Knallharter Geselle: Mistkäfer beobachtete Fabre öfter.
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Das erste Kapitel des ersten Buches beginnt mit einem Spaziergang. Nach wenigen Schritten schon ist er und ist die Handvoll Menschen, mit denen Jean-Henri Fabre (1823–1915) ihn unternimmt, vergessen. Der Erzähler hat auf den nächsten Seiten nur noch Augen für die Fülle der Lebewesen auf dem Boden und in der Luft, für ihr Gewimmel, für die Schwalben, die Mücken jagen, „die beim Lufttanz ihre Eier verstreuen“. Und wir, seine Leser, mit ihm. Das ist die Kunst des Jean-Henri Fabre.

Er sieht genau hin und wir lernen, es mit ihm zu tun. Wie sollten wir uns, so angestachelt, nicht für einen Fladen Scheiße interessieren? „Nie haben Abenteurer aus allen vier Enden der Welt mit solcher Leidenschaft auf einem kalifornischen Claim gearbeitet. Ehe die Sonne zu heiß brennt, sind sie da: Zu Hunderten, Große und Kleine, von jeder Art, Gestalt und Größe eilen sie herbei, um sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Einige arbeiten unter freiem Himmel und rechen den Boden, andere graben Stollen im dicksten Teil und suchen Leckerbissen; wieder andere wühlen in der untersten Schicht und vergraben ihren Schatz sofort darunter. Und die Kleinsten zerkrümeln Stückchen, die bei den Grabungen ihrer kräftigeren Genossen abfielen.

Einige, Neuankömmlinge und gewiss die Hungrigsten, fressen auf der Stelle; die meisten aber wollen Vorräte anlegen, in denen sie dann an sicherem Orte tagelang schwelgen können. Ein Misthäufchen, richtig frisch, findet man auf trockenen Ebenen, wo kein Thymian wächst, nicht nach Belieben. Eine solche Gabe ist wahrlich ein Glück, das nur den Lieblingen des Schicksals zuteil wird. Also werden die Reichtümer klüglich eingelagert.“

Ein Leser, der sich Zeit nimmt

Wer hier kein Feuer fängt, der kann sich die Lektüre der „Erinnerungen eines Insektenforschers“ sparen. Wem es gefällt, der wird womöglich süchtig nach Fabre. Ein gefährlicher, sich über viertausend Seiten erstreckender Rausch. Wer seinen Beruf ausüben will, muss auf Entzug. Das wird ihm schwerfallen. Wem es gelang, der wird sich Fabre vom Leibe halten wie ein „geheilter“ Alkoholiker die Flasche. Bei mir dauerte es Jahre, bis ich mich wieder an ihn herantraute.

Jean-Henri Fabre entfaltet einen unwiderstehlichen Sog. Mit ihm kann man die Segnungen der Langsamkeit entdecken. Fabre brauchte sehr viel Ruhe, um die wilde Unruhe zu seinen Füßen zu entdecken. Er musste lernen stehenzubleiben, den Fortschritt anzuhalten. Wie viel Ruhe aber brauchte er erst, um das Gesehene Stück für Stück zu beschreiben? Was ist das richtige Wort für die Farbe des Brustpanzers einer bestimmten Sorte von Mistkäfer? Wie heißt der Bursche korrekt? An wen erinnert er mich? Ist es überhaupt ein Er? All das findet der geduldige Beobachter heraus, stellt der noch geduldigere Erzähler dar: mal in kurzen, knapp sitzenden Sätzen, mal in ausschwingenden Perioden.

Fabre braucht allerdings auch einen Leser, der sich Zeit nimmt. Tut er das, dann ergreift ihn, der sich für nichts als ein Produkt der Zivilisation hält, dieser unvergleichliche Mistkäfer Fabre und rollt ihn so lange zurecht, bis er begreift, dass auch er und seine ganze Welt, wenn sie weiterbestehen wollen, begreifen müssen, dass auch sie Natur sind.

