CanterburyDie Hand des Neandertalers war gut angepasst an die Nutzung von Werkzeugen, die wie ein Hammer gehalten werden. Dagegen gelang ihm der Präzisionsgriff, bei dem die Spitzen von Daumen und Zeigefinger gegeneinander gepresst werden, nicht so gut wie dem heutigen Menschen. Dies leitet eine Gruppe um Ameline Bardo von der University of Kent in Canterbury, Großbritannien, aus der Analyse von Handwurzel- und Mittelhandknochen des Daumens von Neandertalern und anderen Menschen ab. Die Studie ist im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht. 

In vielen Forschungsarbeiten seien die technologischen Fähigkeiten von Neandertalern mit denen der frühen modernen Menschen verglichen worden, schreiben die Forscher. Dabei habe ein besonderer Schwerpunkt auf subtilen Unterschieden in der Daumenform gelegen und auf der Frage, wie diese Formen Unterschiede im Manipulationsverhalten dieser beiden Arten widerspiegeln könnten. Um weitere Einblicke zu gewinnen, scannten Bardo und ihre Kollegen das große Vieleckbein - also den Handwurzelknochen am Daumen - und den Mittelhandknochen des Daumens von fünf Neandertalern und fünf frühen modernen Menschen (Homo sapiens) dreidimensional ein.

Gut für Griffe wie zum Fassen eines Hammers

Sie vermaßen die eingescannten Knochen sehr präzise und verglichen sie auch mit 50 entsprechenden Knochen von heutigen Menschen. Auf der Suche nach Ähnlichkeiten und Unterschieden analysierten die Wissenschaftler auftretende Formvarianten. Eines der Ergebnisse: Beim Neandertaler war der Daumen eher angelegt und nicht abgespreizt wie beim Präzisionsgriff.

Dabei gehen Unterschiede zwischen Neandertalern und modernen Menschen den Forschern zufolge nicht allein auf unterschiedliche Erbanlagen zurück, sondern auch auf den unterschiedlichen Gebrauch von Werkzeugen. Denn früheren Studien zufolge ist die Knochenbildung im großen Vieleckbein beim Menschen erst mit neun bis zehn Jahren abgeschlossen. Die vollständige Zusammenfügung des Daumen-Mittelhandknochens kann sogar bis zum 17. Lebensjahr andauern. Da weitere Studien den Gebrauch von Werkzeugen bei Neandertalern bereits im jugendlichen Alter nahelegen, sei denkbar, dass ihre Nutzung Knochenform und -stellung beeinflusst habe.

Trotz der festgestellten Unterschiede könnten einige Neandertalerknochen von der Form her auch zu heutigen Menschen passen, berichten die Forscher weiter. Denn die Daumenknochen heutiger Menschen weisen eine große Vielfalt von Varianten auf, von denen einige den Daumenknochen der Neandertaler und frühen modernen Menschen sehr ähnlich sind. Insgesamt waren die Unterschiede der Daumenknochen zwischen Neandertalern und heutigen Menschen aber statistisch so deutlich, dass die Forscher beim Neandertaler auf den überwiegenden Gebrauch eines Griffs wie beim Fassen eines Hammers schließen konnten. (dpa/fwt)