Eine 30 Jahre alte Europäische Sumpfschildkröte und ein wenige Wochen altes Jungtier.
Foto: dpa/Patrick Pleul

Alarm: In Brandenburg ist das langjährige Naturschutzprojekt zur Rettung der Europäischen Sumpfschildkröte in Gefahr. Aufgrund des dritten heißen Sommers in Folge sind die Lebensräume der Reptilienart in der Uckermark fast ausgetrocknet. Norbert Schneeweiß, der Leiter der Naturschutzstation Rhinluch (Ostprignitz-Ruppin), ist besorgt. Zur Hitze kämen zunehmend auch noch Waschbären und Marderhunde, sie seien eine tödliche Gefahr für die Schildkröten. „Jedes vierte, fünfte Tier, was wir in freier Natur finden, weist Verletzungen wie fehlende Gliedmaßen auf.“

Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) ist die einzige Schildkrötenart, die in Mitteleuropa natürlicherweise vorkommt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz steht sie jedoch auf der Roten Liste vom Aussterben bedrohter Tiere. Die seltenen Nachweise von Tieren in Deutschland gehen nach Ansicht von Experten sehr wahrscheinlich auf absichtliche oder unkontrollierte Aussetzungen zurück. In der Uckermark wurde 1998 die letzte natürliche Population auf deutschem Boden entdeckt, sagt Schneeweiß. „Das waren 70 bis 80 Exemplare, darunter jedoch keine Jungtiere.“

Norbert Schneeweiß, Leiter der Brandenburger Naturschutzstation Rhinluch.
Foto: dpa/Patrick Pleul

Schneeweiß war alarmiert, denn ohne Schildkröten-Nachwuchs würde der Bestand aussterben. Und so begann er mithilfe unterschiedlicher Stiftungen und Fördertöpfe das Rettungsprojekt für die Europäische Sumpfschildkröte. Die Herausforderungen zu Beginn waren erheblich. „Die von uns entdeckten Tiere hatten zwar Eier abgelegt, doch die Plätze dafür waren ungeeignet, es schlüpfte kein Nachwuchs“, erinnert sich der Biologe. Also nahm man die Gelege mit und brütete sie in der Station künstlich aus. Gleichzeitig wurden von Landwirten geeignete Flächen zur Auswilderung gekauft.

Ein Dutzend weiße Plastikkästen steht im Garten der Naturschutzstation Rhinluch in Linum. Im flachen Wasser schwimmen Blätter und kleine Zweige. Dazwischen tummeln sich Mini-Schildkröten, etwa so groß wie Walnüsse oder Tischtennisbälle. „Das ist unsere Babystation. Die Tiere sind erst kürzlich geschlüpft“, erklärt Schneeweiß. „Werden die Tiere größer, ziehen sie um in eine kleine Teichlandschaft mit Schilf, Wasserpflanzen, Steinen und Ästen – als Vorbereitung für die spätere Auswilderung in die freie Natur.“

Der Nachwuchs: Blick in eine Brutanlage der Brandenburger Naturschutzstation Rhinluch.
Foto: dpa/Patrick Pleul

Je größer und kräftiger die in Linum aufgezogenen Schildkröten sind, umso besser stehen die Chancen, dass sie in der Natur auch überleben können. „Die Tiere leben in kleinen Gewässern, aber auch Mooren, in denen sie sich von Mückenlarven, Regenwürmern und Krebstieren ernähren und keine Fische als Nahrungskonkurrenten haben“, erklärt Schneeweiß. In der aktuellen Augusthitze heizten sich die wechselwarmen Tiere jedoch unter ihren Panzern schnell auf und sie würden kollabieren. Die Hitze und die damit verbundene Trockenheit machen ihm Sorgen.

Viele der seit Jahren genutzten Auswilderungsgewässer sind in diesem Jahr trocken. Diese Tümpel, Teiche oder Feldsölle aber würden am schnellsten austrocknen. Weitere Gefahren seien Waschbären oder Marderhunde, die Schildkröten dann aus dem flachen Wasser fischen und fressen, sagt Schneeweiß. „Waschbären sind in der Tat die größte Gefahr für das Projekt. Würden die nordamerikanischen Räuber sich nicht so stark vermehren, wäre die Erfolgsquote für die Schildkröten weitaus höher.“ Auch ausgesetzte Exoten wie Rotwangenschmuckschildkröten verdrängten die einheimische Reptilienart.

Seltener Anblick: Die Europäische Sumpfschildkröte ist sehr scheu und lebt zumeist unter Wasser.
Foto: dpa/Patrick Pleul

Ein wichtiges Indiz dafür, dass Sumpfschildkröten in der freien Natur überleben, ist die Fortpflanzung und Aufzucht von Nachwuchs. Erst mit 14 Jahren sind Europäische Sumpfschildkröten geschlechtsreif. „Wenn wir von uns nachgezüchtete Tiere an den uns bekannten Eiablageplätzen auf sonnigen Trockenrasengebieten wiederfinden, ist das ein gutes Zeichen“, so Schneeweiß. Die sehr scheuen und weitgehend unter Wasser lebenden Tiere in der Natur zu beobachten sei für Laien nahezu unmöglich. Gelegenheit dazu gibt es hingegen im Naturerlebniszentrum Blumberger Mühle bei Angermünde im brandenburgischen Landkreis Uckermark.

Dort hat der Naturschutzbund (Nabu) vor 17 Jahren eine eigene, über eine hölzerne Brücke begehbare Teichanlage gebaut – nach Angaben von Leiterin Aija Torkler der absolute Besuchermagnet. „Unsere Tiere sind natürlich an den Menschen gewöhnt. Sie verschwinden nicht gleich im Wasser, sobald sich jemand vorsichtig nähert“, sagt sie. Im Frühjahr 2020 seien dort 28 Sumpfschildkröten gezählt worden. Außerdem wurden Eierschalen entdeckt, ein Zeichen dafür, dass auch Jungtiere geschlüpft sind.

Bemühungen zur Rettung der Europäischen Sumpfschildkröte in freier Natur hält Torkler für sinnvoll und wichtig. „Um zu verhindern, dass Tierarten gänzlich verschwinden, muss der Mensch eingreifen“, sagt sie. Das Brandenburger Projekt sei ausgesprochen gut, meint auch der Dresdner Zoologe Uwe Fritz. „Hier kümmert sich der Naturschutz tatsächlich um etwas, was noch da ist, und versucht, es zu erhalten.“ Biologe Schneeweiß ist überzeugt davon, dass sich die Anstrengungen lohnen. „Wir haben in der Natur auch schon Exemplare entdeckt, die wir nicht kennen, also nicht aus unserer Zucht stammen. Ohne unsere Hilfe würde es die Europäische Sumpfschildkröte in Deutschland schon längst nicht mehr geben“, sagt er, und Experte Fritz pflichtet ihm bei.