Menschen drängen sich auch in der Corona-Zeit in einem Geschäftsviertel im japanischen Osaka.
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Seattle/WienDie Weltbevölkerung wird um das Jahr 2064 herum ihren Höchststand erreichen. 9,7 Milliarden Menschen leben dann auf der Erde. Von da an schrumpft die Zahl deutlich. Ende des Jahrhunderts bewohnen 8,8 Milliarden Menschen den Planeten – etwa zwei Milliarden weniger, als die Vereinten Nationen im vorigen Jahr vorhergesagt haben. Diese Prognose ist vor einigen Tagen im Fachblatt Lancet erschienen. Entwickelt haben sie Forscher des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der University of Washington in Seattle, USA. Sie verkünden für den Verlauf des derzeitigen Jahrhunderts tiefgreifende Umwälzungen.

Im Mai 2020 lebten auf der Erde etwa 7,8 Milliarden Menschen. In ihrer Publikation „World Population Prospects 2019“ hatten die Vereinten Nationen prognostiziert, dass es im Jahre 2100 wahrscheinlich 10,9 Milliarden sein werden. Doch die Forscher aus Seattle haben eine andere Prognose. Ihrer Studie zufolge wird die Bevölkerung in 23 Ländern – vor allem in Europa und Asien – im Vergleich zu heute um mehr als die Hälfte schrumpfen. 

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Lancet, UNO, afp

Zu diesen Ländern zählen ihrer Meinung nach Polen, die Ukraine, Italien, Spanien, Portugal, Japan und Thailand. Selbst die Bevölkerung Chinas soll sich den Berechnungen zufolge nahezu halbieren – von 1,4 Milliarden Menschen im Jahr 2017 auf 732 Millionen im Jahr 2100. In insgesamt 183 von 195 Ländern erwarten die Forscher am Ende des Jahrhunderts so niedrige Geburtenraten, dass sie ihre Bevölkerungszahlen ohne Einwanderung nicht aufrechterhalten können. Dazu gehört auch Deutschland.

Als Grundlage für ihre Aussagen nutzten die Forscher die Daten des Berichts „Global Burden of Disease“ von 2017, der weltweite Trends zu Gesundheit und Geburtenraten zeigt. Sie entwickelten eigenen Aussagen zufolge neuartige Methoden, um die Entwicklung von Sterblichkeit, Fruchtbarkeit, Migration und Bevölkerung vorherzusagen. Sie bewerteten dabei auch die möglichen wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass anhaltende Trends beim Bildungsstand von Frauen und beim Zugang zur Empfängnisverhütung den Rückgang der Fruchtbarkeit und des Bevölkerungswachstums beschleunigen werden“, schreiben die Wissenschaftler um Christopher Murray, Forscher für globale und öffentliche Gesundheit und zugleich Institutsleiter des IHME in Seattle.

Die globale Geburtenrate von etwa 2,37 Kindern pro Frau im Jahr 2017 wird demnach bis zum Jahr 2100 auf einen Wert von 1,66 sinken – und damit deutlich unter die für eine stabil bleibende Bevölkerungsgröße erforderliche Marke von 2,1. So die Prognose der Forscher. Diese Trends verändern ihrer Meinung nach die demografische Struktur massiv. Der Prognose zufolge werden im Jahr 2100 auf der Erde 2,37 Milliarden Menschen im Alter von über 65 Jahren leben. Demgegenüber werden aber nur 1,7 Milliarden Menschen unter 20 Jahre alt sein.

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Geschichte des Wachstums

Täglich wächst die Weltbevölkerung heute statistisch gesehen um etwa 219.000 Menschen, Im Jahr sind es fast 80 Millionen. Vor 500 Jahren lebten noch ungefähr 500 Millionen Menschen auf der ganzen Erde – etwas mehr, als die Europäische Union heute Einwohner hat. Das große Bevölkerungswachstum setzte etwa ab 1700 ein, was unter anderem den britischen Ökonom Thomas Robert Malthus dazu bewegte, 1798 vor der „Bevölkerungsfalle“ zu warnen. Seiner Meinung nach wuchs die Bevölkerung exponentiell, die Nahrungsproduktion aber nur linear, was zu Katastrophen führe. Malthus unterschätzte aber die Potenzen der Industrialisierung und Intensivierung – mit neuen Technologien, Arbeitsteilung und Massenproduktion, auch in der Landwirtschaft. 1804 betrug die Weltbevölkerung schon eine Milliarde Menschen. Innerhalb des 20. Jahrhunderts verdreifachte sie sich. 1927 waren es zwei Milliarden, 1960 drei Milliarden, 1974 vier Milliarden, 1987 fünf Milliarden, 1999 sechs Milliarden und 2011 sieben Milliarden Menschen. Für 2023 wird die Überschreitung der Acht-Milliarden-Grenze vorhergesagt.

„Ein dauerhafter globaler Bevölkerungsanstieg ist nicht mehr länger die wahrscheinlichste Entwicklung der Weltpopulation“, erklärt Christopher Murray. „Diese Studie bietet Regierungen aller Länder eine Gelegenheit, ihre jeweilige Politik in Bezug auf Einwanderung, Arbeitskräfte und wirtschaftliche Entwicklung zu überdenken, um die Herausforderungen durch den demografischen Wandel anzugehen.“ Die demografischen Umwälzungen werden an der globalen Wirtschaftsordnung rütteln, prognostizieren die Forscher. Demnach wird China die USA im Jahr 2035 als Land mit dem größten Bruttoinlandsprodukt (BIP) ablösen, dann allerdings unter seinem Bevölkerungsrückgang leiden.

