Berlin - Nun wird wieder davon die Rede sein, wie überlastet das Pflegepersonal sei, wie arm dran die Beschäftigten in Heimen und der Pflege insgesamt. Nach dem Prozessauftakt zu den Morden im Oberlinhaus am Dienstag war bereits in Medienberichten davon zu lesen, und es wird so weitergehen. Weil das die einfachste Erklärung ist – und doch die dürftigste. Auch die mutmaßliche Täterin bedient sich in Teilen dieser Erzählung. 

Schon gleich nach der – man muss es wohl so formulieren – Abschlachtung ihrer Schutzbedürftigen wurde der inzwischen 52-jährigen Pflegehelferin Ines Andrea R. öffentlich attestiert, die Zustände in der Pflege seien so unmenschlich, dass wohl Überlastung zu diesen grausamen Taten geführt haben müsse. Nun, wenn man danach geht, müssten auch Ärzte im unterbesetzten Schichtdienst, Verkäuferinnen im Weihnachtsgeschäft, Polizistinnen in Brennpunkten oder Journalisten, die ebenfalls regelmäßig in die Rankings der weltweit stressigsten Jobs aufgenommen werden, öfter mal komplett ausflippen. Würde man bei diesen Berufsgruppen aber deshalb Verständnis für Morde entwickeln? Wohl kaum.

Nur in der Pflege gibt es dieses Phänomen, dass viele Menschen allzu gern bereit sind, aufgrund des eklatanten Pflegenotstandes Beschäftigten gröbste Fehler nachzusehen – im Falle des Oberlinhauses sogar bis hin zum Mord. Das ist kein Einzelfall. Schon der sogenannte Rettungs-Rambo Niels Högel konnte deshalb so lange in Kliniken morden, weil seine Kollegen wegsahen und die Klinikleitung ihn trotz ausreichenden Verdachts in die Nachbarklinik weglobte, anstatt ihn anzuzeigen und wegsperren zu lassen, um weiteren Schaden von Patienten abzuwenden.

Überhaupt, die Bewohner. Behindertenverbände mussten nach der Tat darauf aufmerksam machen, dass solche verzweifelten Erklärungsversuche nicht nur nichts taugen, sondern welche Beleidigung es ist für Menschen, die auf die Pflege anderer angewiesen sind, wenn davon die Rede ist, es könne das Motiv der „Erlösung“ im Raum gestanden haben. Traurig, dass man diese Verhältnisse immer wieder geraderücken muss. Lucille H., Martina W., Christian S. und Andreas K. starben in dem diakonischen Wohnheim für Menschen mit Behinderung nicht aufgrund des Pflegenotstandes. Sondern weil eine psychisch kranke Frau, die sie offenbar gar nicht hätte pflegen dürfen, ausgerastet ist. Alles weitere wird nun hoffentlich der Prozess ans Licht bringen.