Öffentliches Baden steht nicht erst seit Corona in Verruf: Im Spätmittelalter wurde es verboten, nachdem Syphilis und Gonorrhöe epidemische Ausmaße angenommen hatten. Der Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert zeigt die Bäder von Plombiere, Frankreich. 
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BerlinInfektionskrankheiten sind gerade in aller Munde, die Sorge vor der zweiten Welle steigt - doch so sehr derzeit Corona die Menschen auf unterschiedlichste Weise beschäftigt, so sehr haben in früheren Jahrhunderten andere Erreger ganze Gesellschaften in Aufruhr versetzt. Ganz groß dabei: die Syphilis.  Früher auch „harter Schanker“  oder „Lustseuche“ genannt, ist sie vielen heute kaum noch geläufig. 

Als die sexuell übertragbare Infektionskrankheit noch nicht durch Antibiotika geheilt werden konnte, wütete sie in ganz Europa. Durch den Befall des zentralen Nervensystems führte sie ohne Behandlung zu langem Siechtum, Demenz und Elend der Kranken, die als Aussätzige oft ein verarmtes Leben am Rande der Gesellschaft führen mussten, bis zu ihrem Tod. Die Kirche inszenierte Syphilis als Gottesstrafe für außerehelichen Sex.

Wer Geld hatte, ließ sich mit Quecksilber behandeln. Erst Paracelsus entdeckte im 16. Jahrhundert, dass die Dosis das Gift macht und viele Syphilis-Patienten an Quecksilber-Vergiftungen starben. Als Wundermittel galt zudem ein bestimmtes Holz, an dessen  Import aus Südamerika aber vor allem die Augsburger Bankiersfamilie Fugger verdiente. Doch woher stammte die tödliche Seuche, die Ende des 15. Jahrhunderts wie aus dem Nichts zu kommen schien, so dass viele vor der Aufklärung an eine schlechte Sternenkonstellation als Ursache glaubten?

Die Syphilis grassierte wohl schon vor Kolumbus in Europa

Bisher gab es die These, die Syphilis sei durch Kolumbus und seine Mannen nach Europa eingeschleppt worden. Doch eine Studie der Uni Zürich zeigt nun, dass sich Menschen in Europa schon vor Ende des 15. Jahrhunderts mit der Krankheit infiziert haben könnten. Vorläufer aus der Familie der Syphilis könnten sogar 2500 Jahre alt sein und in der Alten Welt, beziehungsweise dem heutigen Europa liegen. 

Die Forschenden konnten anhand von DNA-Proben bei vier archäologischen menschlichen Überresten aus Finnland, Estland und den Niederlanden Treponematosen nachweisen. Treponematosen sind Krankheiten, die durch Bakterien der Gattung Treponema verursacht werden: neben Syphilis sind das Frambösie (heute fast nur noch in den Tropen nachweisbar), Pinta (v.a. Zentralamerika) und Bejel (Afrika und Naher Osten). Um die Zeitspanne abzuschätzen, aus der die Krankheitserreger stammten, wurden unter anderem molekulare Datierungen der alten bakteriellen Genome angewandt. Die Ergebnisse legen nahe, dass die vorliegenden Genome aus dem frühen 15. Jahrhundert bis zum 18. Jahrhundert stammen. Kolumbus hat aber erst Ende des 15. Jahrhunderts Amerika entdeckt. 

Und noch etwas entdeckte das Forschungsteam: Das archäologische Skelett aus den Niederlanden wies eine bisher unbekannte Treponema-Linie auf, die sich offenbar neben der Syphilis und der Frambösie entwickelte, heute aber nicht mehr als Krankheit existiert. „Dieser unvorhergesehene Fund ist äußerst spannend für uns“, so Studien-Erstautorin Kerttu Majander von der Uni Zürich. Anscheinend zirkulierten mehrere Arten eng verwandter Treponemen gleichzeitig in Europa, die Erreger überlappten sich wahrscheinlich und infizierten gelegentlich denselben Wirt. 