Die USA könnten 2098 wieder das weltweit größte Bruttoinlandsprodukt erreichen, weil ihre Bevölkerungszahl leicht steigt. Sie werden der Prognose zufolge Ende des Jahrhunderts 336 Millionen Einwohner haben. Zurzeit sind es etwa 328 Millionen. Die Forscher führen den Anstieg darauf zurück, dass Bildung und Familienplanung in einigen Teilen der USA an Bedeutung verloren haben. Deutschland, Frankreich und Großbritannien können den Schätzungen zufolge ihre führenden Rollen unter den Wirtschaftsnationen beibehalten, während Italien und Spanien deutlich abfallen. Australien und Israel gewinnen durch Zuwanderung auch wirtschaftlich an Bedeutung.

Für Deutschland prognostizieren die Forscher bis 2035 einen Anstieg der Bevölkerung auf 85 Millionen Menschen, dem bis zum Jahr 2100 ein Rückgang auf 66,4 Millionen folgt. Die Geburtenrate liegt dann bei durchschnittlich 1,35 Kindern pro Frau, wie die Forscher schreiben. Statistiken zufolge lag sie im Jahre 2019 bei 1,57. Am höchsten war sie noch in Niedersachsen und Brandenburg, besonders niedrig in Berlin, Hamburg und im Saarland.

Die Forscher ziehen auch politische Schlüsse. Wenn Länder mit hohem Einkommen und niedrigen Geburtenraten ihre derzeitige Population, ihr Wirtschaftswachstum und ihre geopolitische Sicherheit erhalten wollten, dann sollten sie offene Einwanderungsregelungen erlassen und eine Sozialpolitik betreiben, „die Familien darin unterstützt, ihre gewünschte Kinderzahl zu haben“, meint Christopher Murray. Außerdem sollten Frauenrechte auf der Agenda jeder Regierung oberste Priorität haben. „Falls die Vorhersagen von Murray und Kollegen nur halbwegs zutreffen, wird Zuwanderung für alle Nationen nicht nur eine Option werden, sondern eine Notwendigkeit“, schreibt der Epidemiologe Ibrahim Abubakar vom University College London in einem Lancet-Kommentar. Die Verteilung der Populationen im arbeitsfähigen Alter werde darüber entscheiden, „ob die Menschheit gedeiht oder verkümmert“.

Nur zwei Erdregionen werden der Prognose zufolge im Jahr 2100 eine größere Bevölkerung haben als derzeit. In Afrika südlich der Sahara leben dann gut drei Milliarden Menschen – fast dreimal mehr als heute. In der Region Nordafrika und Vorderasien gibt es statt heute 600 Millionen dann 978 Millionen Menschen. Die Forscher räumen ein, dass ihre Prognosen unter anderem von der Qualität der ausgewerteten Daten abhingen. Außerdem seien Trends der Vergangenheit nicht unbedingt entscheidend für die Zukunft, schreiben sie. 

Sie verweisen darauf, dass der Rückgang der Weltbevölkerung insgesamt möglicherweise „eine gute Nachricht für die globale Umwelt“ sein könnte - mit weniger CO2-Emissionen, weniger Stress für die Nahrungsmittelsysteme und die globalen Ressourcen. Zugleich könnten Umweltzerstörungen und Klimawandel dramatische Folgen haben, wenn nicht energische Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen würden. Vor allem aber sehen die Forscher auch ernsthafte Konsequenzen aus der Veränderung der Altersstruktur in vielen Ländern: für Wirtschaft, Steuern, Versicherungen, Gesundheitssysteme und vieles andere. Sie kritisieren, dass viele Länder mit „demografischem Niedergang“ die Zuwanderung nicht als Ausgleichsstrategie angenommen hätten. Dazu zählen sie unter anderem Japan, Ungarn, die Slowakei und die baltischen Staaten.

Wolfgang Lutz, Direktor am Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, hält die Vorhersagen der Forscher zur Bevölkerungsentwicklung für belastbar. „Bevölkerungsprognosen sind tendenziell längerfristig valide als etwa Wirtschaftsprognosen“, sagt der Demograf. „Geburtenraten und der Anstieg der Lebenserwartung sind langsame Prozesse über Jahrzehnte, die keine plötzlichen Sprünge machen.“ Migration allerdings unterliege auch kurzfristigen politischen Einflüssen, wie zum Beispiel die Entwicklung in Syrien gezeigt habe.

Nach Aussagen von Wolfgang Lutz haben auch die Berechnungen des Wittgenstein Centre ergeben, dass der Gipfel des Wachstums der Weltbevölkerung deutlich vor dem Ende des Jahrhunderts liegen wird. Der Schlüssel zur Bevölkerungsentwicklung sei die Bildung von Frauen, und zwar unabhängig von der Weltregion. Modellierungen weit in die Zukunft zeigen laut Lutz, dass die Erdbevölkerung bis zum Jahr 2200 auf etwa drei Milliarden Menschen zurückgehen würde, wenn alle Länder bis zum Ende dieses Jahrhunderts das derzeitige Niveau der europäischen Geburtenraten erreichten. (dpa/fwt)