Bisphenol A kann unter anderem in Plastikflaschen stecken. 
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Iowa CityDie Umweltchemikalie Bisphenol A (BPA) erhöht einer Studie zufolge die Sterblichkeit. Menschen, bei denen höhere BPA-Werte gemessen worden waren, hatten im Vergleich zu Menschen mit niedrigeren BPA-Werten ein höheres Risiko, vorzeitig zu sterben. Das berichten US-Forscher im Fachmagazin Jama Network Open. Die zugrunde liegenden Mechanismen seien noch nicht bekannt. Denkbar sei, dass die Chemikalie Entzündungsprozesse hervorruft oder die Steuerung der genetischen Aktivität beeinflusst.

Bisphenol steckt in zahlreichen Alltagsprodukten vor allem aus bestimmten Kunststoffen oder Epoxidharzen – in Plastikflaschen, Konservendosen, Thermopapier, CDs, Bodenbelägen oder auch medizinischen Materialien wie Zahnfüllungen. Aufgrund der weiten Verbreitung sind Spuren der Substanz auch im menschlichen Körper nachweisbar – in den USA etwa bei 90 Prozent der Bevölkerung, wie die Forscher um Wei Bao von der University of Iowa schreiben.

Seit 2018 ist BPA in der EU als „besonders besorgniserregender Stoff“ in der Chemikalienverordnung Reach gelistet. Bereits seit 2011 darf die Substanz nicht mehr zur Herstellung von Baby-Trinkflaschen eingesetzt werden. Seit Januar dieses Jahres gilt ein Verbot von BPA in Thermopapier, etwa in Kassenbons. BPA zählt zu den Stoffen mit hormonähnlicher Wirkung – greift also in das Hormonsystem von Menschen und Tieren ein – und kann etwa die Sexualfunktion und Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen beeinträchtigen. Studien weisen auch darauf hin, dass die Substanz mit der Entstehung von Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung steht.

Mechanismus noch unklar

Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Auswirkungen seien aber rar und die Frage, inwieweit Bisphenol A die Sterblichkeit beeinflusst, ebenfalls unklar, schreiben die Forscher. Sie analysierten nun Daten von insgesamt 3883 Teilnehmern einer US-Bevölkerungsstudie, in denen verschiedenen Aspekte zu Gesundheit und Ernährung über längere Zeit untersucht wurden. Die Teilnehmer beantworteten unter anderem Fragen zu ihrem Verhalten und gaben Urinproben ab, in der die Forscher den BPA-Gehalt maßen. Die Wissenschaftler verfolgten das Schicksal der Teilnehmer im Schnitt zehn Jahre lang. Schließlich verknüpften sie die Daten der Teilnehmer mit der nationalen Sterbefall-Datenbank, in der auch die Todesursachen erfasst sind.

Im Beobachtungszeitraum verstarben 344 Teilnehmer, darunter 71 an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und 75 an Krebs. Probanden, bei denen eine höhere BPA-Belastung (mehr als 5,7 Nanogramm pro Milliliter) gemessen worden war, hatten der Auswertung zufolge ein 1,5 Mal höheres Risiko, vorzeitig an Krankheiten aller Ursachen zu sterben, als die der am niedrigsten belasteten Gruppe (0,7 Nanogramm pro Milliliter). Der Unterschied war statistisch bedeutsam.

Ebenfalls erhöht war das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Allerdings war dieser Zusammenhang nicht statistisch signifikant. Für Krebserkrankungen fanden die Forscher keinen Zusammenhang. Andere mögliche Einflussfaktoren wie die ethnische Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, verschiedene Ernährungs- und Lebensstilfaktoren und Körpergewicht hatten die Forscher bei der Analyse herausgerechnet.

Ersatz-Substanzen offenbar auch nicht besser

„Der mögliche Mechanismus, der dem mit BPA assoziierten erhöhten Sterberisiko zugrunde liegt, muss noch erforscht werden“, schreiben die Wissenschaftler. Denkbar sei, dass die Substanz den Kalziumstoffwechsel im Herz beeinflusse, Ionenkanäle hemme oder aktiviere, oxidativen Stress und Entzündungen hervorrufe oder die genetische Aktivität verändere.

Ein Schwachpunkt der Studie sei, dass der BPA-Wert nur in einzelnen Urinproben der Teilnehmer gemessen worden sei. 24-Stunden-Messungen seien in Studien mit vielen Teilnehmern schlicht zu aufwendig. Es sei zudem denkbar, dass es weitere, unbekannte Einflussfaktoren gebe, die die Forscher in ihrer statistischen Auswertung nicht berücksichtigt haben und die die Zusammenhänge erklären könnten.

Obwohl die BPA-Exposition in den USA zurückgegangen sei, sei die Chemikalie auch 2013/14 noch in fast 96 Prozent der Urinproben der Studienteilnehmer nachgewiesen worden. Aufgrund der vielfältigen toxischen Wirkungen sei es dringend geboten, die Exposition zu senken. Die Forscher raten allerdings zu Vorsicht bei den derzeit zunehmend eingesetzten Alternativen wie Bisphenol F oder Bisphenol S. Die gesundheitlichen Wirkungen dieser Substanzen seien weitgehend unerforscht. Einige vorläufige Studienergebnisse deuteten darauf hin, dass auch sie gesundheitsschädlich sind. (dpa/fwt)