Alles öko, alles cool: Grün ist längst zur Wohlfühlfarbe für besser verdienende Großstadtmenschen geworden.
Foto: imago images/Westend61

BerlinEs hört nicht gar mehr auf: Fleischkrise, Coronakrise, Klimakrise, Flüchtlingskrise Wir tun zumeist so, als hätten diese Krisen nichts miteinander zu tun, als sei ihre Häufung ein blöder Zufall. Kathrin Hartmann widerspricht dieser These und sieht darin vielmehr das Symptom einer ganz anderen, größeren Krise, nämlich die zerstörerischen Folgen unseres Wirtschaftens. Zusammenhänge zu sehen, bedeutet für Hartmann zum Beispiel, die Klimakrise als Frage der globalen Gerechtigkeit zu betrachten. In ihrem Buch „Grüner wird’s nicht“ beschreibt sie, wie Umweltschutz und Bio-Essen zur Sache von Privilegierten wird. Im Interview erklärt sie, was wir ändern müssen, warum ethischer Konsum nur wenig bringt und was wir aus der Coronakrise lernen können.

Frau Hartmann, mit dem Titel Ihres neuen Buches „Grüner wird’s nicht“ legen Sie nahe, dass der ökologische Umbau unserer Gesellschaft eigentlich abgeschlossen ist. Ernsthaft?

Kathrin Hartmann: Ganz im Gegenteil. Wir haben noch gar nicht richtig angefangen! Aber es gibt in Gesellschaft und Politik ein großes Gefälle zwischen grüner Rhetorik und Handeln. Das zeigen die Corona-Rettungsprogramme: Zwar heißt es, man behalte den Klimaschutz im Auge, doch dann wird die Lufthansa mit Milliarden und ohne Klimaschutzauflagen gerettet. Einerseits gibt es ein wachsendes Umweltbewusstsein, andererseits steigt die Zahl der Flugzeug- und Kreuzfahrtpassagiere ebenso wie der Absatz klimaschädlicher Riesenautos.

Sie meinen also, der grüne Lifestyle hat schon wieder ausgedient, kaum dass er sich zumindest in Teilen der Gesellschaft durchsetzen konnte.

Es herrscht kein Mangel an grünen Lifestyle-Produkten für das gute Gewissen: von der Haarseife zu sieben Euro im Unverpackt-Laden bis zum Bambus-Fahrrad für mehrere Tausend Euro. Solche Angebote richten sich an den dicken Geldbeutel. Aber wenn Besserverdienende zur moralischen Distinktion solche Sachen kaufen, ist damit wenig gewonnen. Wenn diese „guten“ Konsumenten auf die „bösen“, meist armen zeigen, vertieft das die gesellschaftliche Spaltung. Studien belegen, dass Besserverdienende zwar ein hohes Umweltbewusstsein haben, aber auch einen besonders großen ökologischen Fußabdruck.

Blessing
Die Autorin und ihr Buch


Kathrin Hartmann wurde 1972 in Ulm geboren. Sie studierte in Frankfurt am Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Nach einem Volontariat bei der Frankfurter Rundschau war sie dort Redakteurin für Nachrichten und Politik. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Redakteurin beim Jugendmagazin Neon. 2009 erschien „Das Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“. 2012 erzeugte ihr Buch über die neue Armut – „Wir müssen leider draußen bleiben“ – großes Aufsehen. Ihr Buch „Die grüne Lüge“ (2018) wurde von Werner Boote verfilmt.

Kathrin Hartmann: „Grüner wird’s nicht. Warum wir mit der ökologischen Krise völlig falsch umgehen“. Blessing-Verlag, München 2020. 173 Seiten, 14 Euro.

Wir könnten uns also anstrengen, wie wir wollen, und nur noch im Bio-Laden einkaufen: Es ändert sich nichts?

Wir sollten nicht fragen: Was soll ich kaufen? Sondern: Warum ist es legal, dass Produkte, für die Menschenrechte verletzt und Natur zerstört wird, in den Regalen stehen? Wir gehen völlig falsch mit der ökologischen Krise um, wenn wir das individuelle pragmatische Handeln in den Mittelpunkt stellen. Stattdessen sollten wir politische und Machtfragen stellen. Also: Wer profitiert von den Verhältnissen, wie sie sind?

Es gibt doch eine moralische Verpflichtung, den nachfolgenden Generationen eine bessere Welt zu hinterlassen …

Ich sehe das weder als Generationen- noch als moralische Frage. Es geht um globale Gerechtigkeit. Die Folgen der ökologischen und der sozialen Krise sind kein Zukunftsszenario, sondern schon heute da – vor allem in den Ländern des Südens, aber auch hier. Also müssen wir grundsätzlicher darüber nachdenken, wie wir das System umbauen: Wie gehen gerechter Handel und eine demokratische Wirtschaft? Wie können wir anders arbeiten, konsumieren und produzieren? Wie überwinden wir die Kluft zwischen Arm und Reich? Und: Mit wem kämpfen wir dafür und mit wem nicht?

