Berlin - Diese jungen Menschen sind wirklich ein Phänomen: Erst waschen sie den Umweltsündern tüchtig den Kopf, setzen sich für Nachhaltigkeit ein, dann engagieren sie sich für Diversity und Feminismus und gegen Rassismus und patriarchale Strukturen im Allgemeinen und sind dabei auch noch sprachsensibel. Und jetzt kommt heraus, dass sie künftig in der Mehrheit ihre Angehörigen zu Hause pflegen wollen. 

71 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer im Alter von 16 bis 39 Jahren würden Familienmitglieder pflegen, hat eine Allensbach-Studie im Auftrag der DAK-Krankenversicherung jüngst ergeben. Damit sind sie zwar nicht alleine. Schon jetzt werden drei Viertel der Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt. Neu ist aber, dass das Thema kein Tabu mehr ist. Und das ist das bahnbrechende Versprechen dieser Studie.

Denn genau das war bisher das Problem: Bis zu acht Millionen Angehörige pflegen in Deutschland ihre rund 4,5 Millionen kranken oder einfach alten Familienmitglieder – aber sie sprechen kaum darüber. Die bisher tabuisierten Themen Krankheit, Alter und Sterben werden sorgfältig in den Familien bewahrt, meist sind es Frauen, die es als ihre Pflicht und oft auch Bürde ansehen, ganz alleine und ohne Hilfe ihre Liebsten zu versorgen.

Wir müssen viel mehr über Pflege sprechen!

Die große Chance der jüngeren Generation besteht jetzt darin, diese Themen auch über Social Media aus der Versenkung ans Tageslicht zu holen – und öffentlich zu diskutieren. Dann werden all die von der Politik sorgfältig unter den Teppich gekehrten Probleme wie unbezahlte Care-Arbeit und damit vor allem weibliche Altersarmut, massive Unterfinanzierung der Pflege, die Pflegeversicherung als völlig unzureichende Teilkasko und politische Hilfen, die nicht greifen, endlich auf den Tisch kommen und nicht weiter verdrängt werden dürfen.

Wer heute jung und damit aufgewachsen ist, dass die Pflege in Heimen und Einrichtungen aufgrund des massiven Pflegenotstandes nicht mehr funktioniert, der wird Lösungen für zu Hause finden müssen, die besser sind als die Almosen-Politik, die pflegende Angehörige seit Jahrzehnten marginalisiert und Alte und Kranke damit an den unsichtbaren Rand der Gesellschaft drängt, vergessen und verloren.

Die jüngere Generation wird diese Politik des Verdrängens so nicht mehr zulassen. Das ist ihre große Chance – und ihre größte Aufgabe auch für ihr eigenes Alter in Würde.