Verbraucherschutz ist ein wichtiges Thema. Unsere Lebensmittel sollen unbelastet sein, Eier nicht mit Dioxin verseucht, Obst und Gemüse nicht durch Schadstoffe belastet. Wird doch etwas entdeckt, geraten konventionelle Landwirte schnell in Verruf. Doch sind wir Verbraucher mit unserem Konsumverhalten nicht selbst Schuld? Der Meinung ist jedenfalls ein Landwirt aus dem Rheinland. 

Bauer Willi hat auf dem erst im Januar 2015 gegründeten Landwirtschaftsportal „Frag den Landwirt“ vor einigen Tagen einen offenen Brief geschrieben, der im Netz bereits für viel Wirbel gesorgt hat. Das Portal betreiben 150 Landwirte aus ganz Deutschland, die in einer geschlossenen Facebook-Gruppe organisiert sind und sich Verbraucherfragen stellen wollen. 

Mehr als 200.000 Mal aufgerufen

Dass ein Beitrag direkt so weite Kreise zieht, haben die Bauern wohl kaum erwartet. Mehr als 400 Kommentare stehen mittlerweile unter dem Artikel, mehr als 200.000 Mal wurde er mittlerweile aufgerufen. Zeitweise haben die Betreiber den Beitrag sogar offline genommen. Weil er aber vielen Berufskollegen aus der Seele spreche, habe man sich entschlossen, den Artikel wieder einzustellen, heißt es jetzt einleitend. Einen Blick in die Seele vieler Landwirte gewährt Bauer Willi zweifelsohne, wenn er schreibt: 

„Die Schnauze voll“

 „Heute habe ich dermaßen die Schnauze voll. Habe heute Morgen die Abrechnung meines Nachbarn von Pommes-Kartoffeln außerhalb des Vertrages gesehen: 1 LKW = 25 t = 250 €. Für die, die nicht rechnen können: das ist 1 Cent pro Kilogramm! Und was 1 Kilo Tiefkühl-Pommes kostet, wisst ihr ja. Irgendeiner macht sich da gewaltig die Taschen voll.“ Gleichzeitig habe er gelesen, dass die Hersteller von Dünger die Preise deutlich angehoben haben. Konsequenz, ihm werden in diesem Jahr wohl 25 Prozent Gewinn fehlen. „Wenn‘s reicht! Aber mir reicht‘s! Drum habe ich mich entschlossen, dir, dem Verbraucher diesen Brief zu schreiben:“ 

„Du willst doch nur eines: billig“

 „Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig“, schreibt Bauer Willi. „Und dann auch noch Ansprüche stellen! Deine Lebensmittel soll genfrei, glutenfrei, lactosefrei, cholesterinfrei, kalorienarm (oder doch besser kalorienfrei?) sein, möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch.“ Aber stinken solle das Gemüse auch nicht und es soll natürlich top aussehen ohne Flecken. Mit kleinen Macken lasse der Verbraucher es liegen.

„Keine Ahnung“

Wir, die Verbraucher, hätten keine Ahnung, schreibt der Landwirt. Uns sei nicht bewusst, dass Landwirte von ihrer Hände Arbeit leben müssten, sie zwar Anspruch auf Urlaub hätten, aber selten welchen machen, dass sie Kinder haben, die auch ein Smartphone haben wollen. „Wie sollen wir das den leisten, wenn wir unsere Produkte verramschen (müssen)?“

„Klar kann ich auf Bio umstellen, aber da bekomme ich genau das an Mehrerlös, was ich an Minderertrag habe.“ Wären uns Verbrauchern Lebensmittel etwas wert, würden wir nicht so viel wegschmeißen, erklärt Bauer Willi weiter. „Mindesthaltbarkeitsdatum bei Haferflocken: Was soll der Schwachsinn? Leute, das ist gequetschtes Getreide. In den ägyptischen Pharaonengräbern hat man Getreidekörner gefunden, die waren 3000 Jahre alt.“

 „Wer kauft denn im Januar die Weintrauben aus Chile?“

Und auch bei den Forderungen, Obst und Gemüse sollten doch bitte regional sein, attestiert der Landwirt uns Verbrauchern Scheinheiligkeit: „Du sagst, du würdest regional einkaufen? Stimmt doch nicht! Wer kauft denn jetzt, im Januar (!) die Weintrauben aus Chile, den Spargel aus Südafrika, die Mangos aus Brasilien und Äpfel aus China? Du doch!“ Dafür blieben die Möhren aus der Region liegen und kaum jemand kenne noch Wirsing und Weißkohl.

Bauer Willi findet klare Worte und er ist verbittert. Doch das ist nicht unverständlich. Auch Landwirte seien keine Heiligen. Dennoch liege es in ihrem eigenen Interesse, nachhaltig zu wirtschaften. Schließlich könnten sie nicht, wenn alles abgegrast ist, weiterziehen wie die Heuschrecken und ihre Produktionsstätten nach Asien verlagern. Mit seinem Brief hat der Landwirt viel bewegt. In den Kommentaren diskutieren Landwirte mit Verbrauchern.

Und auch Bauer Willi bleibt nach seinem Pamphlet nicht stumm. Er reagiert mit dem Folgebeitrag:  „Lieber Verbraucher - was ich verstanden habe.“ Dort beschreibt er noch einmal ausführlich, was jeder Einzelne tun kann. Er könne sich informieren, unverfälschte Produkte kaufen, selber kochen, beim Bauern vor Ort oder im Urlaub nachfragen, was er macht, wie er es macht und warum er es macht.