Essen/Hamburg/MarburgGlauben versetzt Berge, heißt ein alter Spruch. Auf die wundersame Kraft der Einbildung setzten in früheren Zeiten auch Schamanen. Wer sich ihnen anvertraute, erhoffte die Heilung seiner Beschwerden durch Beschwörung. Als Placebo, lateinisch „ich werde gefallen“, bezeichnet die moderne Medizin das Phänomen, wenn beispielsweise pure Zuckerpillen, die einer Tablette täuschend ähnlich sehen, beim Patienten den gleichen heilsamen Effekt bewirken wie ein echtes Arzneimittel. Diesen Placeboeffekt wollen Wissenschaftler an medizinischen Zentren in Essen, Hamburg und Marburg in den kommenden vier Jahren gründlicher erforschen. Dafür hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) einen neuen Sonderforschungsbereich eingerichtet.

Dass suggestive Kräfte wirklich messbare biochemische Wirkungen im Organismus entfalten, hat der Medizinpsychologe Manfred Schedlowski in mehreren wissenschaftlichen Studien schon vor Jahren nachgewiesen. Mit einem Trunk aus grüner Erdbeer-Lavendel-Milch gelang es ihm, die körpereigene Abwehr bei nierentransplantierten Patienten ähnlich gut zu dämpfen wie mit dem immununterdrückenden Medikament Ciclosporin A. Das erhalten Patienten, die mit einem körperfremden Organ leben, um eine Abstoßungsreaktion zu verhindern. Den Nachweis führte Schedlowski, inzwischen Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen, in mehreren Schritten.

Milch ohne Wirkstoff beeinflusst das Immunsystem wie ein Medikament

Zunächst ließ er gesunde Probanden das Placebo-Getränk trinken und dann das immununterdrückende Medikament einnehmen. So lernt der Organismus, die Wirkung des Medikaments mit dem unverwechselbar schmeckenden Getränk zu verbinden. Danach bekamen die Probanden nur noch das Getränk. Der erstaunliche Effekt: Die Wirkung auf das Immunsystem blieb zunächst erhalten, es wird unterdrückt, ganz ohne das Medikament. „Die Milch ohne Wirkstoff kann nach der Konditionierung die Körperabwehr ähnlich gut dämpfen wie der Trunk mit dem Immunsuppressivum“, sagt der Essener Professor Manfred Schedlowski.

Allerdings wird der Placeboeffekt mit der Zeit schwächer. Auf das Medikament kann nicht verzichtet werden. Doch die Idee des Forschers war, den Placeboeffekt zu nutzen, um mögliche gefährliche Nebenwirkungen durch das Medikament zu reduzieren. Er und sein Team zeigten, dass dies durch eine Kombination möglich ist. Um die Immunkonditionierung aufrechtzuerhalten, bekamen die Probanden mit dem Placebotrunk weiter geringe Mengen des echten Medikaments. Es reichten schon zehn Prozent der ursprünglichen Dosis aus, um die volle Wirkung zu entfalten. Mehr noch. In einer 2018 veröffentlichten Studie haben die Forscher gezeigt, dass die bei gesunden Probanden erprobte Methode auch bei Patienten wirkt, die eine fremde Niere erhalten haben.

Inzwischen kennen Forscher viele Systeme im Organismus, die auf Placebos ansprechen, wie beispielsweise Hormone, der Bewegungsapparat und die Verdauung. Was steckt hinter dem Placeboeffekt und wie lässt er sich gezielt für eine bessere Wirksamkeit medizinischer Behandlungen und eine Reduzierung von unerwünschten Nebenwirkungen nutzen? Das wollen Wissenschaftler nun genau wissen. Deshalb widmet die Deutsche Forschungsgemeinschaft dem Phänomen einen neuen Sonderforschungsbereich namens „Treatment Expectation“ (Behandlungserwartung), an dem Wissenschaftler aus Essen, Hamburg und Marburg gemeinsam forschen.

Die Erwartung spielt bei der Behandlung eine wichtige Rolle

„Wir wissen bereits: Die Erwartungen der Patienten haben einen starken Einfluss auf die Wirksamkeit einer Therapie und damit auch wesentlich auf den Verlauf einer Erkrankung“, sagt Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg. Positive Erwartungen lassen sich durch Informationen gezielt erzeugen, etwa wenn der Arzt über die heilende Wirkung eines Medikaments oder einer Therapie aufklärt.

