DDR 1982: Umzug am Maifeiertag im thüringischen Straußfurt.
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BerlinEine Mauer durchzog rund drei Jahrzehnte lang Deutschland. Zwei Staaten mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Systemen, Wertekanon und Lebensarten entstanden. Welchen Unterschied macht das in der Seele der beiden Bevölkerungsgruppen  - damals und heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung? Veränderte der Sozialismus das Wesen der DDR-Bewohner? Inwiefern beeinflusste die Parteidiktatur ihr Wohlbefinden? Forscher versuchen seit Jahren die Psyche der Ostdeutschen zu vermessen, ebenso wie neue Projekte, die das Bundesforschungsministerium finanziert.

Seit der Wiedervereinigung gab es immer wieder Befunde, die eine Mauer in den Köpfen erkennen lassen – und dann wieder solche, die diese nicht finden. So meinten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler der Universitäten Marburg und Bielefeld sowie der Europäischen Zentralbank vor wenigen Jahren deutliche Abweichungen in den Persönlichkeiten der beiden Bevölkerungsgruppen aus Ost und West gefunden zu haben. Ehemalige DDR-Bürger waren den Befunden zufolge gewissenhafter als ihre westdeutschen Nachbarn. Aber es mangelte ihnen auch eher an Offenheit für Neues, sie waren ängstlicher. Letztere beiden Eigenschaften gelten als jene, die das Wohlbefinden eher trüben und zu einer geringeren Lebenszufriedenheit führen können.

Eine Analyse unter Leitung der Humboldt-Universität Berlin bekräftigt diese These. Die Forscher entnahmen den Daten von rund 4200 Deutschen, dass jene aus dem Westteil des Bundesgebiets eine größere Lebenszufriedenheit aufweisen als die aus dem Ostteil. Aber: Die Unterschiede nahmen mit jedem Jahr, das die Wiedervereinigung weiter zurücklag, ab.

Höherer Alkoholkonsum

Andere Forscher haben konkret die psychische Gesundheit von Bürgern aus Ost und West im Blick. Der Epidemiologische Suchtsurvey aus dem Jahr 2019 mit Angaben von mehr als 67.000 Teilnehmern zum Beispiel offenbarte, dass seit 1995 die Zahl der Raucher im Westen des Landes stetig zurückging, während sie im Ostteil anfangs ebenfalls sank, aber seit einigen Jahren stagniert. Auch der Alkoholkonsum ging in beiden Regionen stetig zurück, lag im Osten aber immer etwas höher.

Das Robert-Koch-Institut hat 2019 auf Grundlage mehrerer repräsentativer Erhebungen aus den vergangenen Jahrzehnten zur psychischen Gesundheit in Deutschland einen Vergleich beider Regionen angestellt. Demnach waren Frauen und Männer aus den neuen Bundesländern häufiger als jene aus den alten aufgrund von psychischen Problemen in stationärer Behandlung. Allerdings: Die Gesamtzahlen der Erkrankten unterschieden sich zwischen den Landesteilen nur wenig.

Klar wird, dass auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nichts klar ist. Da sind Erhebungen, die deutliche Unterschiede zeigen. Und es gibt solche, die diese schmelzen sehen. Und wieder andere, in denen es kaum welche gibt. Neue Großprojekte, die vom Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft gefördert werden, sollen nun mehr Licht ins noch immer Dunkle bringen. Sie sollen mehr über das Leben und die Menschen in der DDR in Erfahrung bringen. Dafür werden die Forscher ganz gezielt die ehemaligen Bürger der DDR befragen und ihre Geschichten anhören, aber auch in alten Archiven stöbern.

Forschungsverbünde zur DDR-Geschichte mit psychosozialem Fokus

Das Projekt „DDR-Psych“ untersucht unter Leitung der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz die psychische Gesundheit im Kontext der DDR-Vergangenheit. Es geht dabei um Risiko- und Schutzfaktoren.

Im Rahmen von „SiSaP“ erforscht das Universitätsklinikum Jena mit dem Institut für Psychosoziale Medizin die Seelenarbeit im Sozialismus konkret die ambivalente Rolle von Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Gesundheitssystem der DDR.

Ein Team unter der Leitung der Universität Kiel untersucht im Projekt „DisHist“ das Leben von Menschen mit Behinderung in der DDR.

„Es schien lange so, als gebe es keine Unterschiede mehr zwischen den beiden Regionen“, sagt Elmar Brähler, emeritierter Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Doch schaut man sich die Wahlen der vergangenen Monate an, sind die Differenzen nicht zu übersehen.“ Brähler untersucht seit 2019 gemeinsam mit einem Team von mehreren Universitäten und Wissenschaftsinstituten die psychische Gesundheit der Menschen aus den neuen Bundesländern.

