.

Die Ostquellbrauerei in Frankfurt an der Oder wurde 1950 stillgelegt. Die leeren, feuchten Gewölbekeller sind ideale Rückzugsorte für Fledermäuse. 
Foto:  Krzysztof Gajda

Die Vorzüge des alten Gewölbekellers haben sich in Fledermauskreisen offenbar herumgesprochen. Norbert Bartel, der das Refugium schon seit 1990 ehrenamtlich als Mitglied des BUND betreut, rückt hier jeden Winter mit fünf bis zehn Helfern an, um eine Bestandsaufnahme zu machen. Mit Leitern klettern die Experten bis an die Decke der bis zu acht Meter hohen Gewölbe, leuchten in jeden Spalt, schauen mit Spiegeln hinter jeden Vorsprung. Noch im kleinsten Loch finden sie ruhende Tiere, mitunter wie Sardinen zusammengedrängt.

Die einmalige Störung scheinen die geflügelten Schläfer problemlos hinzunehmen. Die Zahlen sprechen jedenfalls für sich. Aus knapp 200 Überwinterern Ende der 1980er Jahre waren im Jahr 2001 mehr als 2000 geworden. Seither schwanken die Werte meist um etwa 1500. Die häufigste Art ist nach wie vor das Große Mausohr mit etwa 700 Tieren, gefolgt von der Fransen- und der Wasserfledermaus.

In diesem Jahr hat das Team allerdings nur 1237 Winterschläfer gezählt. „Woran das liegt, wissen wir nicht genau“, sagt Norbert Bartel. Vielleicht haben etliche Tiere den milden Winter einfach in einem weniger gut geschützten Unterschlupf verbracht. Es könnte aber auch sein, dass es ihnen in den Gewölbekellern nach zwei ungewöhnlich trockenen Jahren nicht mehr feucht genug war. Da überwinternde Fledermäuse so gut wie nichts trinken, ist eine hohe Luftfeuchtigkeit für sie lebenswichtig.

„Ein ungünstiges Mikroklima kann ein Quartier deshalb komplett unbrauchbar machen“, erklärt Sandra Wigger von Euronatur. Weitere häufige Probleme sind eine schlechte Bausubstanz und ein Mangel an Verstecken und Hangplätzen. Um die Lage für die Tiere zu verbessern, setzt das Projekt Natura Viadrina+ daher vor allem auf Baumaßnahmen. Ein neues Dach hat die alte Brauerei schon bekommen, das von dort ablaufende Regenwasser wird in den Boden geleitet, so dass es in die Kellerräume sickern kann. Auch das Mauerwerk ist an einigen Stellen bereits erneuert worden. Wenn die letzten Fledermäuse im Mai ausgeflogen sind, werden die Arbeiten weitergehen. Insgesamt stehen dafür bis 2021 rund 1,2 Millionen Euro zur Verfügung.

Profitieren werden davon nicht nur Fledermäuse aus der näheren Umgebung. Große Mausohren, die Wissenschaftler im Winter in der alten Brauerei beringt haben, fliegen nämlich nachweislich bis zu 300 Kilometer weit durch die Gegend. Einige sind zum Beispiel in der Zitadelle in Spandau wieder aufgetaucht. Und nach Osten gibt es einen regen Austausch mit dem größten künstlichen Winterquartier Europas: Der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen.

Zwei wichtige Refugien im deutsch-polnischen Grenzgebiet.
Grafik: Isabella Galanty

Dass diese riesige Festungsanlage etwa 120 Kilometer östlich von Berlin einmal zum Schauplatz eines deutsch-polnischen Naturschutzprojektes werden könnte, hätte sich beim Bau der ersten Bunker im Jahr 1934 wohl niemand träumen lassen. Obwohl Hitler schon 1938 einen Baustopp verhängte, zeugt die nie vollendete Anlage bis heute von militärischem Größenwahn. In der Nähe des polnischen Ortes Pniewo liegen Panzerwerke und unterirdische Kasernen, dazwischen verlaufen mehr als 30 Kilometer lange Tunnel mit Eisenbahnschienen und elf Bahnhöfen. Heute ist es das Reservat Nietoperek.

„Achtung, Feind hört mit!“, steht neben einem altmodischen Telefonapparat an einer der Wände. Doch die einzigen Ohren, die heute hier auf verdächtige Geräusche lauschen, gehören den zahllosen Wintergästen. Mehr als 35.000 Fledermäuse von elf Arten verbringen hier die kalte Jahreszeit, darunter allein 29.000 Große Mausohren.

Ihre Welt beginnt hinter einer verschlossenen Gittertür. Zwar können Touristen einen Teil der Militäranlage auf geführten Touren besichtigen, zum Rest aber haben nur Fledermäuse und Wissenschaftler Zutritt. 

Anna Bator-Kocoł von der Universität Zielona Gora interessiert sich zum Beispiel dafür, warum sich die Mausohren hier mitunter zu Hunderten zusammenkuscheln, während sie in anderen polnischen Quartieren für solche Massenversammlungen wenig übrig haben. „Einerseits ist es mitten in so einem Knäuel ein bisschen wärmer, so dass die Tiere für das Aufwachen weniger Energie brauchen“, erklärt die Zoologin. Andererseits können aufwachende Fledermäuse durchaus aggressiv werden und ihre Nachbarn von der Wand schubsen.

Wie gefährlich das ist, zeigt ein Weibchen mit einer Bisswunde im Flügel, das unter einem solchen Mausohr-Teppich am Boden liegt. Es ist in eine Pfütze gefallen und ertrunken. „Das passiert häufiger, wenn sie nicht rechtzeitig zu sich kommen, um sich zu retten und die Wand wieder hochzuklettern“, sagt Anna Bator-Kocoł. Sie vermutet, dass es von den äußeren Umständen abhängt, ob die Tiere dieses Risiko eingehen. Vielleicht sind es ja die eher kühlen und zugigen Bereiche des Tunnelsystems, die zum Kuscheln ermuntern? Auch das riesige Fledermaus-Hotel im Untergrund besteht schließlich nicht nur aus Luxusquartieren.

Was die geflügelten Gäste darin wirklich stört, sind allerdings weder Zugluft noch aggressive Artgenossen. Sondern all die abenteuerlustigen Jugendlichen, die Hobby-Historiker und Militaria-Sammler, die unbedingt auf eigene Faust die Festungsanlage erkunden wollen. Verstreut im Gelände liegen zahllose versteckte Eingänge, durch die sie sich Zutritt verschaffen – notfalls mithilfe von Kletterausrüstung. „Es haben sogar schon Leute versucht, mit Sprengstoff da reinzukommen“, sagt Marcin Bochenski von der Naturschutzorganisation Liga Ochrony Przrody.

Das aber ist für die Wintergäste gefährlich. Sehr leicht kann die Wärme von zu vielen Körpern, Lampen und unterirdischen Lagerfeuern die Fledermäuse aus ihrer winterlichen Lethargie reißen. Und jedes Mal, wenn sie ihren Körper wieder auf Betriebstemperatur hochfahren, verbrennen sie kostbare Energie. Dann reichen die Reserven womöglich nicht bis zum Frühjahr. Ein Todesurteil. Im Rahmen von „Natura Viadrina+“ wollen die Naturschützer daher vor allem die möglichen Zugänge zur Festungsanlage versperren. Damit in der nächsten Wintersaison wieder Ruhe herrscht unter der Erde.