Stockholm - Zumindest genetisch ist bei den letzten Sumatra-Nashörnern der Welt alles weitgehend in Ordnung. Untersuchungen zeigen, dass das Erbgut der vom Aussterben bedrohten Tiere erstaunlich variantenreich ist und bislang keine Anzeichen etwa von Inzucht trägt. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin Nature Communications. Die Analyse ergab auch, dass es aus genetischer Sicht möglich ist, den sehr seltenen Nashörnern mit Methoden der künstlichen Befruchtung zu Nachwuchs zu verhelfen und die Populationen so zu stabilisieren.

Sumatra-Nashörner (Dicerorhinus sumatrensis) waren in Südostasien einst weitverbreitet. Jagd auf die Tiere und die Zerstörung ihrer Lebensräume haben den Bestand auf heute schätzungsweise weniger als 100 Tiere schrumpfen lassen. Sie leben in kleinen, isolierten Populationen in den tropischen Regenwäldern Sumatras und Borneos, eine dritte Gruppe auf der Malaiischen Halbinsel ist sehr wahrscheinlich kürzlich ausgestorben, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Dieses Schicksal droht auch den verbleibenden Populationen – von der Weltnaturschutzunion IUCN ist das Sumatra-Nashorn als vom Aussterben bedroht eingestuft.

Genetische Verarmung mindert die Fitness

Wenn Populationen stark schrumpfen, führt das häufig dazu, dass sich auch verwandte Tiere miteinander paaren. Die Inzucht kann zur Folge haben, dass sich das Erbgut der Tiere immer stärker angleicht oder sich schädliche Veränderungen im Erbgut ansammeln. So eine genetische Verarmung vermindert die Fitness der Populationen, Umweltveränderungen oder das Auftreten von Krankheitserregern können dann zum Beispiel in der Population nicht mehr gut abgefedert werden.

Um herauszufinden, ob eine solche Entwicklung bei den verbleibenden Sumatra-Nashorn-Populationen festzustellen ist, analysierten die Wissenschaftler um Johanna von Seth vom Centre for Palaeogenetics im schwedischen Stockholm unter anderem in Blut- und Gewebeproben das Erbgut von insgesamt 21 Tieren – 16 repräsentierten die heute noch lebenden Populationen auf Sumatra und Borneo, beziehungsweise die kürzlich verschwundene Population der malaiischen Halbinsel. Fünf der untersuchten Exemplare stammten aus Museums-Beständen und sind mehr als 100 Jahre alt.

„Zu unserer Überraschung fanden wir ein recht geringes Inzucht-Level und eine hohe genetische Diversität bei den heutigen Populationen auf Borneo und Sumatra“, erläutert Seth. Vermutlich liege das daran, dass die Populationen erst vor vergleichsweise kurzer Zeit so stark geschrumpft sind. Allerdings fanden die Forscher bereits einen recht hohen Anteil potenziell schädlicher Mutationen im Genom der Tiere. „Wenn die Populationen nicht größer werden, besteht ein hohes Risiko, dass die Inzuchtrate steigt und damit genetische Krankheiten häufiger werden“, sagt Nicolas Dussex, einer der beteiligten Wissenschaftler.

Noch ist die genetische Vielfalt zu retten

Genau diese Entwicklung stellten die Forscher bei der Population auf der malaiischen Halbinsel fest: Kurz vor deren Verschwinden sei das Inzucht-Level in der Population angestiegen, ergab ein Vergleich mit den historischen Proben. „Das Sumatra-Nashorn ist noch lange nicht über den Berg. Aber zumindest zeigen unsere Erkenntnisse einen Weg nach vorne, auf dem wir vielleicht noch einen großen Teil der genetischen Vielfalt der Art retten können“, sagt Studienleiter Love Dalén.

Für den Erhalt der genetischen Vielfalt könne man Tiere von einer Population in die andere umsetzen oder auch Weibchen künstlich mit ausgewähltem Sperma befruchten, schreiben die Wissenschaftler. Die Gefahr, möglicherweise Gene in eine Population einzubringen, die nicht an den lokalen Lebensraum angepasst sind, sehen die Forscher nicht. Sie fanden nur wenige Hinweise auf bedeutende lokale Anpassungen bei den einzelnen Populationen.

Nächste Verwandte des Wollnashorns

Das Sumatra-Nashorn ist die kleinste der fünf existierenden Nashorn-Arten der Welt. Es ist der nächste Verwandte des ausgestorbenen Wollnashorns aus der Eiszeit. Anders als bei anderen Arten ist der Körper der Tiere behaart. Sie tragen zwei Hörner und verfügen über ein großes Repertoire an Lautäußerungen, wie Quietschen, Summen und Schnauben.

Um die Tiere zu retten, haben sich Umweltschützer in der Sumatra-Nashorn Allianz zusammengeschlossen. Dazu gehören die indonesische Regierung, der WWF, die Weltnaturschutzunion IUCN, National Geographic, die Internationale Rhino Foundation und Global Wildlife Conservation. Die Allianz will Zuchtstationen auf Borneo und Sumatra aus- und aufbauen und fortpflanzungsfähige Tiere aus der Wildnis dorthin umsiedeln. (dpa/fwt)