Der Segelfalter ist ein dekorativer Neuling in Brandenburg. Er hat seine Nahrungsgewohnheiten angepasst und ernährt sich dort vor allem von der Traubenkirsche.
Foto: Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut

BerlinBei einem Casting der beliebtesten Insekten dürften die Tagfalter die Rüssel ziemlich weit vorn haben. Entsprechend oft bekommt Martin Wiemers vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut (SDEI) in Müncheberg besorgte Anfragen von Menschen, die buntes Geflatter vor ihrer Haustür vermissen. Gibt es heutzutage also tatsächlich weniger Schmetterlinge als früher? „Wir beobachten da je nach Art unterschiedliche Trends“, erklärt der Insektenexperte. Während viele Arten bedroht sind, behaupten sich andere recht gut. Und ein paar haben sich in letzter Zeit sogar verblüffend rasch ausgebreitet.

Solche Entwicklungen zeigt der gerade erschienene „Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands“, zu dem zahlreiche Schmetterlingsenthusiasten aus ganz Deutschland ihr Wissen und ihre Beobachtungen beigesteuert haben. So finden sich darin nicht nur Porträts über die rund 200 heimischen Arten dieser Insekten, für jede gibt es auch eine detaillierte Verbreitungskarte. Die Autoren haben Deutschland dafür in ein Raster von zehn mal zehn Kilometer großen Quadraten unterteilt und für jedes ermittelt, ob der jeweilige Falter dort bis zum Jahr 1900, in verschiedenen Phasen des 20. Jahrhunderts oder nach 2001 beobachtet worden ist.

„So etwas Ähnliches hat es in der DDR schon mal gegeben und auch in einigen Regionen Westdeutschlands“, erklärt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, der an dem Projekt intensiv mitgearbeitet hat. „Nun haben wir aber zum ersten Mal einen Überblick über ganz Deutschland.“ Das sei eine wichtige Basis für den Schutz der populären Insekten. Denn nur so könne man erkennen, wo welche Arten überhaupt vorkommen und wo sie vielleicht im Laufe der Jahre verschwunden sind. Und es lässt sich auf einen Blick ausmachen, wo die letzten Hochburgen von besonders bedrohten Raritäten liegen. „Diese Regionen haben eine besondere Verantwortung für die Erhaltung der jeweiligen Arten“, betont Josef Settele.

Auch für Berlin und Brandenburg lassen sich aus dem Atlas interessante Trends ablesen. „Einige sehr bekannte Arten sind hier nach wie vor weit verbreitet“, sagt Martin Wiemers, der ebenfalls am Atlas mitgearbeitet hat. Der Zitronenfalter zum Beispiel. Dieser mit einer Lebenserwartung von mehr als einem Jahr besonders langlebige Schmetterling ist eigentlich ein Waldbewohner, dessen Raupen gern an den Blättern von Faulbaum oder Kreuzdorn fressen. Die erwachsenen Falter aber nutzen die verschiedensten Blüten und kommen auch gern in Städte, um Nektar zu tanken. Wenn zwischen ihren Restaurants und ihren Kinderstuben etliche Kilometer liegen, stört sie das nicht.

Der Zitronenfalter ist in Berlin und Brandenburg immer noch verbreitet, inzwischen kommt der Waldbewohner sogar in Städte.
Foto: Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut

„Solche mobilen und wenig anspruchsvollen Arten haben die wenigsten Probleme“, erklärt Martin Wiemers. So kann auch das Tagpfauenauge leicht ein paar Kilometer weit fliegen, um einen günstigen Lebensraum zu finden. Und da seine Raupen eine Vorliebe für Brennnesseln haben, ist auch die Suche nach geeigneten Kinderstuben keine wirkliche Herausforderung.

Das gleiche gilt auch für den Distelfalter, dessen Nachwuchs an Disteln, Malven oder Brennnesseln knabbert und dem in Sachen Mobilität ohnehin kein anderer heimischer Falter etwas vormacht. Im Frühjahr wandert er in mehreren Generationen vom Mittelmeer nach Deutschland, im Spätsommer steht der Rückweg auf dem Programm. Allerdings weht der Wind in Bodennähe zu dieser Jahreszeit oft aus Süden. Um nicht dagegen ankämpfen zu müssen, sind die Tiere dann in großen Höhen von einigen Hundert Metern unterwegs.