Jean-Henri Fabre: Ein unvergleichlicher Beobachter

Fabre lehrt uns Ruhe und Fürsorglichkeit. Es sind nicht die Tugenden, die die von ihm beobachtete Welt regieren. In ihr gibt es nichts als Hauen und Stechen, als Jäger und Gejagte, als den Krieg, den Wettkampf auf Leben und Tod. Aber: Um diese Welt der großen Tragödien zu erkennen, um sie gar exakt beschreiben zu können, braucht man Geduld. Sehen Sie sich oben diese von Semikola mehr verbundene als getrennte Satzfolge an. Sie schafft aus lauter kleinen Szenen ein einziges, großes, eindrückliches Gemälde.

Charles Darwin, der im Briefwechsel mit Fabre stand, nannte ihn einen „unvergleichlichen Beobachter“. Man darf die Spitze darin nicht übersehen. Das heißt nämlich auch, Fabre sehe nicht über das Detail hinaus. Fabre begegnete dem Evolutionsgedanken seines Briefpartners stets mit Skepsis. Selbst da, wo er sich ihm hätte aufdrängen müssen. So stellte er sich zum Beispiel die Frage, warum alle Arten der Gattung Grabwespen ihre Larven mit Geradflüglern nähren. Dabei sähen Letztere doch höchst unterschiedlich aus. Dass die Wespen am Speiseplan ihres gemeinsamen Vorfahren festhalten könnten – auf diese Idee kommt Fabre nicht. Nicht einmal, um sie dann wieder zu verwerfen.

Kurz danach kommt eine seiner großartigen Assoziationen: „Geradflügler sind die Wiederkäuer unter den Insekten. Dickleibig und von sanftem Wesen, langsam und daher leicht zu fangen und von einer Größe, die für ein Beutetier gerade richtig ist. Wer weiß denn, ob die Grabwespen, diese Erzräuber, die große Beutetiere brauchen, in diesen Wiederkäuern unter den Insekten nicht dasselbe finden wie wir in unseren domestizierten Wiederkäuern, in Schafen und Rindern, diesen friedlichen Opfern, die so reich an Fleisch sind?“ An einer anderen Stelle beschreibt Fabre die Grabwespenart Sphex. Diese gräbt erst eine Höhle, lähmt dann eine Grille mit ihrem Gift und schleppt sie hinein.

Wer Fabre gelesen hat, liest Homer mit anderen Augen

Nein, nicht ganz so: Bevor Sphex ihre Beute in die neue Behausung bringt, inspiziert sie dieselbe noch einmal. Verschiebt man die draußen abgelegte Grille um einen Zentimeter, rückt die aus der Höhle zurückkehrende Grabwespe sie wieder zurecht und inspiziert die Höhle dann noch einmal. Dieser Vorgang wiederholt sich jedes Mal, wenn die Lage des Beutetiers verändert wird. Eine Endlosschleife. Für Fabre ist das ein deutlicher Beleg für Instinktverhalten. Der amerikanische Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter prägte für diese, wie er es sah, Unfähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, den Begriff „sphex-ishness“. Vielleicht aber deuten Sphex die Verlagerung des Beutetiers ganz anders. Wittern – „vestigia terrent“ – Gefahr und kontrollieren lieber noch einmal die Lage.

Für Victor Hugo (1802–1885) war Fabre der „Homer der Insekten“. Das ist nicht einfach nur ein Lob. Es ist, liest man Fabres „Erinnerungen eines Insektenforschers“, eine präzise Beobachtung. Seine ausgiebigen Schilderungen der Angriffswaffen und der Panzerungen seiner Sechsfüßer lesen sich stellenweise tatsächlich wie eine Parodie auf Homers enthusiastische Beschreibungen des Schildes und des Schwerts, des „hochbuschigen Helms“ des göttlichen Achill. Wer Fabre gelesen hat, liest Homer mit anderen Augen.

Der Zusammenhang, in dem wir stehen

Jean-Henri Fabre ist einer der bedeutendsten französischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Es gibt niemanden, der wissenschaftlich so genau und gleichzeitig so schön schreibt wie er. Seine Schönheit ist nicht nur eine des Stils, eine Frage der Rhetorik. Man verzeihe mir das „nur“. Fabre schreibt über Parasiten der Fliegenmade, schwarzbäuchige Tarantel, Stierkotfresser und vegetarische Insekten und dazwischen immer wieder auch über sich. Irgendwann wächst der Verdacht im Leser, dass ihm wenig fehlt, um selbst ein Insekt zu sein. Franz Kafkas „Die Verwandlung“ erschien in Fabres Sterbejahr, 1915.

