BerlinIch stehe vor der Parkklinik in Berlin-Weißensee. Eine kleine, aber feine Klinik. Um die Ecke bin ich groß geworden, mit direktem Blick auf den See und in Hörweite der Freilichtbühne. Ich will da nicht rein. Ich will da heute nicht rein. Ich rauche wahrscheinlich schon meine fünfte Zigarette. Na ja, wenn man diese Elektrodinger noch Zigaretten nennen darf. Gibt es da nicht noch einen Anruf, den ich dringend machen muss? Da war doch auch noch eine E-Mail, die ich exakt jetzt beantworten muss.

Um die Ecke der Parkklinik habe ich meinen Zivildienst gemacht, in einem Heim für behinderte Kinder, darf man das noch so sagen? Ach, heute ist das alles egal. Ich muss da jetzt rein. Rein in die Parkklinik. Aber hatte ich meinen Zivildienst nicht extra im Kinderheim statt in dem Altersheim gemacht, damit ich keine Menschen sterben sehen muss? Seht Ihr, selbst beim Schreiben der Geschichte prokrastiniere ich. „Konzentrier dich, Eric!“ Ich gehe da jetzt rein. ICH GEHE DA JETZT REIN. Aus der E-Mail, die sie mir geschrieben hatte, wusste ich, dass ich angemeldet war. Besuch im Krankenhaus ist eigentlich eher schwierig in diesen Zeiten, aber wer stirbt, bekommt auch mal eine Extrawurst. Danke, Parkklinik.

Und, was soll ich sagen, sie stirbt. Nicht heute, aber vielleicht morgen. Vielleicht aber auch erst nächste Woche. Ihre E-Mail kam nachts, sie schrieb gerne. Zu DDR-Zeiten war sie Fremdsprachenkorrespondentin. Sie konnte mit Worten. Doch ihre E-Mail war verwirrend. Satzzeichen fehlten. Worte fehlten. Es brauchte, bis ihr Text für mich einen Sinn ergab. Wieso schrieb sie mir noch einmal genau auf, was sie bei ihrer Beerdigung wünscht?

Dieses Video von Leonard Cohen „Dance Me to the End of Love”: Ein Paar wird gemeinsam alt, man sieht ihr Glück, aber am Ende bleibt einer allein. Das hatten wir doch alles schon? Vor Jahren haben wir zusammengesessen. Sie hat mich umsorgt mit Tee, wie sie jeden mit allem umsorgt. Die Kinder der Nachbarn, die Nachbarn selber – die in ihr mehr Oma und Mama sahen als in den eigenen Verwandten. Sie lebte Selbstlosigkeit bis zur Selbstaufgabe. Beim Tee wollte sie alles für den Tod ihres Mannes vorbereiten. Der Liebe ihres Lebens. Spät erst hatten die beiden sich kennengelernt. Dann wurde er krank, ein Pflegefall. Und sie? Sie gab ihren Beruf auf und pflegte ihren Partner.

Pflegen ist das falsche Wort. Umsorgen ist auch hier besser. Keine Schwere umgab die harte körperliche Arbeit, die ihr das abverlangte. Verzichtet hat sie auf nichts, denn das war normal für sie. Umsorgen. Ach ja, sie kümmere sich auch noch um ihre demente Mutter. Hat sie ganz vergessen zu erzählen. Mindestens einmal in der Woche ist sie bei ihr im Heim, gerne öfter. Das wäre ja auch nicht wichtig, weil sie es ja so gerne macht.

Bei diesem Treffen ging es um ihren Mann, ein bisschen auch um ihre Mutter. Was passiert denn mit den beiden, wenn ihr selbst etwas passieren würde, wollte sie wissen. Und außerdem: Wie sollen sie bestattet werden, nein, wichtiger noch, wer würde sich dann um beide kümmern? Ach, sie stirbt schon nicht vor den beiden. Er stirbt vor ihr. Alle kommen sie zusammen im Wald, an dem Baum, den sie schon gekauft hat. An den Baum sollen auch alle Freunde. Gemeinsam ist man weniger alleine. Große Worte sollten dann auf ihren Mann gehalten werden. Er war wichtig zu DDR-Zeiten.

Sie erzählte mir damals schon nebenbei, wie sie es sich bei sich wünscht, wenn sie stirbt. Aber das war ja noch lange hin. Sie war ja viel jünger als er ... Sein Tod war klar. Er kam. Sicherlich später als in jedem Heim, in welches sie ihn niemals geben wollte, aber er kam. Alle Freunde, auch jene, welche einmal mit unterm Baum bestattet werden sollen. Und sie?

Sie lebte noch einmal auf, fuhr endlich wieder weg, es waren ja noch viele Jahre, die sie hatte. Sie kümmerte sich intensiver um ihre Mutter, die kleinen Kinder der Mieter im Haus wurden noch mehr gepäppelt. Keiner durfte hungrig an ihrer Tür vorbei. Doch dann kamen sie, die Bauchschmerzen. Sie wurden doller. Und sie blieben. Zum Arzt ging sie erst viel zu spät, Freunde mussten sie dazu drängen. Vom Arzt ging es nur noch ins Krankenhaus, aber es war schon alles klar. Wie schnell sie entschied, dass nichts mehr gemacht werden soll.

Ach, ich höre auf zu reden und gehe zu ihr ins Zimmer. Da ist sie, leicht gelb, weil der Körper aufgibt. Wir schweigen, sie weint, ich auch. Aber ihre Geschichte, ihre Geschichte darf nicht vergessen werden. Und um ihre Mutter wird sich von den Freunden liebevoll gekümmert.