Sie trauen den Regierungen, auch und gerade demokratischen Regierungen, den ökologischen Wandel zum Besseren nicht zu?

Unser System beruht auf der Ausbeutung von Menschen und Natur. Das hat die Coronakrise deutlich gezeigt, aktuell in den deutschen Fleischfabriken. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung soll aber nun genau die Wirtschaft, wie wir sie kennen, retten - samt den Schäden, die sie ständig produziert. Die Autoindustrie konnte wieder ihre Interessen durchsetzen, das Lieferkettengesetz, das deutsche Unternehmen zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet, wurde vom Tisch gefegt, weil es die Wirtschaft „belastet“. Gerade ging ein neues Steinkohlekraftwerk ans Netz. Die Industrie hat so viel Einfluss, dass sie ihre Privilegien ordnungspolitisch durchsetzen kann. Deswegen kommt gerechte strukturelle Veränderung nie von oben, sondern immer von unten.

Beweist die Popularität solcher Akteure wie der Klimaaktivistin Greta Thunberg nicht, dass es in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die Dringlichkeit des ökologischen Umbaus gibt?

Klar. Das Bewusstsein ist da, und ich glaube sogar, dass es gesellschaftliche Mehrheiten für solche Dinge wie eine Landwirtschafts- und Verkehrswende gäbe. Das ist auch ein Verdienst der Klimagerechtigkeitsbewegung, die mächtig Druck macht. Was fehlt, ist aber ein Bewusstsein dafür, dass die ökologische und die soziale Krise zusammenhängen und im System begründet sind.

Dieser Zusammenhang wird doch von verschieden politischen Akteuren bearbeitet. Es gibt hier keine leichten Lösungen.

Da würde ich widersprechen: In Deutschland wird Klimaschutz ständig gegen Arbeitsplätze ausgespielt. Union und vor allem die SPD haben so den Kohleausstieg lange vereitelt. Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel behauptet etwa, die SPD habe sich zu viel um Umweltschutz denn um Arbeitsplätze gekümmert. Aber an manifester Armut und Arbeitslosigkeit in Deutschland sind die Agenda 2010 schuld und die Privatisierungen. Die Bahn-Privatisierung hat 350.000 sinnhafte, ökologische und sichere Arbeitsplätze vernichtet.

Wir können doch für die Ökologie nicht die Freiheit opfern. Die Grünen haben das selbst erfahren müssen, in ihren Anfängen haben Leute wie Rudolf Bahro die Ökodiktatur gepriesen.

Ökodiktatur ist ein Kampfbegriff derer, die ihre Privilegien nicht verlieren wollen. Diese individuelle und konsumistische Freiheit geht auf Kosten der Freiheit der meisten Menschen – und auf die unser aller Lebensgrundlagen. Bahro aber ist wegen seiner esoterischen, teils ins rechte und völkische tendierenden Öko-Ideologie zu Recht umstritten.

In der Tat wird das Thema Ökologie auch von der Rechten bearbeitet. Wer von Natur spricht, ist nicht weit weg von Heimat und Scholle, Blut und Boden …

Ökofaschismus ist eine reale Gefahr. Kürzlich wollte die AfD in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung wissen, wie viel Schadstoffe die Seenotrettung verursacht. Zwar leugnen Rechte den Klimawandel, doch gleichzeitig nutzen sie Umwelt- und Klimaschutz als Abschottungsargument gegen Geflüchtete. Da heißt es: Wenn Menschen aus afrikanischen Ländern hierherkommen, hätten sie einen größeren ökologischen Fußabdruck. Das kann auch im Mainstream verfangen. Die rassistische Ideologie der „Überbevölkerung“ wird auch von manchen Wissenschaftlern, Naturschützerinnen und den Gründern der Extinction-Rebellion-Bewegung als Ursache für die Zerstörung des Planeten vorgetragen.

Sie zeichnen ein düsteres Bild: Wie können wir denn Ihrer Meinung nach den Planeten retten?

Düster ist der Status quo, vor allem, weil er als alternativlos dargestellt wird. Dem müssen wir eine positive Utopie des guten Lebens für alle gegenüberstellen. Darum geht es doch! Zwei Beispiele: Eine Landwirtschaft, die nicht von den Interessen der Agrarindustrie und der Supermärkte bestimmt ist, sondern demokratisch und ökologisch, würde nicht nur Biodiversität und Klima schützen, sondern allen Menschen ermöglichen, sich gut zu ernähren – nicht nur denen mit dickem Geldbeutel. Eine Verkehrswende mit viel Platz für Fahrräder und Fußgänger, einem gut ausgebauten und günstigen ÖPNV ermöglicht es allen, sich frei zu bewegen. Städte wie Kopenhagen und Mailand machen es vor. Dafür können, ja müssen wir kämpfen. Und ist das nicht die viel attraktivere Freiheit als von SUVs vollgestopfte Städte und Schnitzel aus der Hölle?