Bild mit Pinguin: Die Touristen kommen den Tieren sehr nah.
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BerlinViel Muße für Entdeckerfreuden blieb dem   deutschbaltischen Seefahrer Fabian Gottlieb von Bellingshausen nicht, als er am 28. Januar 1820 von den schwankenden Planken seiner russischen Korvette Vostok erstmals den Eisschelf sichtete, der sich als Zipfel der Antarktis, des lange gesuchten sieben Kontinents entpuppte. Heftige Stürme schüttelten das kleine Schiff, das heute als Nussschale gelten würde, zwischen dem 60. und 70. Breitengrad im südlichen Eismeer so gehörig durch, dass der Kapitän schleunigst Zuflucht in Australien suchte.

200 Jahre später gönnen sich während des antarktischen Sommers von Oktober 2019 bis Ende Februar 2020 rund 60000 Touristen das Privileg, von dem der im Dienste des russischen Zaren stehende Kapitän aus Kronstadt wegen Packeis und Stürmen nur träumen konnte. Sie setzen ihren Fuß auf die baumlose, von Eis bedeckte Wüste, die laut WWF rund 350 Millionen Vögeln eine Heimat bietet.

Fabian von Bellingshausen, der Kapitän der Vostok, gilt als der erste, der den Rand des „Eis-Kontinents“ sichtete. 
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Knapp 20000 Passagiere, so die aktuellen Schätzungen der Internationalen Vereinigung Antarktischer Tourorganisatoren IAATO, halten sich an das Vorbild von Bellingshausen. Sie schippern vor den Küsten des siebten Kontinents entlang, ohne ihre Kreuzschiffe zu verlassen.

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Die letzte Chance, die Antarktis zu sehen

Mit einer Auslastung von satten 95 Prozent übertrifft die Besucherzahl die Vorjahresstatistiken deutlich – in der Saison 2012/13 unternahmen nur halb so viele Menschen eine Reise ans Ende der Welt. Die 43 Reedereien im Antarktis-Geschäft, die während des europäischen Sommers zwischen Spitzbergen und Grönland rund um den Nordpol unterwegs sind, setzen auf eine Fortsetzung des Reisebooms zum einstmals ewigen Eis rund um den Südpol, das dank Klimaerwärmung so stark schmilzt wie noch nie.

Gemessen an den rund 30 Millionen Menschen, die jährlich als Kreuzfahrer über die Weltmeere fahren, stellen die überwiegend zahlungskräftigen Besucher einen winzigen Bruchteil dar – und sind verglichen mit den rund 5000 Wissenschaftlern auf verschiedenen Stützpunkten doch eine wahre Menschenwalze. „Die Kombination vom Prestige, dort gewesen zu sein, der Romanze der Polarforschung und der spektakulären Landschaft motiviert den Tourismus“, sagt der Tourismusexperte Michael Hall von der Canterbury-Universität im neuseeländischen Christchurch. „Der Klimawandel und somit die sich abzeichnende letzte Chance, die Antarktis zu sehen, spielt eine weitere wichtige Rolle.“  

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Auch die Schiffe von National Geographic kreuzen durch das nicht mehr ganz so ewige Eis.
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Der Zusammenbruch der Sowjetunion begünstigte vor 30 Jahren den Reiseboom in die Kälte. Ehemalige Forschungsschiffe und Eisbrecher wurden zu Spottpreisen verramscht oder vermietet. Die Zeit der rustikalen Pötte mit ihren eisenverstärkten Rümpfen und den einfachen Kabinen für rund 100 Passagiere läuft freilich ab.

Statt sogenannter Expeditionsschiffe, auf denen Passagiere sich dank begrenztem Komfort mit ordentlich Fantasie in den Fußstapfen von Polarforschern wie Roald Amundsen wähnen können, steht neuerdings Luxus ganz oben auf der Liste. National Geographic lässt in diesem Jahr ein Schiff vom Stapel laufen, auf dem Kajüten in Iglu-Form mit Glaswänden stehen.