Einen „Homer der Insekten“ nannte ihn Victor Hugo: der Naturforscher Jean-Henri Fabre bei der Arbeit.
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Dieser Eindruck entsteht dadurch, dass Fabre die Insekten betrachtet, wie man auf Nachbarn schaut. Fabre lesend begreifen wir: Sie sind unsere Nachbarn, also sind wir die ihren. In seinem Nachwort zum abschließenden Band zehn der „Erinnerungen eines Insektenforschers“ zitiert der französische Schriftsteller Jean-Christophe Bailly Fabres Selbstbeschreibung seiner Arbeit: „Ihr schlitzt das Tier auf, ich studiere es lebend, ihr macht aus ihm ein Objekt des Abscheus und des Mitleids, ich mache es liebenswert; ihr arbeitet in einer Werkstatt, wo gefoltert und zerstückelt wird, ich beobachte unter blauem Himmel beim Gesang der Zikaden; ihr behandelt Zelle und Protoplasma mit Chemikalien. Ich studiere den Instinkt in seinen erhabensten Formen, ihr erforscht den Tod, ich erforsche das Leben.“ Diese Gegenüberstellung ist natürlich, darauf weist Bailly hin, schon von Fabre selbst nicht ganz wörtlich zu nehmen. Die Wahrheit ist ja auch, dass je tiefer man eindringt ins Leben, desto deutlicher der Zusammenhang wird, in dem wir alle stehen.

Katastrophe als Glück

Jean-Henri Fabre wächst bei seinen Großeltern auf einem Bauernhof auf. Später ständige Ortswechsel mit seinem ewig scheiternden Vater. Mit 14 verlässt Fabre die Schule. Er verkauft Zitronen auf dem Markt, verdingt sich beim Eisenbahnbau. Danach kehrt er mithilfe eines Stipendiums an die Schule zurück. Mit 19 ist er Volksschullehrer und besteigt zum ersten Mal den Mont Ventoux. Zwischen seinem 20. und seinem 30. Lebensjahr widmet Fabre sich der Mathematik. Eine poetische Frucht dieser Beschäftigung ist die 222 Verse umfassende Ode „Arithmos“ aus dem Jahre 1852.

Nach drei Jahren Korsika wird Fabre Physik- und Chemielehrer am „Lycée impérial d'Avignon“. Das bleibt er 18 Jahre lang. Daneben schreibt er eine Dissertation, arbeitet wissenschaftlich und als Erfinder. 1870 wird er öffentlich angegriffen, weil er jungen Mädchen beigebracht hatte, wie sich Blumen vermehren. Er verliert nicht nur Stellung und Pension. Auch seine Vermieterinnen kündigen ihm. Diese Katastrophe war sein und unser Glück.

Von der Kosmografie bis zur Haushaltslehre

Sein Freund John Stuart Mill (1806–1873), der die letzten Jahre seines Lebens in Avignon verbrachte, lieh Fabre 3000 Francs und dieser beginnt mit den „Erinnerungen eines Insektenforschers“. In den Folgejahren veröffentlicht er daneben sehr erfolgreich neunzig (!) Lehrbücher und populärwissenschaftliche Abhandlungen, von der Kosmografie bis zur Haushaltslehre. Das bringt ihm so viel ein, dass er sich ein schönes Anwesen acht Kilometer von Orange entfernt kaufen kann, das er „l’Harmas“ (provenzalisch für „unkultiviertes Stück Land“) nennt. Hier forscht und lebt er bis zu seinem Tode. Heute sind dort ein Fabre gewidmetes Museum und ein Garten. Ach so: Fabre war außerdem zweimal verheiratet und hatte zehn Kinder.

Jean-Henri Fabre: Erinnerungen eines Insektenforschers aus dem Französischen von Friedrich Koch und Ulrich Kunzmann, Matthes & Seitz, Berlin 2010-2020. Zehn Bände, zwischen 335 und 446 Seiten, pro Band 36,90 Euro.