Nächtliche Visite: Florence Nightingale brachte Licht ins pflegerische Dunkel um 1850.
Foto: Imago Images

BerlinIhr Vorname ist kein Zufall und zugleich ein Verweis auf ihre vornehme Herkunft: Als Florence Nightingale am 12. Mai 1820 geboren wurde, befanden sich ihre Eltern gerade auf ausgedehnter Europareise. Ihre zweite Tochter kam in einer Villa in Florenz zur Welt – also sollte das Mädchen Florence heißen. Ein halbes Jahr später kehrte die Familie nach Großbritannien zurück. Die Kinder wuchsen mit ihrem hochgebildeten Vater als Hauslehrer auf – in wohlhabenden Verhältnissen, aber auch mit dem Glauben an eine moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Die Nightingales organisierten und finanzierten die medizinische Versorgung der Dorfbewohner rund um ihren in der englischen Grafschaft Derbyshire gelegenen Familiensitz Lea Hurst.

Florence Nightingale begleitete ihre Mutter schon in jungen Jahren bei Krankenbesuchen. Armut und Leid blieben ihr nicht verborgen. Der Grundstein für ihren Lebensweg, er wurde in Lea Hurst gelegt. Als sie 16 war, suchte eine schwere Grippewelle den Süden Englands heim und Nightingale kümmerte sich um die Kranken. Gleichzeitig sei sie Krankenschwester, Gouvernante, Hilfspfarrerin und Ärztin gewesen, schrieb sie an ihre Schwester. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Gott sprach zu mir und rief mich in seinen Dienst.“ Doch ihre Eltern waren ob der neuen Interessen ihrer Tochter gar nicht begeistert – die hübsche, gebildete junge Frau sollte doch eher Mutter und Ehefrau werden, anstatt in der Krankenpflege zu arbeiten. Schließlich war der Beruf nicht gut angesehen, oft übten ihn ehemalige Dienstboten oder Witwen aus, die keine andere Anstellung fanden.

Man muss dazu wissen, dass in Großbritannien zu dieser Zeit in der Regel noch zu Hause gepflegt wurde. Krankenhäuser waren Wohlfahrtseinrichtungen und kein Ort für Menschen, die an Tuberkulose, Pocken oder Krebs erkrankt waren. Die allgemeine Gesundheitsfürsorge in Kliniken – sie entwickelte sich erst im Zuge der Industrialisierung.

Eine Fotografie von Florence Nightingale aus dem Jahr 1856.
Foto: Imago Images

Nightingale, die bei ihren Eltern viele Jahre lang kein Gehör für ihren Berufswunsch fand, beklagte sich über ihr sinnentleertes Leben. Die Eltern schickten sie auf Reisen nach Italien, Griechenland, Frankreich, Ägypten. Doch immer wieder unterbrach die Tochter das vorgesehene Programm, um Krankenhäuser zu besichtigen. In Deutschland schließlich durfte sie in der Kaiserswerther Diakonie hospitieren. In Briefen zeigte sie sich beeindruckt von den Vorlesungen, die für die Schwestern gehalten wurden, bemängelte aber auch die mangelnde Sauberkeit. In Kaiserswerth lernte Nightingale endlich, wie man Wunden versorgt und Medikamente herstellt, sie begleitete Sterbende und assistierte bei Operationen. Die Eltern hatten schließlich in die Ausbildung eingewilligt, weil sie um das Leben ihrer depressiven Tochter fürchteten.

Von nun an ging alles sehr schnell: 1853 nahm Nightingale das Angebot an, in London ein Pflegeheim zu leiten. Mit dem 27-Betten-Haus erarbeitete sich die Krankenschwester, die so lange um ihren Beruf hatte kämpfen müssen, in kurzer Zeit einen exzellenten Ruf. Als Großbritannien im Sommer 1854 an der Seite Frankreichs und des Osmanischen Reiches in den Krimkrieg gegen Russland eintrat, schlug schließlich Florence Nightingales große Stunde.

Der Politiker Sidney Herbert, den sie auf ihren Reisen kennengelernt hatte und der inzwischen Staatssekretär im Kriegsministerium war, schickte sie und 38 von ihr angeleitete Frauen ins Scutari-Militärhospital am Bosporus. Die dortigen Zustände müssen die damals 34-Jährige schwer erschüttert haben: Tausende Patienten lagen in ihren eigenen Exkrementen, überall huschten Ratten und Mäuse herum, der Trinkwasserbrunnen war durch einen Pferdekadaver verseucht.

Zeitgenössische Darstellung: Florence Nightingale (mit Patientenliste) inspiziert einen Saal des Scutari-Hospitals in Istanbul.
Foto: Imago Images

Durch Berichte der Times war die britische Öffentlichkeit zu Hause im Bilde. Und entsetzt: Wieso konnten die französischen Truppen eine Versorgung ihrer Verwundeten gewährleisten, während die eigene Armee das nicht schaffte? Dank einer Spendenaktion der Zeitung konnte Nightingale vor Ort investieren. Sie kaufte Hemden und Trinkbecher, baute eine funktionierende Wäscherei auf. Bevor sie allerdings für Ordnung sorgen konnte, musste sie sich erst einmal gegen die Ärzte durchsetzen. Die trugen ihre blutverschmierten Kittel wie Tapferkeitsabzeichen. Sie zu waschen, war verpönt. Außerdem meinten die Mediziner, Frauen aus der Heimat hätten in einem Militärkrankenhaus nichts zu suchen.