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Antarktis-Reise ab 7000 Euro

Andere Reedereien planen Expeditionsschiffe mit Glasböden, um Robben und Wale oder einige der geschätzten 175 Millionen Pinguine beim Tauchen unter Wasser zuschauen zu können – inklusive Stereoanlagen, die den Gesang der Wale übertragen, während man auf eleganten Sitzgarnituren die Champagnerflasche öffnet. Hurtigruten, auf deren Schiffen Sauna und Fitnessstudio längst selbstverständlich sind, ließ während dieses antarktischen Sommers erstmals die „Roald Amundsen“ im Eismeer kreuzen, die über einen Hybridantrieb verfügt.

Längst gibt es Charterflüge, die von Kapstadt direkt zum Südpol düsen. Spezialunternehmen organisieren Klettertouren. Neben Kajakfahrten im Eismeer und Übernachtungen im ewigen Eis gehört auch Tauchen bereits zu den Selbstverständlichkeiten einer Antarktis-Reise. Durchschnittliche Reisedauer: zehn bis zwölf Tage. Die billigsten Tickets gibt es pro Person ab etwa 7000 Euro.

Touristen fotografieren Königspinguine auf South Georgia Island.
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Und doch gibt es einige Regeln: Schiffe mit mehr als 500 Passagieren dürfen keine Landgänge organisieren. Ein Kreuzfahrtschiff darf laut IAATO nie mehr als 100 Passagiere gleichzeitig an Land lassen. Die große Masse der Besucher konzentriert sich laut Verband auf 35 Plätze entlang der antarktischen Halbinsel, eine oftmals von schwerem Seegang begleitete Zwei-Tages-Reise südlich von Feuerland.

„Ich hatte viele Superreiche mit ihren Trophäenfrauen an Bord erwartet“, beschreibt der US-Schriftsteller Jonathan Franzen in seinem Essay „Das Ende vom Ende der Welt“ seine Erfahrungen an Bord eines National-Geographic-Schiffs. „Aber die fahren mit ihren eigenen Luxusjachten.“ Gerade erst machte die 100 Millionen US-Dollar teure Jacht „Archimedes“ des US-Amerikaners James Simons nach einer mehrwöchigen Tour südlich des 60. Breitengrades am Kai von Ushuaia fest.

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Benzin und Abwasser

Zudem tauchen immer mehr Segeljachten zwischen Eisbergen und Pinguinen auf. Sie werben mit weniger Umweltschäden, sind jedoch nach Beobachtungen von Umweltschützern häufig schlimmer als organisierte Fahrten. „Es ist furchtbar, wenn man auf YouTube sieht, wie unvorsichtig die Jachtensegler oft mit Benzin und Abwasser umgehen“, sagt ein Wissenschaftler. Schon ein von einem Besucher versehentlich getretenes tiefes Eisloch kann zur tödlichen Falle für Pinguine werden.

Der Besucherstrom in die Antarktis dürfte kaum zu stoppen sein. „Viele Länder nutzen den Tourismus, um ihre territorialen Ansprüche in der Antarktis zu untermauern“, sagt der neuseeländische Professor Michael Hall. Nach den USA mit 32 Prozent stellen mit 15 Prozent inzwischen Chinesen die zweitgrößte Gruppe der Antarktis-Reisenden dar – sehr zum Leidwesen der Wissenschaftler aus dem Reich der Mitte. „Sie halten uns vom Arbeiten ab“, klagte ein Forscher gegenüber der Hongkonger Tageszeitung South China Morning Post. Aus Deutschland stammen laut IAATO etwa sechs Prozent. Schweizer kommen mit rund 1000 Besuchern auf etwa zwei Prozent. Österreich fällt wegen der geringen Zahl an Touristen unter die Rubrik „Andere“ mit insgesamt 15 Prozent.

Die Kreuzfahrtindustrie im nicht mehr ganz so ewigen Eis rechtfertigt mögliche Umweltschäden unter anderem mit dem wachsenden Bewusstsein für den Schutz der Antarktis. Doch das Personal unternimmt einiges, um die Themen Klimawandel und Umweltschäden an Bord zu vermeiden. „Unterschiedliche Meinungen zwischen rund 100 Passagieren auf engem Schiffsraum haben in der Vergangenheit das Klima ganz schön verdorben“, sagt ein alter Fahrensmann der eisig kalten Boombranche.