Sich die kräftezehrende Reise ganz zu sparen, ist für den frostempfindlichen Distelfalter trotz des Klimawandels allerdings noch keine Option. Der Admiral dagegen nutzt die steigenden Temperaturen, um zunehmend auch in Deutschland zu überwintern. Und dem Kleinen Fuchs wird es im Flachland mancherorts sogar schon zu warm, sodass seine Bestände leicht zurückgehen. Doch auch für ihn droht derzeit noch keine unmittelbare Gefahr.

„Wer diese immer noch häufigen Arten in seinem Garten vermisst, sollte sich mal über dessen Gestaltung Gedanken machen“, findet Martin Wiemers. Mit Kiesflächen und Koniferen könne schließlich auch der robusteste Falter wenig anfangen. Blütenreiche und leicht verwilderte Gärten, in denen auch mal ein paar Brennnesseln an sonnigen Stellen wachsen dürfen, werden dagegen von etlichen Arten gerne angenommen. Und so hat sich auch eine der größten Falter-Erfolgsstorys der letzten Jahre vor allem in Gärten abgespielt.

Erst vor gut zehn Jahren ist der wärmeliebende Karstweißling aus der Schweiz eingewandert und hat sich seither mit einer Geschwindigkeit von rund 100 Kilometern pro Jahr über fast ganz Deutschland ausgebreitet. Auch im Süden Brandenburgs ist der unscheinbare weiße Falter schon aufgetaucht. Dabei hat er wohl nicht nur vom Klimawandel profitiert, sondern auch von seinem Faible für beliebte Gartenpflanzen. So fressen die Raupen an der Schleifenblume und die Erwachsenen nutzen zum Beispiel den Lavendel als Nahrungsquelle.

Deutlich spektakulärer wirkt allerdings ein weiterer Neuzugang, der in Brandenburg auf dem Vormarsch ist und bereits die Stadtgrenze Berlins erreicht hat. Früher kam der dekorative Segelfalter in Deutschland vor allem in milden Weinbaugebieten vor, wo die Raupen oft an Schlehen knabberten. Inzwischen aber hat er nicht nur neue Regionen, sondern auch neue Pflanzen für sich entdeckt. Speziell in Brandenburg frisst er nun gern an der Traubenkirsche, die sich als invasive Pflanze stark ausgebreitet hat.

So flexibel sind viele andere Tagfalter allerdings nicht. „Auch Berlin und Brandenburg haben in den letzten Jahrzehnten deutlich mehr Schmetterlinge verloren als neue dazugewonnen“, sagt Martin Wiemers. Prekär ist vor allem die Lage der Spezialisten, die an ganz bestimmte Pflanzen und Lebensbedingungen angepasst sind. Wo heute Berlin liegt, wuchsen früher zum Beispiel vor allem Auwälder. Und von deren Bewohnern ist so gut wie nichts geblieben.

Wer mobil und wenig anspruchsvoll ist wie der Distelfalter, hat gute Chancen, in Deutschland heimisch zu bleiben.
Foto: Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut

Brandenburg dagegen hat durchaus noch flatternde Raritäten zu bieten. Denn sowohl Moorbewohner als auch Falter, die auf trockene, nährstoffarme Lebensräume angewiesen sind, kommen hier auf ihre Kosten. Selbst extrem spezialisierte Arten wie die Ameisenbläulinge finden hier letzte Refugien.

Diese parasitischen Schmetterlinge haben sich für einen der exzentrischsten Lebensstile in ihrer ganzen Verwandtschaft entschieden. Zunächst brauchen die Raupen je nach Art jeweils eine ganz bestimmte Futterpflanze. Wenn sie sich dort eine Weile entwickelt haben, lassen sie sich auf den Boden fallen. Durch eine Art chemischen Betrug mit gefälschten Botenstoffen bringen sie dann bestimmte Ameisen dazu, sie in ihr Nest zu schleppen und aufzuziehen. „Das alles kann nur funktionieren, wenn sie sowohl die richtigen Pflanzen als auch die richtigen Ameisen finden“, sagt Martin Wiemers. Das aber gelingt ihnen nur noch selten. So bringt es der Helle Wiesenknopf-Ameisenbläuling nur noch auf vier brandenburgische Fundorte, auch seinem dunklen Verwandten geht es nicht viel besser. Und einen Lungenenzian-Ameisenbläuling hat in Brandenburg seit den 40er-Jahren niemand mehr gesehen.