SansibarTansania entschied früh, dass das Land Covid-19 frei sei, öffnete seine Grenzen und erntete für den Alleingang eine Rüge der Afrikanischen Union. Trotzdem: Die Touristen bleiben fern.

Tourismus ist ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor in dem Land und die Abschottung stürzt Familien in Armut, weil sie ihre Jobs und somit Einkommen verlieren. Finanzielle Reserven haben die meisten hier nicht. Auch staatliche Rettungsfallschirme gibt es keine.

Besonders hart trifft es das Inselparadies Sansibar, das völlig abhängig von den Urlaubern ist. Die Strände sind leer, Hotels haben geschlossen. Viele Einwohner fangen an, wieder als Fischer zu arbeiten. Aber wem sollen sie den Fisch verkaufen? Im Wasser stehen die Seaweed Women von Paje, in ihren farbenfrohen Kangas und Kitenge ernten sie das Seegras, das sie bei Ebbe weit draußen anbauen und pflegen. An dünnen Fäden binden sie das Seegras aneinander. Die Friemelei ist harte Arbeit, kniend im Wasser oder mit nach vorn gebeugtem Rücken in der brennenden Sonne. Für den Urlauber ist das ein prächtiges Fotomotiv mit weißen Stränden und türkisblauem Wasser. Die Geschichten der Frauen im Wasser kennt kaum jemand.

Für viele Frauen an der Ostküste ist der Anbau von Seetang eine wichtige Einnahmequelle. Von der Pflanzung bis zur Ernte vergehen nur zwei Monate. Da die Frauen ausschließlich bei Ebbe arbeiten, kann das zu jeder Tageszeit sein – wann eben gerade Ebbe ist. Je weiter draußen und je tiefer sie pflanzen, desto höher ist der Ertrag. Sobald der Seetang reif ist, wird er gepflückt und in großen Körben an Land gebracht. Danach werden die salatgrünen Pflanzen getrocknet und in Bündeln verpackt für den Abtransport fertig gemacht. Was auf den ersten Blick nach einer guten Einnahmequelle für die Frauen aussieht, ist oftmals ein Verlustgeschäft. Es mangelt an Infrastruktur, zum Beispiel Stromleitungen, an Maschinen und Know-how.

Seetangpulver wird bei uns zum Anreichern von Kuchen, Säften, Salaten und Suppen verwendet oder als Fleischersatz in veganen Produkten. Frisches Seegras ist eine Delikatesse, eine kleine Leckerei, die Vitamin- und Mineralstoffbombe zugleich ist. Und in der Kosmetikproduktion landet es oft in sündhaft teuren Hautcremes und Seifen.

Das Seaweed Center in Paje vereint dreizehn Seaweed-Frauen in einer Kooperative, die das Seegras in der hauseigenen Produktionsstätte verarbeitet. Er wird hier zur Herstellung von Körperpflegeprodukten verwendet, die vor Ort verkauft und an Hotels auf Sansibar geliefert werden. Die Frauen hier berichten von ihrer größten Sorge zurzeit: Durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen sind Transport- und Lieferungswege blockiert, der Verkauf des getrockneten Seegrases stockt und die Preise sinken. Überall fehlen die kaufwilligen Touristen, und die Hotels geben keine Bestellungen mehr ab.

Vor Covid-19 hätten sie keine Angst, sagen sie lächelnd: „Wir werden damit leben müssen, nicht?“ Ich treffe Fatma von den Seegras-Frauen am Strand. Ihr Bauch ist rund, sie ist schwanger. Wir kommen ins Gespräch: Nein, sie erntet nicht mehr den ganzen Tag im Wasser stehend. Ihr zweites Kind soll bald geboren werden. Das macht ihr Angst, denn sie muss mindestens zwei Stunden in die nächste Klinik fahren. Für die Geburt im Krankenhaus muss sie 50 Euro zahlen, das durchschnittliche Einkommen in Sansibar beträgt etwa 200 Euro im Monat. Fatma wird sich bald auf den Weg zu Freunden machen, die in der Nähe der Klink wohnen und bei denen sie bis zur Geburt bleiben kann. 

Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate hat den Frauen hier ein Krankenhaus gespendet. Er will damit Leben retten und einen sicheren Ort für Geburten schaffen. Eröffnet ist das Krankenhaus jedoch noch nicht, denn die Abschottung der Herstellerländer durch Corona hat verhindert, dass viele Geräte rechtzeitig geliefert werden und Spezialisten zum Training des Personals anreisen konnten. Fatma hatte gehofft, dort ihr Kind bekommen zu können, wie viele andere Frauen auch.