"We did it, Mom" Nyaboth und Nyadiet kur nach ihrer Geburt.
Sabine Kroh

JubaHier im Krankenhaus am Ende der Welt im Südsudan werde ich an meine eigene Geburt erinnert. Damals gab es keine technische Herztonüberwachung des Babys und keinen Ultraschall. Meine Mentorin, die Hebamme Rosi, erzählte mir die detaillierte Geschichte meiner eigenen Geburt, die sie als junge Hebamme betreute.

Meine Mutter, die selbst Ärztin war, kam drei Wochen vor dem Termin ins Klinikum mit einem Blasensprung. Der jungen Hebamme Rosi fiel schnell auf, dass etwas nicht stimmte, und sie holte den Oberarzt hinzu. Ein Röntgenbild sollte bestätigen, was Rosis Hände und meiner Mutter Bauchgefühl ahnten: Es waren Zwillinge, denn zwei Wirbelsäulen glänzten auf dem Röntgenbild. Kurze Zeit später kamen

meine Schwester und ich gesund zur Welt, denn Hebamme Rosi konnte noch die alten Handwerksgriffe der Geburtshilfe und drehte mich als zweiten Zwilling aus einer Querlage, sodass ich mit dem Po voran geboren werden konnte.

Im Krankenhaus in Afrika ist nun ebenfalls eine Frau, die Zwillinge erwartet. Zwillinge sind nichts Ungewöhnliches hier und gehören zum Alltag, denn die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft mit Zwillingen steigt mit dem Alter der Frau und je mehr Kinder sie schon geboren hat. Meine Kolleginnen hier sind versiert in den Handgriffen und ich Gott sei Dank auch, denn sie waren ein Bestandteil meiner Ausbildung.

Wir holen unser kleines tragbares Ultraschallgerät, um sicher zu sein, wie die zwei Mädels im Bauch ihrer Mutter liegen. Das erste Baby liegt brav mit dem Kopf nach unten, vor dem Kopf liegt die Nabelschnur. Das zweite Mädchen liegt quer über ihrer Schwester und hat es sich bequem gemacht. Bei uns Hebammen gehen die roten Lichter an, denn diese Geburt bringt einige Risiken. Ein Kaiserschnitt ist keine Alternative, denn die Folgen der Operationsnarbe können für eine Frau schlimmere Auswirkungen für die nächsten Geburten haben, als die Operation an sich. Oft verweigern die Frauen und Familien auch die Zustimmung zu einem Kaiserschnitt, denn der Glaube an eine normale Geburt ist tief verwurzelt in der Kultur hier und dass sowieso Gott die Geschicke lenkt.

Ich bin etwas aufgeregt, denn lange schon konnte ich keine Geburt von Zwillingen mehr erleben, und für mich als Zwilling ist das immer besonders. Wir sitzen neben der Frau und warten. Warten und Geduld haben ist einer der wichtigsten Regeln der Hebammenarbeit. Der junge Alexander, der hier unser Küken ist, übernimmt die Leitung der Geburt. Ihm ist die Aufregung der zu erwartenden Geburt anzumerken. Wir fachsimplen über das Vorgehen, und sein frisch erlerntes Wissen aus der Schule hat er parat.

Er erläutert mir, warum hier die Zwillinge immer den gleichen Namen haben, denn es ist eine Tradition, die Geschwister danach zu benennen, wann sie geboren sind. Der erstgeborene Junge heißt immer Both, sein danach geborener Bruder heißt Madiet. Das zuerst geborene Mädchen wird Nyaboth heißen und die bequem darüber liegende Schwester Nyadiet. Es kommt wie wir es gedacht haben, und nachdem die Fruchtblase gesprungen ist, sehen wir zuerst eine Nabelschnur. Jetzt heißt es ruhig bleiben und den jungen Alexander nicht spüren lassen, dass auch ich aufgeregt bin.

Nyaboth wird nur ein paar Minuten später geboren und empfängt uns mit einem lauten Schreien. Nyadiet lässt sich mit ein paar Handgriffen so drehen, dass sie mit dem Po voran geboren wird. Alexander lacht, klatscht mich ab und ruft: „We did it, Mam!“   Stunden später sitzen ich auf dem Wasserspeicher und genieße den sternenklaren Nachthimmel, denn an Schlafen ist nicht zu denken. Eine weitere Frau mit Zwillingen ist gerade im Kreißsaal angekommen. Die Namen der Babys kenne ich ja schon.