„Wer weiß, wie lange wir sie noch drücken können?" Kinder mit ihren Großeltern in besseren, coronafreien Tagen.
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BerlinDer Spielplatz ist noch gesperrt. Rot-weiße Absperrbänder um den Sandkasten. Die Rutsche ist abgeklebt. Darunter durchrutschen klappt trotzdem, und es scheint mehr Spaß zu machen. Kinder haben den Spielplatz geentert. Stolz wie kleine Piraten sind sie.

Sie wissen genau, wann sie abhauen müssen, um nicht erwischt zu werden. Einer muss also Schmiere stehen. Erschöpft vom vielen Untendurch-Rutschen sitzen fünf stramme, ungefähr Fünfjährige am Rande des Sandkastens. Der Anführer der Bande steht auf und sagt: „Abstand halten.“ Die Revolution ist vorbei.

Neben dem Spielplatz sitzen drei kleine Mädchen und verkaufen selbst gepflückte Blumensträuße, um die Eiskasse aufzubessern. Alle drei tragen Masken und halten den richtigen Abstand ein. Zwischen ihnen steht eine große Flasche Desinfektionsmittel. Sie erzählen mir, dass zwei von ihnen Geschwister sind, und das andere Mädchen ist ihre Nachbarin, mit der sie gerade oft gemeinsam zu Hause spielen, denn die Kita ist ja zu. Warum sie also die Masken tragen, wissen sie nicht. Das macht man eben so heute. Nächste Woche ist die Kita wieder offen, und sie freuen sich riesig darauf, ihre Freunde wiederzusehen.

Ich sitze mit einem Freund auf dem Balkon, um auf seinen Geburtstag anzustoßen. Wir haben einen famosen Ausblick über die Dächer Berlins und auf den Platz an der Kirche, an welchem er schon lange wohnt. Es ist ein großartiger Freitagabend im Mai, in einer anderen Welt. Bei einem genaueren Blick ist alles anders. Manchmal denke ich kurz, ich bin im falschen Film – einem SF-Film der Sorte „Outbreak“. Überall Masken. Überall Angst. Eine Kollegin, die mich besucht, geht immer einen Schritt zurück, während wir miteinander sprechen. Das fühlt sich komisch an, abweisend. Argwöhnische Blicke überall. Zurückweichen. Abstand halten. Frauen im Kreißsaal unter der schweren Arbeit einer Geburt. Sie tragen Masken.

Ständig rutscht sie herunter, die Maske. Die Frau wird sie die gesamte Zeit der Geburt hindurch tragen müssen, und das kann dauern. Gesund ist das nicht. Ich kann nicht sehen, wie ihre Mimik ist, was sie fühlt. Sagt sie etwas zu mir, kann ich sie kaum verstehen und sie mich auch nicht. Wir müssen uns fast anschreien, um miteinander zu kommunizieren. Der Abstand soll auch hier so gut es eben geht eingehalten werden. Es geht eben nicht so gut.

Anfassen darf ich sie nur mit Handschuhen. Eine kurze Berührung der Hand oder des Arms ist unmöglich. Da ist immer diese Gummischicht dazwischen. Ihr Baby wird seine Mutter als erstes nur halb sehen können, denn sie wird eine Maske tragen.

Wie konnte das alles nur in so kurzer Zeit passieren und uns so sehr verändern? Verlernen wir zu berühren, verlernen wir einen normalen Kontakt, oder ist das die neue Welt, an die wir uns gewöhnen müssen oder es schon längst getan haben?

Was passiert, wenn wir niemals den Schritt zur Normalität wagen?

Vor allem aber, was macht es mit unseren Kindern?

Am liebsten würde ich mich mit einem Schild auf die Straße stellen, auf dem steht: „Hier gibt’s Umarmungen, einfach so“. Ich frage alle, die mitmachen wollen, und dann machen wir die Umarmungsrevolution, jawohl.

Auf vieles zu verzichten, was unseren Alltag so angenehm macht, fällt mir nicht schwer. Das nun alles etwas länger dauert und uns demütig entschleunigt oder wütend macht, das nehme ich gern in Kauf. Aber Freunde nicht mehr umarmen zu können, dass beängstigt mich zutiefst, und ich vermisse es. Oder aber meinen Vater fest zu drücken, der das aus seiner Generation nicht kennt und dass ihm irgendwie komisch ist. Ihn nicht mehr zu umarmen, das darf es nicht geben. Denn wer weiß, wie lange ich ihn noch drücken kann. Das Umarmungs-Emoji gibt es nun auch schon, und es wird massenweise verschickt.

Ein Video aus England von einem Jungen und seiner Oma rührt mich zu Tränen. Der Enkel hat aus Folie zwei Mäntel geschneidert, sie zusammengeklebt und auf einer Wäscheleine aufgehängt. Beide ziehen den an der Leine hängenden Mantel an, jeder von seiner Seite.

So kann er endlich seine Großmutter wieder umarmen.