Es muss aber noch eine weitere Komponente hinzukommen, nämlich Lernen oder Konditionieren. So hat beispielsweise ein Schmerzpatient durch Erfahrung gelernt, dass seine Beschwerden durch Wirkstoffe gelindert werden, die in dem von ihm eingenommenen Mittel enthalten sind. Beide Komponenten – Konditionierung und Erwartung – sorgen für eine von Vertrauen und Zuversicht geprägte Einstellung zur Therapie und lösen damit bei den meisten Menschen einen Placeboeffekt aus, erläutert Rief.

Können wir uns durch positive Gedanken selbst heilen? „Der Placeboeffekt beruht auf einem biologischen Vorgang“, betont Ulrike Bingel, Professorin für Klinische Neurowissenschaften an der Universität Duisburg-Essen und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs. Was dabei passiert, zeigt ein Blick ins Gehirn von Probanden während eines Experiments mit einem Placebo.

Dafür tragen die Forscher auf einem Handrücken der Versuchsteilnehmer eine angeblich stark schmerzlindernde Salbe auf. Tatsächlich handelt es sich aber um ein Placebo. Dann setzen sie mit einem Laser Schmerzreize an beiden Handrücken. Die Probanden sollen angeben, ob der Schmerzreiz auf der eingecremten Hand geringer ist oder nicht. Während des Experiments nehmen die Forscher mittels eines Kernspintomografen Schnittbilder vom Gehirn auf.

Sie erkannten: Drei Hirnregionen sind besonders aktiv. „Von diesen drei Hirnarealen wissen wir, dass sie an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind, unter anderem an der körpereigenen Schmerzhemmung durch Endorphine. Das sind morphiumartige Substanzen, die der Körper selbst produziert. Auch morphiumhaltige Medikamente entfalten ihre schmerzlindernde Wirkung zu einem großen Teil über diese Hirnregionen“, erläutert Christian Büchel, Professor für systemische Neurowissenschaften und Institutsdirektor an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. „Wir vermuten deshalb, dass Placebo-Schmerzmittel eine Endorphin-Ausschüttung auslösen. Die Endorphine hemmen dann in den drei von uns identifizierten Hirnregionen die Schmerzwahrnehmung.“

Der Placeboeffekt ist mehr als nur positives Denken

Zudem scheinen diese Areale auch für das konditionierte Lernen eine Rolle zu spielen. „Wenn man weiß, dass man gleich Schmerzen haben wird, diese Schmerzen aber bereits kennt, tut es weniger weh, als wenn die Schmerzen zum ersten Mal auftreten. Der Körper hat aus den Schmerzen gelernt und schüttet rechtzeitig Endorphine aus. An diesem Lernvorgang sind die drei Hirnregionen ebenfalls beteiligt“, sagt Büchel.

Wie der menschliche Organismus Selbstheilungskräfte mobilisiert, wird also in Umrissen bereits erkennbar. Die Forscher wollen aber nicht nur die zugrundeliegenden Mechanismen, sondern auch individuelle Unterschiede verstehen, denn der Placeboeffekt wirkt nicht bei jedem und nicht im gleichen Maße. Damit werden auch die Grenzen seines Einsatzes für die Therapie deutlicher. „Hierzu sind sehr große Datenmengen notwendig“, sagt Ulrike Bingel. Damit wollen die Forscher in den kommenden Jahren eine ausreichende Studienbasis schaffen. Am Ende, so ihre Hoffnung, lassen sich Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapien gezielt und individuell optimieren.

Noch einen Schritt weiter gegangen ist Ted Kaptchuk, Professor für Medizin an der Harvard Medical School in Boston/USA. Er wollte wissen: Funktioniert der Placeboeffekt, auch wenn die Probanden wissen, dass sie ein wirkungsloses Scheinmittel gegen ihre Beschwerden erhalten haben? Für die Studie, deren Ergebnisse der Forscher 2010 veröffentlicht hat, wählte er Patienten mit Reizdarm-Syndrom aus und teilte sie in zwei Gruppen. Die eine Hälfte erhielt kein Medikament, die andere bekam ein Placebo und zwar ausdrücklich wissentlich.

„Wir machten den Probanden nicht nur absolut klar, dass wir ihnen Pillen ohne aktive Inhaltsstoffe verabreichten. Diese befanden sich zudem in einer Verpackung mit der Aufschrift Placebo“, sagt Kaptchuk. Nach drei Wochen der Beobachtung und regelmäßigen Befragung der Probanden stand das Ergebnis der Studie fest: In der Placebogruppe berichteten doppelt so viele Teilnehmer über eine Verbesserung der Beschwerden wie in der unbehandelten Gruppe. Zudem stimmte das Ergebnis aus der Placebogruppe fast genau mit den Erfolgsraten von Studien mit echten Wirkstoffen überein. Kaptchuk urteilt: „Das deutet darauf hin, dass der Placeboeffekt mehr ist als nur positives Denken.“