„Mittels unserer alten Genome besteht nun erstmals besteht die Möglichkeit, den gesamten Treponema-Stammbaum zuverlässiger zu datieren“, so Verena Schünemann, Professorin für Paläogenetik am Institut für Medizinische Evolution der Universität. Die genetischen Analysen ergaben, dass sich der Vorgänger aller modernen Unterarten von Treponematosen vor mindestens 2500 Jahren entwickelt haben muss. Der letzte gemeinsame Vorfahre aller Syphilis-Stämme datiert auf das 12. bis 16. Jahrhundert. „Demnach brach die Syphilis kaum einzig durch Christoph Kolumbus‘ Amerika-Reisen aus“, so Schünemann. Sowohl die Entwicklung als auch die Verbreitung müsse neu bewertet werden, bisherige Thesen zu Syphilis womöglich revidiert werden. 

Covid durch Viren, Syphilis durch Bakterien - beides bleibt gefährlich

Und wie sieht es heutzutage in Berlin aus mit der Syphilis? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ sich durch Arsen ein Großteil der Erkrankten heilen, seit der Entdeckung von Penicillin in den 1950er Jahren ist die Krankheit komplett heilbar. Wird die Krankheit allerdings nicht mit Antibiotika behandelt, können Fieber, Müdigkeit, Kopf-, Gelenk- oder Muskelschmerzen auftreten. Jahre nach der Infektion sind Schädigungen des Gehirns und der Blutgefäße möglich.

In den vergangen Jahren ist die Zahl der bestätigten Syphilis-Fälle in Europa stark angestiegen. Vor allem unter Männern zwischen 25 und 34 Jahren, die in Großstädten leben, wie das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle 2019 belegte. Für den Bericht hat das ECDC in Stockholm die Entwicklung der Syphilis von 2007 bis 2017 in 30 Staaten analysiert - in der EU, Norwegen und Island. Die Zahl stieg demnach seit 2010 um knapp 70 Prozent auf einen Rekordwert von 33.189 Fälle im Jahr 2017. 2016 waren es 29.944 bestätigte Infektionen gewesen. Damit gab es erstmals seit Anfang der 2000er Jahre mehr bestätigte Syphilis- als HIV-Fälle in Europa. 

Die Gründe seien Sex ohne Kondom und mit mehreren Sexualpartnern, kombiniert mit einer geringeren Angst, HIV zu bekommen. Deutschland zählt zu den fünf Ländern, in denen sich die Rate seit 2010 mehr als verdoppelt hat. Ende 2018 meldete auch das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin, dass sich der Anstieg in Deutschland fortsetze. Insbesondere in Berlin und Hamburg erkrankten im Verhältnis zur Einwohnerzahl überdurchschnittlich viele Menschen.

Die meisten Infektionen pro 100.000 Einwohner in einem Bundesland gab es 2018 mit 36 Fällen in Berlin, die wenigsten in Thüringen (4,3). Der Bundesschnitt lag bei 8,8 registrierten Betroffenen pro 100.000 Einwohner. Auffällig war jedoch, dass die Infektionszahlen in Berlin 2018 trotz des Spitzenwerts zurückgingen. Ein vermuteter Grund sind vermehrte Tests und Behandlungen von Syphilis im Rahmen der Prä-Expositionsprophylaxe gegen HIV (PrEP), heißt es im RKI-Bericht. Bei PrEP nehmen HIV-negative Menschen ein Medikament ein, um sich vor HIV zu schützen.

PrEP senkt somit zwar das Risiko einer HIV-Infektion bei ungeschütztem Sex, beugt aber nicht einer Ansteckung mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten vor. Leitlinien zur Verschreibung von PrEP sehen jedoch regelmäßige Tests auf Syphilis vor. Dadurch steige die Zahl der erkannten Syphilis-Fälle zunächst meist an, heißt es in der Analyse. Später könne sie aber sinken, da die Verbreitung der Erreger in der Bevölkerung durch mehr Behandlungen zurückgehe. Ende 2019 vermeldete das RKI für Berlin eine Stagnation der Zahlen auf hohem Niveau. Wie sich die Zahlen im Corona-Jahr 2020 entwickeln werden, bleibt abzuwarten. 

(Daten von dpa und idw/Informationsdienst Wissenschaft)