Blick ins Grün: Fast jeder Deutsche findet inzwischen, dass mit der Natur nicht sorglos umgegangen werden darf. 
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

BerlinEiner Sache ist sich Umweltministerin Svenja Schulze sicher, und die steht nicht in der Studie, die sie am Freitag vorstellte: „In der Krise spüren wir, wie wichtig das Naturerleben ist.“ In der Krise: also jetzt. Viele Menschen ziehe es seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in die Natur, sagte sie. Svenja Schulze hat die Naturbewusstseins-Studie, die sie präsentierte, damit quasi nach Gefühl aktualisiert. Die Studie, die alle zwei Jahre feststellt, wie es um das Verhältnis der Deutschen zur Natur steht, hat diesmal nämlich einen Schönheitsfehler: Die Daten wurden im vergangenen Jahr erhoben – also in einer anderen Zeit.

Interessant wäre es, belegen zu können, wie sich das Erleben der Pandemie auf das Naturverhältnis ausgewirkt hat. Ob die Menschen im Lockdown gemerkt haben, was für ein effizienter Stresslöser ein Waldspaziergang sein kann. Ob das erzwungene Innehalten dazu geführt hat, unsere Lebensweise in Nicht-Krisenzeiten zu hinterfragen. Und ob das Wissen sich niederschlägt, dass das neue Coronavirus auch die Konsequenz eines falschen Umgangs des Menschen mit der Natur ist.

Svenja Schulze wirkte jedenfalls zuversichtlich, dass die Ergebnisse der Naturbewusstseins-Studie 2019 in der kommenden Zeit noch besser werden könnten. Ganz allgemein zeige sich, „dass die Wertschätzung für die Natur gestiegen ist“: 93 Prozent der Menschen finden, dass Naturschutz wichtig ist, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen, ebenso viele finden Schutzgebiete wichtig, 91 Prozent ärgern sich, dass oft so sorglos mit der Natur umgegangen wird.

Das könnte ein Hinweis sein auf den grundsätzlichen Widerspruch im Mensch-Natur-Verhältnis, denn für den beanstandeten sorglosen Umgang sind sicher nicht allein die verbleibenden neun Prozent verantwortlich: Zwischen dem proklamierten Naturbezug und der eigenen Ökobilanz klafft eine Lücke, vor allem bei Angehörigen gehobener Milieus, die ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein für sich beanspruchen.

Dass die „Fridays for Future“-Demonstranten 2019 die Gesellschaft wachgerüttelt haben, zeigt eine Zahl wie diese: 75 Prozent der Menschen finden, dass die Energiewende nötig ist, um dem Klimawandel zu begegnen. In der Frage nach der Umsetzung ist aber Skepsis spürbar: 58 Prozent finden Solaranlagen auf Gebäuden gut und nur 23 Prozent Windenergieanlagen auf dem Land. Akzeptieren würden diese aber 47 Prozent.

Naturräume wollen die Menschen für die Energiewende weniger genutzt sehen als künstliche, deutet die Studie – aber was ist eigentlich diese Natur, die die Menschen schützen wollen? Die Autoren räumen ein, dass der Begriff schwer zu fassen ist. Gefragt, was Natur für sie ist, nannten viele Studienteilnehmer Landschaften: Wälder, Wiesen, Berge. Da kommt der Verdacht auf, dass die gemeinte Natur vor allem eine ist, die schön aussieht und dem Menschen wohltut – wie der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, dessen Leiter Peter Südbeck auf dem Podium von großem Zulauf in der Corona-Zeit erzählte. Wie aber steht es um die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass die Natur ein Wert an sich ist und nicht dafür da, den Menschen zu erfreuen? Dass sie manchmal sogar etwas ist, das ausgehalten werden muss, in Form von Wespen, die ums Saftglas taumeln, oder Wölfen, die mitunter Schafe reißen? Weil der Mensch eben auch nur ein Teil dieser Natur ist. Und dringend aufhören muss, sich über sie zu stellen.