Als immer mehr Soldaten versorgt werden mussten, wurde Nightingale zur Chef-Organisatorin des Krankenhausbetriebes: Sie stellte die Schwestern unter Aufsicht von Nonnen, entließ etliche Pflegerinnen wegen Trunkenheit, Inkompetenz oder Ungehorsam. Bei den Schwestern dürfte ihr strenges Regime nicht für Begeisterung gesorgt haben.

Dass es innerhalb von nur vier Monaten ein funktionsfähiges Krankenhaus im Scutari-Militärlager gab, war ihr Verdienst. Und nicht nur das: Nightingale schrieb Beileidsbriefe an die Hinterbliebenen verstorbener Soldaten – eine menschliche, aber ganz und gar nicht selbstverständliche Geste für jemanden in ihrer Funktion. Immerhin war sie die Leiterin aller britischen Schwestern vor Ort.

Aus dieser Zeit stammt auch die ikonische Darstellung Nightingales, wie sie des Nachts mit einer Lampe in der Hand ihre Patienten auf den Stationen besucht. Dieses Bild wurde zur Metapher und zum Mythos: ein Ideal christlicher Weiblichkeit. Nightingale wurde zu jemandem, den man heute als Star bezeichnen würde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war in Großbritannien nur Königin Victoria bekannter als Florence Nightingale. Der Rummel in der Heimat war Nightingale, die während des Krieges wohl an der Infektionskrankheit Brucellose erkrankt war, gar nicht recht: Sie verließ Scutari unter falschem Namen, um den Reportern zu entgehen. Die ersten Jahre nach ihrer Heimkehr lebte sie in London zurückgezogen und krank.

Ihre Bekanntheit aber nutzte sie, um Druck auf Politiker auszuüben und Gesundheitsreformen voranzutreiben. 1856 folgte sie einer Einladung von Königin Victoria, die im Anschluss bemerkte, sie hätte eine „kalte, steife und reservierte Person“ erwartet und sei von Nightingales verbindlichem, damenhaftem Auftreten angenehm überrascht gewesen.

Nightingale verfasste einen Regierungsbericht, der gravierende Probleme bei der militärischen Gesundheitsfürsorge offenlegte. Ihre Analysen führten zu tiefgreifenden Reformen: Regeln für Lazarette wurden überarbeitet, Ausbildungsstätten für Militärärzte gegründet. Jede Kaserne und jedes Militärkrankenhaus wurde auf hygienische Bedingungen hin untersucht und im Zweifelsfall umgebaut. Die Maßnahmen zeigten Erfolg: Bereits in den 1860er-Jahren ging die Mortalitätsrate unter britischen Soldaten deutlich zurück.

Florence Nightingale vertrat zeitlebens einen ganzheitlichen Ansatz und legte Wert auf Hygiene und Desinfektion. Auch darin war sie ihrer Zeit voraus: Sie mag von den Erregern und Übertragungswegen diverser Krankheiten nicht viel gewusst haben, doch sie verstand, dass mehr ihrer Patienten an Infektionen starben als an den Verletzungen aus dem Krieg.

Das Erbe Florence Nightingales reicht bis in die Gegenwart: Am 27. April wurde das Nightingale Hospital in Bristol eröffnet.
Foto: AFP/Ben Birchall

In der 1860 eröffneten Nightingale School of Nursing am Londoner St. Thomas Hospital lag der Schwerpunkt der Ausbildung denn auch auf Sauberkeit, richtiger Lüftung und angemessener Ernährung. Nightingale kümmerte sich persönlich um die Schülerinnen, von denen etliche Pflegeleiterinnen in großen Krankenhäusern wurden und dort wiederum Ausbildungsprogramme vorantrieben – eine Art Schneeballeffekt, der sich positiv auf das ganze Land auswirkte.

Zum Ausgang des Jahrhunderts war Florence Nightingale weitgehend ans Bett gefesselt, sie litt unter Sehstörungen und Gedächtnisverlust. Aber sie versuchte, bis zu ihrem Tod im Jahr 1910 zu arbeiten und ihre Ideen voranzutreiben. Heute sind zahlreiche Hospitäler nach ihr benannt. Ihr Geburtstag am 12. Mai wurde zum Tag der Pflegenden erklärt – um die Bedeutung der professionellen Pflege zu würdigen.

Gerade heute, in Zeiten der Corona-Pandemie, wo Pflegekräften applaudiert und ihre Bedeutung betont wird, gleichzeitig aber oft konkrete Unterstützung fehlt, sollte die Erinnerung an sie wacher sein denn je.