Schon jetzt gibt es einen ersten Befund aus seinem Großprojekt mit dem Namen „DDR-Psych“. Die Wanderungsbewegung von Ost nach West kurz nach dem Fall der Mauer hat demnach deutliche Spuren hinterlassen. Die sogenannten Binnenmigranten wiesen in der Studie mehr psychische Beschwerden wie etwa Angst- oder depressive Symptome auf als Menschen, die nicht wegzogen.

„Wie es um die Gesundheit der Deutschen steht, ist also auch von ihren Migrationserfahrungen innerhalb Deutschlands abhängig“, so Brähler. Er geht sogar davon aus, dass viele Ost-West-Unterschiede gar nicht unbedingt durch die zwei Systeme entstanden sind, sondern Folge der Entwicklungen nach der Wende sind - wie etwa die Binnenmigration.

Aus der Sächsischen Längsschnittstudie, einer seit Jahrzehnten laufenden Untersuchung im Freistaat, die Brähler mitbetreut, weiß er: Jeder fünfte Deutsche fühlt sich als Verlierer der Wiedervereinigung. „Nach der Wende gab es auch viele Enttäuschungen und Verletzungen für die Menschen im Osten“, betont er. Oft seien Personen mit dem System gleichgesetzt und abgewertet worden.

Tiefes Misstrauen

Sie entwickelten das Gefühl, ihr Wirken und Sein tauge nichts, ihre Lebensleistung werde negiert. „Nicht wenige, die in der DDR eine solide oder leitende Position im Job innehatten, erlebten nach der Wende gar einen drastischen Abstieg“, bemerkt Brähler. Damals und teilweise noch heute gebe es ein Gefälle zwischen den Gehältern in gleichen Berufen. Dies entfalte seine Wirkung.

„Dass wir unter den Menschen aus Gebieten der ehemaligen DDR viele mit psychischen Belastungen finden können, ist zu vermuten“, so auch Bernhard Strauß, Professor am Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Jena. Denn Menschen, die Opfer des Systems, verfolgt oder inhaftiert wurden, hätten sehr wahrscheinlich seelische Spuren davontragen.

Die heutigen Entwicklungen in Ostdeutschland könnten auch damit zusammenhängen: „Wer in der DDR zum Opfer der SED und seiner Institutionen wurde, versuchte meist auch das staatliche Gesundheits- und Hilfesystem zu meiden. Diese Menschen haben oft heute noch Probleme, sich jemandem anzuvertrauen, entwickelten ein tiefes Misstrauen – in andere Menschen und den Staat“, erklärt Strauß. Das könne zu Verbitterung führen, wie es bei manchen Menschen in den neuen Bundesländern zu verspüren sei.

Psychologieprofessor Strauß wird sich in einem eigenen Großprojekt namens „Seelenarbeit im Sozialismus“ der Rolle der Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Gesundheitssystem der DDR widmen. „Dass die Psychologie als Wissenschaft dem Staat von Nutzen war, wissen wir seit die Verhörmethoden der Stasi erforscht und offenbart wurden.“ Methoden der Repression entspringen psychologischer Forschung. Psychiatrien waren verrufen als Orte, wohin unliebsame Bürger aussortiert wurden. Mit Blick in alte Archive und Akten aus Kliniken und Praxen sowie Interviews mit Augenzeugen möchte Strauß mehr Licht in dieses Kapitel der Geschichte bringen. Ziel sei es aber, nicht allein auf Mängel oder Schäden zu fokussieren.

Das Leben bestmöglich gelebt

„Wir sollten auch Errungenschaften würdigen, die die DDR hervorbrachte“, ergänzt der Psychologe. So sei das System der Poliklinik nach der Wende verlacht worden, heute aber wieder beliebt. Auch habe es in der DDR schon einen Facharzt für Psychotherapie gegeben, der zunächst in Vergessenheit geriet und nun erst vor einigen Jahren als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie auflebt. „Womöglich ist Psychotherapie in das politische System eingebunden gewesen und hat Patienten nicht zu Emanzipation verholfen, wie es üblich wäre. Vielleicht war sie aber auch der Motor für das, was zum Ende der DDR führte“, sagt Strauß. Das gelte es herauszufinden.

„Wir schauen als Forscher nicht auf eine deformierte Generation, sondern auf Menschen, die einen starken Überlebenswillen gezeigt haben, die trotz der widrigen Umstände zurechtkamen und ihr Leben bestmöglich lebten. Diese Menschen haben also viele Ressourcen und einiges an psychischer Widerstandskraft“, betont auch Elmar Brähler.

Dass es 30 Jahre brauchte, um solche Sichtweisen zu ermöglichen und Projekte dieser Art anzustoßen, mag verwundern. „Manche Themen brauchen aber ihre Zeit, bis sie mit ausreichend Distanz betrachtet werden können. So ist das oft in der Geschichtsforschung“, sagt er. Dreißig Jahre seien eine gute Zeitspanne, jetzt könne man einige Themen wirklich objektiv betrachten.